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News-Dauerschleife als erster Schritt zur Abstumpfung: der mediale Overkill nach dem Terror in Paris

„Brennpunkt“ im Ersten zur Lage in Paris: Redundante News statt echten Hintergründen
"Brennpunkt" im Ersten zur Lage in Paris: Redundante News statt echten Hintergründen

Mehr Zurückhaltung – mehr Thementiefe. Das sind die Stichworte zu den Terror-Anschlägen in Frankreich und zu den Reaktionen in den Medien. Auch Tage danach hat sich der Eindruck noch nicht verflüchtigt. Wieder ein medialer Overkill. Die Medien müssen sich auf ihre Kernkompetenz konzentrieren: nur der Wahrheit verpflichtet die Zusammenhänge und Ursachen der Geschehnisse aufzuzeigen.

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Von Ulrich Schulze

Dieser Gedanke hatte sich schon am Samstag aufgedrängt. Ein Overkill wie am 24. April nach dem vom Piloten in selbstmörderischer Absicht erzwungenen Absturz des Germanwings Fluges 9525 über den französischen Alpen; wie am 7. Januar nach dem Terroranschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris; so war es am Wochenende nach dem Freitag, dem 13. November in Paris: Sonder- und Extrasendungen, Specials, Brisant, Direkt und wie die Beiträge auch immer heißen, überstürzten sich.

Der Eindruck gilt auch für die dagegen gehaltene Begründung, kein Zuschauer schaue solche Sendungen nacheinander (was die Frage provozierte: warum schaltet man sie dann so, und nimmt Bezug auf die jeweils vorige?). Dass der Deutschlandfunk am Sonntagmorgen in drei Stunden drei Mal denselben Beitrag eines Mitarbeiters aus Paris sendete, war indessen nicht ungewöhnlich: Längst spulen die Kölner morgens Retorten mehrfach nacheinander ab. Doch hier war es etwas anders: Wie ein Schatten schob sich am Sonntag eine Vermutung ins Gedächtnis: Es ging bei ARD und ZDF offenbar nicht (nur) darum, die Zuschauer über das aktuelle Geschehen auf dem Laufenden zu halten. Es schien, als wolle jedes halbwegs relevante Ressort zu dem Ereignis auch etwas beitragen, auf der Bühne der Terrorberichte auftreten. Doppelmoppel. Und: eine gewisse Skandalisierung in der Sprache. Als wäre das Ereignis nicht monströs genug.

Ohne Zweifel waren die meisten Beiträge journalistisch in sich geschlossen, im Rahmen des jeweiligen Informationsstandes ertragreich. Hervorzuheben im Laufe der (benötigen Recherche-)Zeit die späteren Analysen von Theo Koll, oder Elmar Theveßen; eine besondere Note dann im ARD-Presseclub am Sonntag der Hinweis des Herausgebers von Stern und Capital, Andreas Petzold. Seine These: Die Anschläge waren zentral von außen gesteuert und von innen ausgeführt (So sagte es auch der IS im Bekennerschreiben selbst). Aber die Mörder hätten, jede(r) für sich, einen einzelnen Auftrag gehabt und von den anderen (wahrscheinlich) nichts gewusst – das stützt wie in einem Sience-Fiction-Movie die Theorie des Einzelkämpfers gegen das Imperium; der aber nicht autonom agiert sondern eben zentral von einem anonymen Ort weit außerhalb gesteuert wird. Die neue Art der Kriegsführung, die spezielle Form der terroristischen Kriegslogistik. Petzolds These muss so nicht in ihren Details stimmen – aber sie war am Wochenende eine der treffendsten Erklärungen für das unbegreifliche gleichzeitige Geschehen. Und insofern über die ermüdenden Wiederholungen hinaus, eines der interessantesten Mosaiksteinchen im Puzzle des Terrorwirrwarrs.

Beim Versuch, das Handeln der Sender zu verstehen, muss man natürlich berücksichtigen: Was hätten sie den senden sollen? Rosamunde Pilcher? Den Bergdoktor? Ferien in Tirol? Schon ein bisschen Handball am Sonntagabend wirkte deplatziert. Aber: Und vielleicht sollten wir uns deshalb mal zurücklehnen und uns fragen: Ist ein Dauerfeuerwerk an Informationen zu nur noch einem Thema nicht der erste Schritt zur Abstumpfung? Der Verdacht hält sich hartnäckig: es war einfach zu viel vom Gleichen. Zum Beispiel fehlten ergänzende Hinweise auf ähnliche Attentate: Türkei: Anschlag vom 10. Oktober mit 102 Toten; Täter IS-Terroristen. Beirut zwei Tage davor: Doppelanschlag der IS : 44 Tote, hunderte Verletzte.

