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Die Stunde der Leitmedien: Was Kommentatoren im Kampf gegen den Terror fordern

Die Attentate von Paris rufen nicht nur Chefredakteure wie Kurt Kister auf den Plan, sondern auch Herausgeber wie Gabor Steingart und CEO’s wie Mathias Döpfner.
Die Attentate von Paris rufen nicht nur Chefredakteure wie Kurt Kister auf den Plan, sondern auch Herausgeber wie Gabor Steingart und CEO's wie Mathias Döpfner.

Der selbst ernannte Islamische Staat hat nicht nur Frankreich den Krieg erklärt. In ganz Europa werden Stimmen laut, die den Terror als Angriff "auf die Art, wie wir leben" (BamS) sehen. Viele Kommentatoren warnen vor unüberlegten Schlüssen auf Flüchtlingspolitik und Willkommenskultur, andere fordern Härte oder sogar eine "Radikalisierung" der bürgerlichen Mitte. MEEDIA bringt einen Überblick der wichtigsten Leitartikel nach den Massakern in Paris.

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Für die Welt am Sonntag kommentierte Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner und forderte eine „Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte“. Er schreibt:

Die Flüchtlingskrise und nun die Terrorwelle von Paris sind die Brandbeschleuniger eines Kulturkampfes, der seit Langem schwelt. Die nichtdemokratischen Regime dieser Welt sind häufig viril und entschieden geführt, die demokratischen Gesellschaften oft schwach, unentschlossen und zaudernd. Russen, Chinesen und die meisten islamischen Staaten wissen, was sie wollen und setzen das um.

Die meisten Demokratien suchen den Dialog, den Kompromiss und vor allem den Applaus bei der eigenen Bevölkerung. Übersehen wird dabei, dass der Kanon der eigenen Kultur und Zivilisation nicht für den Gegner gilt. Während bei uns ein angebotener Kompromiss als moralische Verpflichtung für die andere Seite empfunden wird, ebenfalls Zugeständnisse zu machen, empfinden muslimische Extremisten Kompromisse als Zeichen der Schwäche und also als Ermunterung.

Die Konsequenz dieser Politik ist Tatenlosigkeit in Syrien. Abwarten im Iran. Wegschauen in den radikalisierten Teilen Afrikas. Und Willkommenskultur in Deutschland – ohne Konzept.

(…)

Die Botschaft von Paris ist: Wir müssen unsere Werte mit allen rechtsstaatlichen und demokratischen Mitteln verteidigen. Dazu gehört ein neues Einwanderungsgesetz, das Flüchtlingen aus Kriegsgebieten und existentieller Not weiterhin Asyl gewährt, aber Wirtschaftsflüchtlinge und Einwanderer aus sicheren Drittländern konsequent abweist. Und jeden sofort ausweist, der die Regeln unseres Rechtsstaates missachtet.

(…)

Wir brauchen keinen linken oder rechten Populismus. Sondern eine Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte. Einer Mitte, die ihren Freiheits-Werten auf den Grund geht und sie kraftvoll verteidigt. Wir brauchen die wirklich wehrhafte Demokratie. Wir brauchen ein starkes Europa. Das sind wir den Opfern und unseren Kindern schuldig.

Döpfners Artikel sorgte im Netz für Diskussionen und wird auch von weiteren Leitartiklern aufgegriffen, harsche Kritik gab es unter anderem von Freitag-Herausgeber Jakob Augstein:

Widerspruch kommt von Gabor Steingart. In seinem Morning Briefing wie auch auf Seite 1 des Handelsblatt von Montag schreibt der Herausgeber:

Die bürgerliche Mitte unseres Landes sollte sich nicht radikalisieren, sondern sich ihrer vornehmsten Tugenden erinnern: Besonnenheit und Friedfertigkeit. Mehr Verantwortung übernehmen, das kann nach den Anschlägen von Paris nur mehr Nachdenklichkeit bedeuten. Militärs und Geheimdienste müssen ihre Arbeit tun, aber die Politik und die Gesellschaft ihre auch.

Die einzelnen Terroristen sind in ihrer Verblendung für Obama, Merkel und Hollande nicht erreichbar, doch ihre Hintermänner, Financiers und Verbündeten sind es sehr wohl. Die Schlüsselwörter der kommenden Monate dürfen dann aber nicht Kampf oder Kapitulation lauten, sondern Ordnung, Respekt und Moderation. Nicht aus Liebe zum Islam, sondern aus Liebe zu uns und unseren Familien. Es gibt Alternativen zur militärischen Eskalation, die unserem Land bekömmlicher sind. Deutschland braucht jetzt kein hartes Gesicht an der Spitze, sondern einen kühlen Kopf.

