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Zwischenruf: Der Terror hat uns schon überholt

Abgesagtes Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft in Hannover: Das Desaster hätte man sich sparen können
Abgesagtes Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft in Hannover: Das Desaster hätte man sich sparen können

Seit dem trotzigen „Jetzt erst recht“ sind die öffentlich-rechtlichen Sender einig in einer Mittteilung: Wir sagen, wie man mit dem Terror umzugehen hat: Das normale Leben einfach weiter leben. Gleichzeitig liefern die Sender uns pausenlos aufgeregte Moderationen, immer wieder, immer wieder. Das ist ein unerhörter Widerspruch. Den anzumerken, gegen das trotzige „business as usual“ anzuschreiben, wird wenig Sinn haben. Der Terror hat uns auch auf diesem Wege schon überholt.

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Von Ulrich Schulze

Mittwoch, 18. November, Buß- und Bettag – in Sachsen als einzigem Bundesland ein Feiertag. Zeit zum Innehalten. Nachdenken. Vielleicht Beten. Das Fernsehen nimmt davon nicht einmal in einem Nebensatz Notiz. Sendet stattdessen stundenlang aus Paris, Hannover, Berlin, London.

Am frühen Morgen eskaliert im Pariser Distrikt Saint Denis eine Razzia, ein stundenlanger Großeinsatz gegen Terroristen nimmt seinen dramatischen Lauf, hunderte Polizisten belagern ein Haus, stürmen es; eine Frau sprengt sich in die Luft, ein Mann wird erschossen, sieben Personen werden festgesetzt – alles vor laufenden Fernsehkameras. Der Medien- und der Terrorhype erfährt seit Freitagabend mit jeder Stunde einen neuen Höhepunkt.

Am Abend zuvor war das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande Minuten vor Anpfiff abgesagt worden – Hannover blieb ruhig, die Medien weiter aufgeregt. Dass Marietta Slomka das Bonmot unterlief: Deutschland gegen Niederlage, mag man als Gag abtun, als Lapsus, als Versprecher, wie einst (1973) Schalke 05 von Carmen Thomas. Es war jedoch mehr. Denn es gehört in die Rubrik Meinungsmache. Frau Slomka moderiert ja längst nicht mehr Nachrichten. Sie strickt sie in ihrer Sendezeit um zu einem politischen Magazin, durchaus garniert mit der eigenen Meinung. So kommt es schon fast unbewusst zu solchen Versprechern. Und hier schließt sich der Kreis.

Es ist wie im deutschen Herbst 1977. Politiker und Medien reden, senden, sind rat- aber beileibe nicht sprachlos: So recht weiß (und wusste auch damals) niemand, was eigentlich richtig wäre, was falsch, alle stochern im Nebel. Aber das laut vernehmlich und ermüdend in der Wiederholungsschleife.

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Statt einigen Stunden des Schweigens, statt einigen Tagen des Innehaltens, statt einfach einmal ein paar der aufgeregten Lebensweisen – Tanzen und Feiern zwischen Volkstrauertag und Totensonntag! – einfach beiseite zu lassen, obsiegt der Trotz: Wir spielen. Wollte wirklich niemand wahrnehmen, dass sechs Stammspieler abgesagt hatten; wirklich nur, weil sie krank waren? Hatte nicht Löw samt der Mannschaft zunächst spontan entschieden: wir spielen nicht, Das wurde dann umgedreht zum trotzigen „Jetzt erst recht“.

Nach der Nacht von Paris erlebte „Die Mannschaft“ – wie sie sich selbst nennt – innerhalb von vier Tagen zum zweiten Mal Stunden der Angst; genauer: sie wurde dieser Angst bewusst ausgesetzt. Völlig unnötig. Das Desaster von Hannover hätte man sich sparen können, hätte man sich am Sonntag (oder spätestens am Dienstagmorgen wie Belgien) dafür entschieden, das Spiel abzusagen – zumal ja, wie man nun sieht und weiß, die Gefahr eines Anschlags evident war. Unbedingt spielen zu wollen, war die falsche Entscheidung, die Begründung dafür ist es auch.