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Nur etwas weiter zurück liegt der gezielte und in seiner monströsen Ausführung bizarre Akt des islamischen Terrors im kenianischen Garissa: am 1. April stürmt die Terror-Miliz Al Shabaab, die Universität, und erschießt Mann für Mann 151 Studenten. Wen hat das angerührt, aufgeregt? Boko Haram mordet in Nigeria und Kamerun jeden Tag. Wann haben wir zuletzt davon gehört? Schon zu oft, als dass es uns noch erschütterte. Und wenn in Aleppo Fassbomben des syrischen Diktators Assad Dutzende eigene Landsleute zermalmen, verbrennen – dann sind wir genau so lange erschrocken, wie es dauert, die Meldung darüber zu verlesen.

Die Jagd des IS auf die Yesiden? Verschwunden im Gedächtnis. Bagdad und Beirut, Kenya und Kamerun sind weit weg. Es darf aber nicht übersehen werden, welche Ursachen der Terror dort hat und wie lange wir dem achselzuckend zugesehen haben. Paris lehrt uns: die Kalaschnikows der IS-Miliz schießen jetzt auf uns. Die Sprache des IS Führers Abu Bakr al Baghdadi ist eindeutig: „Treue Gläubige der Armee des Kalifats haben die Hauptstadt der Unzucht und des Lasters angegriffen“. Der internationale islamische Terrorismus sucht sich seinen Speck nunmehr im verhassten Abendland.

Beim Overkill – bleiben wir bei dem Wort – war nicht (nur) die perpetuelle Darstellung des bereits Gesendeten das Ärgernis. Es fehlte die Einordnung des Geschehens in Paris in die weltweiten Terror-Operationen; es fehlten Analysen über die Zusammenhänge. Zum Beispiel auf die fast zeitgleichen Syrien-Verhandlungen in Wien, den G-20-Gipfel im türkischen Antalya; die aktuelle Rolle der Türkei – und es wäre eben falsch, das Thema Flüchtlinge abzutrennen, einzuklammern. Es gehört dazu – man muss es lediglich richtig einordnen.

Das richtet sich keinesfalls gegen die Willkommenskultur in Deutschland, aber doch schon gegen das schroffe Ablehnen der Geflüchteten in anderen europäischen Ländern. Und vor allem: Woher kommen die Geflüchteten, warum fliehen sie? Syrien, Irak, Jemen, Libyen: die Kriege dort und das Gift des terroristischen Islamismus, das sich im Mittleren Osten und in den Opiumfeldern Afghanistans und Pakistans ausbreitet, bedrohen das Abendland, das Christentum. Denn der Horror von Paris war ein gezielter Angriff auf unsere Freiheit, unsere Lebensweise und nicht zuletzt das Christentum. In Bild am Sonntag hat es Marion Horn so formuliert. „Entweder wir Europäer sind jetzt bereit, geschlossen für unsere Freiheit und für unsere Werte mit allen Mitteln zu kämpfen – oder wir sind die längste Zeit frei gewesen“. Eine Kriegserklärung? Kann man so lesen. Wenn man einst eine solche freie Meinungsäußerung nicht mehr lesen kann, ist es zu spät.

Es gab, am Sonntagabend, wie zum Schluss ein Interview mit Aiman Mazyek, dem Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD). Er sagte: „Wir sind tief erschüttert über diesen feigen und perfiden Massenmord . . .“ Wie wäre es gewesen, man hätte statt ihn allein, auch den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands, Heinrich Bedford-Strohm und den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx an einen Tisch geholt und das Ereignis Paris, den Terrorismus und die Flüchtlinge diskutiert. Moderator: Intendant Wilhelm vom BR. Schließlich muss man auch die Vertreter der Christen hören, denn sie sind betroffen, schließlich war Volkstrauertag, wurde der Opfer von Krieg und Vernichtung gedacht. Die Nach-Berichterstattung über die Massaker in Paris ist auch eine Geschichte der verpassten Chancen, aus der die Medien lernen sollten.

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