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Mitgefühl oder Nationalismus? Die falsche Kritik an Facebooks Safety Check und Flaggenbildchen nach Paris

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Bei Katastrophen - natürlichen und von Menschen gemachten - erweist sich Facebook immer mehr als Kristallisationspunkt für Informationen und Emotionen. Funktionen wie Safety Check oder das temporäre Ändern des Profilbilds auf Knopfdruck nach den Anschlägen von Paris sind nützlich und machen es leicht, Anteilnahme zu zeigen. Es gibt aber auch Kritik.

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Safety Check ist jene Funktion bei Facebook, mit deren Hilfe man seinen Kontakten auf einfache Weise mitteilen kann, dass man in Sicherheit ist, wenn man sich in einer Gefahrenregion befindet. Sie wurde nach den Anschlägen von Paris von Facebook erstmals bei einer von Menschen herbeigeführten Katastrophe aktiviert.

Die Technik ist faszinierend und demonstriert die Kraft eines weltumspannenden Netzwerks wie Facebook. Das Social Network registriert, wenn man sich in einer Gefahrenzone befindet und fragt selbstständig, ob man Freunde wissen lassen möchte, dass man „sicher“ ist. Die Facebook-Freunde bekommen dann eine entsprechende Mitteilung.

Facebook hat die Funktion nach dem Tsunami und der Nuklear-Katastrophe 2011 in Japan entwickelt. Seither kam Safety Check nur bei Naturkatastrophen zum Einsatz. Bei Paris, entschied man sich bei Facebook, Safety Check einzuschalten, da eine ungewöhnlich hohe Aktivität im Social Network festgestellt wurde.

Neben viel Lob gab es dafür auch viel Kritik für Facebook. Warum Safety Check für Paris und nicht bei Anschlägen wie jenen in Beirut, bei denen vergangene Woche über 40 Menschen starben, fragen viele.

Auch andere Solidaritäts-Bekundungen mit Paris auf Facebook werden von kritischen Stimmen begleitet. So hat es Facebook sehr einfach gemacht, auf Knopfdruck das eigene Profilbild zeitlich begrenzt mit den Farben der französischen Flagge einzufärben. Facebook-CEO Mark Zuckerberg hat selbst diese Funktion genutzt.

Wie bei Safety Check wird nun gemosert, dass Facebook eine solche Funktion bei Terror-Anschlägen in muslimischen Ländern oder beim Absturz des russischen Passagierflugzeugs über der Sinai-Halbinsel nicht angeboten habe. Auch äußern sich einige Nutzer generell kritisch zu den Solidaritäts-Bekundungen bei Facebook. Der schnell verbreitete Slogan „Pray for Paris“ etwa wurde ebenso schnell als zu „religionsfreundlich“ bezeichnet. Motto: Nach islamistischen Anschlägen brauche es nicht mehr Religion, sondern weniger.

Dabei wird freilich ausgeblendet, dass die Religion des Islam bei solchen Anschlägen wie in Paris schlicht missbraucht wird. Wer aus einem spontanen Mitgefühl heraus für die Opfer und Angehörigen von Paris (oder Beirut oder anderswo) beten möchte, soll dies tun und auch kundtun dürfen. Es schadet niemandem. Ebenso ist das Einfärben der Profilfotos ein harmloses und in der Masse beeindruckendes Statement der Solidarität. Darin ein Bekenntnis zu Nationalismus und der militärisch nicht immer moralisch lupenreinen französischen Außenpolitik zu sehen, ist schon recht verquer.

Facebook funktioniert bei solchen Katastrophen wie Paris immer mehr als digitale Anlaufstelle und Kristallisationspunkt für Fakten und Emotionen. Wir erhalten Nachrichten über Facebook, das Netzwerk ermöglicht es uns, uns selbst mitzuteilen und Mitgefühl auszudrücken. Sei es über den Safety Check, dem Profil- oder Titelfoto, geteilten Liedern oder oder mit einem sehr persönlichen Beitrag wie jenem Foto des blutigen Shirts und dem Augenzeugenbericht der Überlebenden Isobel Bowdery – ein Facebook-Posting das Geschichte schreibt.

