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Mit „Reichsbürger“ Xavier Naidoo auf den ESC: die einsame Fehl-Entscheidung der ARD

Xavier Naidoo hat sich erstmals nach langem Schweigen zu den Geschehnissen bei der ESC-Nominierung geäußert

Ob die ARD mit dem heftigen Shitstorm wegen der Berufung Xavier Naidoos als deutscher Vertreter für den Eurovision Song Contest in Stockholm gerechnet hat? Ahnen hätte sie es jedenfalls können. Zwar hatte sich die Aufregung um seine bestenfalls krude zu nennenden Ansichten etwas gelegt, doch vergessen waren sie keineswegs. Falls die ARD Angst vor einem neuerlichen Eklat gehabt haben sollte, ging die Fehler-Vermeidungs-Strategie gründlich in die Hose.

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Ungesunde Nähe zu rechtspopulistischen Verschwörungstheoretikern wird Xavier Naidoo u.a. vorgeworfen und latente Homophobie. Der Vorwurf mit dem Rechtspopulismus gründet vor allem auf seinen Auftritten bei Veranstaltungen am Tag der Deutschen Einheit 2014. Naidoo sprach sowohl bei der „Reichsbürgerbewegung“ und bei der Mahnwache für den Frieden. Beides sind obskure Gruppen, die dem rechten Milieu zuzuordnen sind. Naidoo erläuterte dort seine des öfteren wiederholte Ansicht, dass es sich bei der Bundesrepublik Deutschland nicht um einen souveränen Staat handle. Eine Aussage, die fest zum Kanon von rechten Verschwörungstheoretikern gehört. Und so einer soll Deutschland beim Song Contest vertreten. Ein schräger Einfall.

Kritisiert wurde er auch 2012 wegen dem gemeinsam mit Kool Savas eingespielten Song „Wo sind sie jetzt“, der als Hidden Track auf einem Album veröffentlicht wurde. Angeblich wollte Naidoo mit dem derb-obszönen Text Ritualmorde an Kindern anprangern. Zahlreiche Kritiker warfen ihm allerdings Gewaltverherrlichung und Homophobie vor. Vorwürfe, die sich bei einem Blick auf den Liedtext nachvollziehen lassen.

Nach dem Theater um seinen Reichsbürger-Auftritt hielt sich Xavier Naidoo mit politischen Äußerungen zurück. Zuletzt hatte er Erfolg mit der Musikshow „Sing meinen Song“ bei Vox, ein Format, das gerade mit dem Medienpreis Bambi ausgezeichnet wurde.

Warum nun aber die Idee, Naidoo für den ESC zu verpflichten? Nach der Megapleite vom vergangenen Jahr mit dem Rückzug des Vorentscheid-Siegers Andreas Kümmert in der Live-Sendung und dem (unverdienten) Null-Punkte-Untergang der Zweitplatzierten Ann Sophie.

Die einsame Nominierungs-Entscheidung der ARD zu Gunsten von Xavier Naidoo trägt die Handschrift von Leuten, die auf Nummer Sicher gehen wollen. Man nehme einen bekannten und erfolgreichen deutschen Sänger mit großer Bühnen-Erfahrung und lässt die Zuschauer nur noch über Song und Inszenierung abstimmen. Dass die Abstimmung über diverse Songs eines einzigen Interpreten über die Länge einer Abendshow recht ermüdend wird, wie das Beispiel des zweiten ESC-Durchgangs mit Lena Meyer-Landrut zeigte, haben die Verantwortlichen entweder vergessen, es ist ihnen egal oder sie betrachten dies als das kleinere Übel.

Und ja, OK, da waren diese komischen Vorwürfe gegen Naidoo. Weiß vermutlich eh keiner mehr und falls doch, wischt der NDR-Verantwortliche für den ESC, Thomas Schreiber, die in einem hauseigenen Interview mit Verweis auf Naidoos Engagement für Flüchtlinge und eigene Diskriminierungs-Erfahrungen vom Tisch. Fertig ist der ESC. Denkste!

Aktuell hat sich ein massiver Shitstorm über der ARD und Xavier Naidoo im Web entladen. Die ARD hat vielleicht unterschätzt, dass sehr viele netzaffine Menschen und auch viele homosexuelle Menschen eine starke Beziehung zum Song Contest haben und die Berufung Naidoos geradezu als Affront betrachten. Ein paar Witzchen, wie es der ESC-Twitter-Account versucht, werden diese Wut-Welle nicht abebben lassen.

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