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„Pseudo-Reality-Serien finde ich abscheulich“: Bastian Pastewka über deutsches TV und seine Rolle in „Morgen hör ich auf“

Bastian Pastewka spricht im MEEDIA-Interview über „Morgen hör ich auf“ und die ständige Kritik am deutschen Fernsehen
Bastian Pastewka spricht im MEEDIA-Interview über "Morgen hör ich auf" und die ständige Kritik am deutschen Fernsehen

Im Januar startet das ZDF seine neueste Serien-Hoffnung: "Morgen hör ich auf" mit Bastian Pastewka. Schnell machte Anfang des Jahres wegen Handlungs-Parallelen der "Breaking Bad"-Vergleich in den Medien die Runde. Im MEEDIA-Interview betont Pastewka: Es bringt nichts, den amerikanischen Vorbildern hinterher zu eifern. Die ständige Kritik am deutschen Fernsehen hält er außerdem für unberechtigt – obwohl es durchaus Sendungen gibt, die er "abscheulich" findet.

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Der Vergleich mit „Breaking Bad“ klebt an „Morgen hör ich auf“ wie Kaugummi. Stört Sie dieser Vergleich?
Bastian Pastewka: Der „Breaking Bad“-Vergleich erreichte uns, als die Drehbücher für die ersten beiden Folgen schon fertig waren. Dabei war es allen Beteiligten von Anfang an immer klar, dass wir kein „deutsches Irgendwas“ machen möchten. Es hat aus gutem Grund kein deutsches „Sex and the City“ gegeben und auch kein deutsches „Ally McBeal“ oder ähnliches. Mich persönlich hat es sehr überrascht, als plötzlich Überschriften wie „ZDF dreht Breaking Bad mit Bastian Pastewka nach“ durchs Netz geisterten. Ich bekam damals SMS von Freunden, die mit meinem Beruf gar nichts zu tun haben, in denen stand: „Mensch, Pastewka, endlich machst du mal was Vernünftiges.“

Was macht „Morgen hör ich auf“ Ihrer Meinung nach zu etwas Besonderem für die deutsche Fernsehlandschaft?
Bastian Pastewka: So weit würde ich nicht gehen, denn niemand kann Erfolg oder Besonderheit im Voraus versprechen. Ich sage das nicht aus Bescheidenheit oder Koketterie, sondern weil ich Respekt vor den Zuschauern habe, die sich ihr eigenes Bild machen wollen. Deshalb möchte ich der Serie nicht im Vorfeld ein weiteres Etikett aufdrücken. Außerdem glaube ich auch nicht, dass wir rein von unserem Sujet her richtungweisend sind. Schließlich liebt das Publikum, und zwar speziell das deutsche Publikum, Fortsetzungsgeschichten schon seit es das Fernsehen gibt. Heute tun viele so, als wäre die Idee einer horizontalen Serie etwas Neuartiges und behaupten, seit den „Sopranos“ sei alles anders. Natürlich haben die „Sopranos“ die Wertigkeit der Serie noch einmal erhöht. Aber man darf auch nicht vergessen, dass es davor schon sehr viele gute Produktionen hab, wie zum Beispiel „Emergency Room“ oder „Akte X“, die von der Optik und der Besetzung her deutlich beeindruckender waren als „Lassie“, „Bonanza“, „Flipper“ oder ähnliche Gebrauchsware aus einer Zeit, in der Fernsehen noch neu war. Diesbezüglich schauen wir mit „Morgen hör ich auf“ also nicht in die Zukunft. Aber wir freuen uns dennoch sehr, eine Serie im ZDF-Hauptprogramm zu platzieren, die über fünf Wochen nicht an Spannung verliert.

Die Erwartungen an „Morgen hör ich auf“ sind hoch, eben auch weil es im Vorfeld als „deutsches Breaking Bad“ tituliert wurde. Gibt es spezielle Reaktionen, die sie sich vom Publikum erhoffen?
Bastian Pastewka: Das Publikum ist ein wahnsinnig unberechenbarer Faktor. Ich wünsche mir natürlich, dass wir einen Erfolg verbuchen können. Die Frage ist nur: Worin misst sich dieser Erfolg? Ich persönliche hoffe, dass wir ein interessiertes Publikum erreichen und zwar sowohl im Fernsehen als aber auch in der Mediathek und über die DVD, die Ende Januar erscheint.

Jochen Lehmann ist ein überforderter Familienvater, der Falschgeld druckt, um seine Familie zu retten, sie dadurch aber ins totale Chaos stürzt. Inwiefern können Sie sich mit Ihrer Serienfigur identifizieren?
Bastian Pastewka: Was mir direkt zu Beginn auffiel: Sehr oft fand ich die Zeile „Ich krieg das hin“. Diesen Satz sagt Jochen tatsächlich in jeder Folge mindestens einmal zu seiner Frau Julia. Daraus habe ich geschlossen, dass er eine Person ist, die natürlich überhaupt nichts mehr hinkriegt, sonst müsste er das nicht permanent betonen. Seine Ehe kriselt und seine drei Kinder, von denen zwei die Pubertät streifen, haben Bedürfnisse, die er nicht erfüllen kann – weder auf der väterlichen Ebene noch auf der finanziellen. Dass er ihnen kein Taschengeld mehr zahlen kann, dass der Internetanschluss gekündigt wird und seine jüngste Tochter nicht zum Schulausflug kann: Das ist sind zwar Schmerzen, die ihn antreiben, die er aber nicht konkret angeht. Ganz im Gegenteil, er macht Pläne, ohne diese mit seiner Familie zu besprechen – und da liegt das eigentliche Problem. Wir schauen einer Familie zu, die langsam auseinanderbricht. Dazu kommt, dass Jochen schon nach dem Drucken des ersten 50-Euro-Scheins nicht mehr weiß, wann er aufzuhören hat. Damit konnte ich mich sehr gut identifizieren, das kenne ich: Wenn ich einmal in der Scheiße sitze, schlag ich so lange mit den Armen, bis es auch wirklich alle mitkriegen. Und dann wird es noch schlimmer. Was mir hingegen fehlt, ist Jochens Spielernatur. Immer dann, wenn alles schief geht, fühlt er sich herausgefordert und schließt beispielsweise einen krummen Deal mit seinem Bankmanager.