Soweit so schlecht. Leider sind wir aber noch nicht am Ende:

Am Mittwochmorgen wurde bekannt, dass bei Mordanschlägen (mutmaßlich der Terrormiliz Boko Haram) im Dorf Yola im Nordosten Nigerias, mehr als 30 Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt worden. Bomben seien am Abend mitten in der Stadt auf einem Markt in einer wartenden Menschenmenge explodiert. Wann haben ZDF und ARD darüber berichtet? Gegen Mittwochmittag in wenigen Sätzen. Vielleicht sind Ereignisse in Afrika tatsächlich Nebensache. Aber: Laut dem am Dienstag veröffentlichten Weltterrorismusindex wurden im vergangenen Jahr durch Anschläge von Boko Haram mehr Menschen getötet als durch jede andere Extremistengruppe weltweit.

Da müssten ARD und ZDF einhaken. Denn bei der Terrorbekämpfung ist es, sagen wir: gegen fünf vor Zwölf. Weil die nächsten Anschlage schon geplant sind – und weil gegen den Terror in Afrika (auch der von Al Shabaab in Somalia und Kenia) endlich entschiedener vorgegangen, weil auch dieser Terror an seiner Wurzel bekämpft werden muss. Denn er bedroht die friedlichen Länder in Afrika, die wiederum ihre Bürger im Lande brauchen, nicht auf den Fluchtwegen nach Europa. Terror (und Korruption) sind die Ursachen der Flüchtlingsströme aus Afrika – mit ihnen flieht die Zukunft des Kontinents. Hier beginnt die Aufgabe der Politiker, vor allem jener in Afrika. Und beginnt auch die Aufgabe von ARD und ZDF, auf diese Zusammenhänge hinzuweisen, sie auch in Zeiten des Terrors in Europa darzustellen.

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Alle Kommentare

  1. Ein hervorragender Kommentar, der in Zeiten der Hektik, der Emotionalität der „Lackmustest“ für einen verantwortungsvollen Journalismus ist, weil er mahnt zur Besinnung zu kommen. Das ist für uns Journalisten und die Gesellschaft mindestens so wichtig, wie für Innenminister gut abzuwägen, was sie sagen. Schulze stellt unseren Betrieb in Frage. Steht uns gut zu Gesicht, das auszuhalten. Das erwarten wir von anderen auch.

  2. Guter und wahrer Artikel.
    Aber es war nicht Marietta Slomka mit dem Fauxpas, sondern Caren Miosga, die sagte „Deutschland gegen Niederlage“. 🙂

  3. Herr Schulze, was wollen Sie eigentlich: Gegen öffentlich-rechtliche Sender maulen oder gleich gegen alle, also auch n-tv und sky? Natürlich ist jetzt ein Overkill, aber lesen Sie doch mal genüsslich andere Artikel auf meedia.de zu diesem Thema: Da wird ARD und ZDF schon mal vorgeworfen, „zu verschnarcht“ zu sein und nicht schnell genug die Sportreporter von einer Live-Übertragung abgezogen zu haben.

    Vielleicht wird es heute wirklich ein Problem, mit solchen „neutralen“ Beobachtungen sein Geld zu verdienen?

    1. Dem stimme ich zu!
      Der Artikel ist völlig überzogen. Den Versprecher von Miosga so hinzustellen, als wäre er Absicht oder gar eine unbewusste Meinungsmache ist nicht nur lächerlich, sondern zeigt, wie dringend der Autor nach irgendwelchen Argumenten sucht. Das sind Fehler, die passieren, in einem anderen Kontext hätte sich ganz Deutschland an diesem Versprecher gefreut.
      Und das heute-journal ist – im Übrigen – dafür da, es magazinartig aufzubauen, aber soviel Wissen sollte man einem Meedia-Autor ja eigentlich noch zutrauen dürfen.
      Schade, dass hier soviel Umdeutung passiert und mal wieder nur auf die öffentlich-rechtlichen Sender geschimpft wird. Das, was die Privaten gemacht haben, war ja sicher um ein Vielfaches besser, oder? Und oben im Titelbild dennoch n24, n-tv und Sky mit einzubauen, wenn man NUR auf die öffentlich-rechtlichen eingeht, ist auch nicht gerade großer Stil. Phoenix vermisse ich in dem Artikel auch.
      Ganz, ganz schwache Leistung, liebes Meedia-Team.

  4. Und unsere Aufgabe ist auch, unsere „Westlichen Werte“ zu hinterfragen… Oder ist es okay, sich mit Saudi-Arabien ins Öl-Bett zu legen? Exportsubventionen für landwirtschaftliche Produkte, die die lokale Agrarindustrie in den Entwicklungsländern zerstört, gleichzeitig aber sich gegen deren Produkte abzuschotten??? Den Afrikanern die Küsten leer fischen? Und das seit Jahrzehnten?

    Fairness sieht anders aus!

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