Am „feindlichen Klima zwischen den Kulturkreisen“ trage auch der Westen eine Mitschuld, so Steingart weiter:

Von den 1,3 Millionen Menschenleben, die das Kriegsgeschehen von Afghanistan bis Syrien mittlerweile gekostet hat, bringt es allein der unter falschen Prämissen und damit völkerrechtswidrig geführte Irak-Feldzug auf 800.000 Tote. Die Mehrzahl der Opfer waren friedliebende Muslime, keine Terroristen. Saddam Hussein war ein Diktator, aber am Anschlag auf das World Trade Center war er nachweislich nicht beteiligt. „Diejenigen, die Saddam 2003 beseitigt haben, tragen auch Verantwortung für die Situation im Jahr 2015“, sagt mittlerweile selbst Tony Blair, einst der willige Krieger an der Seite der USA.

Das „harte Gesicht“ forderte Herausgeber Berthold Kohler in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

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Der Westen muss nun seinen Willen und seine Fähigkeit demonstrieren, seine Werte zu schützen. Die Deutschen haben nichts gegen ein freundliches Gesicht an der Spitze ihrer Regierung. In solchen Zeiten aber wollen und müssen sie ein anderes sehen: ein hartes.

(…)

Mehr denn je kommt es jetzt auf die Geschlossenheit des Westens an. Und darauf, dass er seinen Willen und seine Fähigkeit demonstriert, seine Werte zu schützen. Das wird angesichts des Ausmaßes der Bedrohung und der Asymmetrien des Konflikts nicht gänzlich ohne Einschränkungen der Freiheiten möglich sein, die es zu verteidigen gilt, gegebenenfalls auch mit eigenen Truppen in Syrien. Ohne Opfer wird dieser epochale Kampf nicht zu bestehen sein. Obsiegen kann in der Konfrontation mit dem Terrorismus nur, wer sich von ihm nicht einschüchtern und erpressen lässt. Was hätte Deutschland von Helmut Schmidt gelernt, wenn nicht das?

Süddeutsche-Chefredakteur Kurt Kister verurteilte am Wochenende vorschnelle Folgerungen auf die Haltung in der Flüchtlingskrise:

Selbstverständlich ist eine Debatte darüber, ob die sehr liberale Einreisepraxis nach Deutschland auch ein Sicherheitsrisiko ist, völlig legitim. (…) Wer aber die Attentate von Paris mit den Flüchtlingen in Deutschland und Europa in einen einigermaßen direkten, gar ursächlichen Zusammenhang stellt, der hat nicht nur nicht recht, sondern er zündelt. Viele der Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak sind Opfer der Brüder und Schwester im Geiste jener Verbrecher, die in Paris wahllos gemordet haben, um Schrecken zu verbreiten. Aber: Ein junger Mann islamischen Glaubens zu sein, heißt zunächst nichts anderes, als wenn jemand ein junger Mann evangelischen Glaubens ist.

(…)

Die größte Beleidigung für ideologisierte Verbrecher ist die Freiheit – die Freiheit, an Gott zu glauben oder die Freiheit, Religion für ritualisierten Humbug zu halten. Es ist die Freiheit, alles Mögliche auf Youtube anzusehen, und die Freiheit, als Mann auch einen Mann heiraten zu können. Zu dieser Freiheit gehören übrigens in Frankreich auch Marine Le Pen und in Deutschland Pegida. Das ist die Freiheit des Widerspruchs, aber auch die Freiheit der Dummheit, die nur da aufhören muss, wo sie andere beleidigt. Und solange diese Freiheit existiert, wird es wohl Leute geben, die sie mit der Kalaschnikow zerschießen wollen.

Für die Zeitungen der Funke Mediengruppe (u.a. Berliner Morgenpost, Hamburger Abendblatt, WAZ) schreibt Jörg Quoos:

Nur mit Courage und Wehrhaftigkeit wird sich Europa gegen den Islamischen Staat zur Wehr setzen können.