Sie hatten vorhin die Faszination der Zuschauer mit der horizontalen Serie angesprochen. Mittlerweile ist es ja tatsächlich so, dass sich viele Menschen nicht mehr über ihren letzten Kinofilm unterhalten, sondern über die Serie, die sie zurzeit schauen. Schauen auch Sie mehr Serien als Kinofilme?
Bastian Pastewka: Ja, das kann ich komplett bestätigen. Ich gehe nur noch ganz selten ins Kino, vielleicht einmal im Jahr. Wenn mich Filme interessieren, schaue ich sie meistens später und nicht mehr im Kinosaal. Eine neue Serie hingegen möchte ich sofort sehen.

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Sind Sie Binge Watcher?
Bastian Pastewka: Ja, ich bin Binge Watcher. Von vorne bis hinten. Meine Frau und ich haben das Abkommen, dass wir erst alle Folgen einer heißen Serienstaffel abwarten, bevor wir sie schauen.

Noch einmal zurück zum „Breaking Bad“-Vergleich: Ist es überhaupt möglich, dass deutsche Fernsehsender Serien auf dem Niveau von US-Produktionen stemmen können?
Bastian Pastewka: Eine einzelne Folge von „Game of Thrones“, die gerade mal 50 Minuten lang ist, kostet genauso viel wie fünf oder sechs „Tatort“-Episoden. Das heißt, das Budget, mit dem die Amerikaner ihre Serien entwickeln, ausstatten, besetzen und technisch herstellen ist sehr viel höher als in Deutschland. Der Markt hier ist einfach ein anderer. Viele Fans des deutschen Fernsehens wünschen sich, dass die Qualität der deutschen Serie mindestens so gut ist wie die aus Amerika, doch das sollte gerade nicht der Wunsch sein. Denn wir haben eine ganz andere Erzählqualität und auch eine andere Sprache als die Serien, die uns synchronisiert erreichen. Ich bekomme oft Angebote für Sitcoms, und in den Drehbüchern lese ich dann amerikanischen Humor und amerikanische Lebensweisheiten. Die Autoren haben alle „How I Met Your Mother“ gesehen oder „Two and a Half Men“. Und da ist es für mich wahnsinnig schwierig anzudocken, weil die Blaupause einer amerikanischen Sitcom-Figur verlangt wird. Bei „Morgen hör ich auf“ hingegen dachte ich: Das ist eine vernünftig erzählte deutsche Familiengeschichte. Und das war für mich bis zum Schluss der Grund, diese Serie zu machen.

Das deutsche Fernsehen steht permanent in der Kritik, gerade für seine Fiktion und seine Comedy. Sie kommen aus beiden Bereichen, finden Sie die Kritik gerechtfertigt?
Bastian Pastewka: Nein, so ist zum Beispiel das Unterhaltungsfernsehen so politisch wie nie zuvor. Mit der „heute-show“, „Die Anstalt“, „Mann, Sieber!“, „Pelzig hält sich“ und dem „Neo Magazin Royale “ erleben wir momentan einen sehr intelligenten und klar positionierten Humor. Meine persönliche Kritik bezieht sich auf Fernsehen, das eine sehr seltsame und zynische Weltsicht verkörpert. Das sind meistens Pseudo-Reality-Serien, bei denen man nicht mehr genau erkennt: Wissen die Protagonisten, die da für sehr wenig Geld vor die Kamera gezerrt werden, dass sie ihr Familienleben einer Öffentlichkeit preisgeben, um dafür ausgelacht zu werden? Das ist das Fernsehen, was ich abscheulich finde.

Wird zu viel kritisiert?
Bastian Pastewka: Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass all die Menschen, die von sich behaupten, nicht fernzusehen, nicht zu den 5 Mio. gehören, die an einem Dienstagabend um 22.15 Uhr eine Folge vom Dschungelcamp schauen oder zu den 13 Mio. „Tatort“-Münster-Fans zählen. Ich glaube auch, dass man ohne Fernsehen sehr, sehr gut leben kann, aber es gibt eben für mein Empfinden genug Programme, die Spaß machen. „Morgen hör ich auf“ beispielsweise verabredet sich nicht mit dem flüchtigen Zuschauer. Wir sagen: „Okay, wir laufen jeden Samstag um 21.45 Uhr und nach fünf Folgen ist alles vorbei. Dazwischen bekommt ihr etwas geboten.“ Und nur mit einem solchen Selbstbewusstsein möchte ich überhaupt Fernsehen machen.

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