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you never think it will happen to you. It was just a friday night at a rock show. the atmosphere was so happy and…

Posted by Isobel Bowdery on Samstag, 14. November 2015

Das Soziale Netzwerk hat in den vergangenen Jahren diese Entwicklung genommen. Den Facebook-Verantwortlichen jetzt vorzuwerfen, ihnen liege an Muslimen nicht so viel wie an Europäern oder Amerikanern, ist schon schäbig. Vermutlich sind in Paris leider auch Muslime gestorben.

Warum nun aber haben die Anschläge von Beirut vergangene Woche nicht schon eine solche Welle der Solidarität ausgelöst? Paris ist der westlichen Welt natürlich näher – kulturell und geografisch – als Beirut. Mehr noch: Paris liegt im Zentrum Europas. Gerade Deutschland hat eine besondere Beziehung zu Frankreich. Fast jeder hierzulande kennt das Land von Besuchen, hat dort Freunde, viele hatten Französisch als Schulfach. Die Pflege der deutsch-französischen Freundschaft ist eine der ganz großen Errungenschaften nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Diese Nähe schafft auch eine besondere Betroffenheit – das ist nur normal und bedeutet nicht, dass einem Leid und Tote in anderen teilen der Welt egal sind.

Wer nun auf Facebook sein Profilbildchen einfärbt, glaubt gewiss nicht, damit den Terror stoppen zu können. Wer sein Profilbild einfärbt, will sicher auch nicht die Opfer von Beirut oder die Toten des zerstörten russischen Passagierflugzeugs verhöhnen oder kleiner machen. Es ist vielmehr eine spontane Geste des Mitgefühls. Dagegen sollte man doch nichts einzuwenden haben.

Facebook hat angekündigt, nach Paris den Safety Check auch für andere, ähnliche Fälle freizuschalten. Vermutlich wird auch die Flaggen-Funktion so oder so ähnlich weitere Verwendung finden.

Besser wäre natürlich, wir bräuchten solche Ventile nach Paris nicht mehr, weil so etwas Schlimmes nicht mehr passiert. Aber das bleibt wohl leider Wunschdenken.

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Alle Kommentare

  1. „… der militärisch nicht immer moralisch lupenreinen französischen Außenpolitik zu sehen… “

    Zu dieser Verharmlosung fehlen mir die Worte. Bevor man sowas raushaut, einfach mal etwas recherchieren.

    Solidarität per Knopfdruck. Emotionen zeigen auf Befehl.
    Und dann Kritik als verquert abtun. Es befeuert nun mal Nationalismus. Das muss man sich wenigstens eingestehen können. Es geht nicht darum, wer wie für wen trauert, sondern dass durch solche „medialen Ereignisse“ Buchstäblich auf Knopfdruck gleichgeschaltet raktionär reagiert wird. Dann sind wir zufrieden und lassen die anderen machen. Die Meinung ist auch gleich gefestigt. Die Grenzen im Kopf gezogen.

    Wir hatten das schon mal ohne Knopfdruck. Da hab ich kein Bock drauf.

  2. „Ebenso ist das Einfärben der Profilfotos ein harmloses und in der Masse beeindruckendes Statement der Solidarität.“

    Facebook-Bildchen wechseln gegen Terror ist tatsächlich eine super-duper Sache. Kann man sich danach beruhigt zurücklehnen und stolz sein, wie solidarisch man sich wieder gezeigt hat…

    1. Ja, mangels Adressaten meines (Mit-) Gefühls angesichts der Pariser Morde ist es tatsächlich nett, so vielleicht auch „Solidarität“, jedenfalls eine Regung zu zeigen. Plakativ. Öffentlich. Dir scheint ja auch eine Regung gewachsen zu sein, sonst würdest Du Dich nicht äußern. Danke

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