(…)

Die Auseinandersetzung mit diesen Kämpfern und ihren geistigen Vätern ist eine gewaltige Herausforderung, die nicht nur die Politik, sondern die gesamte Gesellschaft fordert. Die Antwort kann nur Mut, Standhaftigkeit bei unseren Werten und Wehrhaftigkeit im Umgang mit den Angreifern sein.

(…)

Eine militärische Antwort Europas will wohl überlegt sein. Blindes Zurückschlagen wäre nur ein oberflächliches Zeichen der Stärke. Und kann – schlecht ausgeführt – das Gegenteil bewirken und noch mehr Leid und Terror zu uns tragen.

Aber Kerneuropa mit seinen hochgerüsteten und teuren Armeen muss gemeinsam definieren, wie man der Ausbreitung des IS auch militärisch klug entgegenwirken kann. Es ist naiv, zu glauben, dass sich die selbst ernannten Gotteskrieger am Ende mit diplomatischen Noten und Boykottandrohungen auf ihrem Feldzug gegen unsere Werte stoppen lassen.

(…)

Wenn die zivilisierten Staaten nicht gemeinsam die Kraft zu einer militärischen „roten Linie“ finden, wird der IS sein furchtbares Kalifat vergrößern und vor keiner Landesgrenze mehr halt machen.

Florian Harms, Chefredakteur von Spiegel Online, will die Kriegs-Rhetorik in den Medien nicht lesen und fordert eine neue Sicherheitsdebatte:

Die Anschläge von Paris zeigen: Es braucht in Europa eine neue Sicherheitsdebatte. Aber die kann sich nicht im schnellen Ruf nach dem Nato-Bündnisfall, in einer „Weltkriegs“-Rhetorik oder in noch so großen Buchstaben auf Titelseiten erschöpfen. Je lauter das Kriegsgeschrei, desto trüber der Blick. Jetzt braucht es kühle Köpfe, jetzt muss man genau hinsehen. Und harte Fragen stellen.

Julian Reichelt, Chefredakteur von Bild Online, fordert in einem Kommentar mehr militärische Einsätze:

Die Wahrheit ist unbequem: Der Kampf gegen ISIS erfordert Opferbereitschaft. Er erfordert mehr Flugzeuge (ja, auch deutsche), die Ziele zerstören. Er erfordert Geheimdienste, die Terroristen aufspüren, und Spezialkräfte, die Terroristen festnehmen oder töten. Und zwar so lange, bis dieses todbringende Netzwerk zerstört ist.

Auf Facebook und mit Lippenbekenntnissen werden wir diesen „Krieg“, wie unser Bundespräsident es richtig nennt, nicht gewinnen.

 

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Alle Kommentare

  1. „Leitmedien“? Welche Leitmedien? Was und wen „leiten“ die?

    So sehr jetzt die „Stunde des Fakten-Journalismus“ ist und so sehr der Nachrichten-Markt plötzlich von der Nachfrage getrieben wird, so offensichtlich ist es dem Publikum ziemlich gleichgültig, dass ein paar selbsternannte Angehörige einer ins Gerede gekommenen „Elite“ das Wasser nicht halten können und – ungefragt – ihre Pöstchen nutzen, ihre private Meinung zu verbreiten. Die stellt sich alsbald als das übliche Geschwurbel heraus, das von dem politischer Rückversicherer kaum zu unterscheiden und wohl zuvörderst Marketing insoweit ist, als die jeweilige Kundschaft sich gut bedient fühlen soll.

    Am Niedergang des Gesinnungs-Journalismus ändert das nichts. An der politisch-strategischen „Feindlage“ im „Krieg der Kulturen“ auch nichts.

    Wenn Journalisten schon als „Leitfiguren“ oder gar „Vor-Denker“ an die Stelle von Politikern treten möchten – was zulässig, aber vergeblich ist -, sollten sie es einmal mit oft verdrängten, aber gewissen Tatsachen versuchen, die bei der Deutung aktueller Begebenheiten hilfreich sein könnten. Die Bevölkerungsexplosion (von einer Milliarde um 1800 auf 7,5 Miliiarden heute und 11 Milliarden in 3 bis 4 Generationen) kommt in den klugen Kommentaren nicht vor. Und die politische Idee von der Gleichheit aller mit allen wird nicht hinterfragt, obwohl die Natur Gleichheit nicht kennt.

    Immerhin weiß man jetzt: Die Herren von den „Leitmedien“ könnten auch dem Märchen von „Des Kaisers neuen Kleidern“ entsprungen sein. Quod erat demonstrandum.

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