„Schmidt war nicht das Fähnchen im Wind, sondern der Fahnenmast“: Nachrufe zu Helmut Schmidt

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Die Medien würdigen den Staatsmann und Publizisten Helmut Schmidt. Dabei fällt auf, dass die Deutschen Journalisten gutmütiger mit dem Altbundeskanzler ins Gericht gehen, als die internationalen Beobachter. So schreibt der Economist beispielsweise: „Schmidt fand Dummköpfe nicht nur lästig. Er radierte sie aus."

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Besonders gewürdigt wird Schmidt natürlich von der Zeit. Immerhin war er viele Jahre Herausgeber der Wochenzeitung. So versucht Chefredakteur Giovanni di Lorenzo zu erklären, warum „Helmut Schmidt so anders war als die meisten Politiker und viele Deutsche ihn als letztes Vorbild verehrten“. Er schreibt: „Dass sein Bild vergleichsweise unbeschädigt Jahrzehnte überdauert hat, mit der Zeit sogar noch besser geworden ist, hat vielleicht auch mit einem Beispiel zu tun, dem nicht alle großen Politiker gefolgt sind: Schmidt hat eben nicht gleich nach seiner Amtszeit für viel Geld die Seiten gewechselt. Er hat im Jahre 1983 das Angebot des Verlegers Gerd Bucerius angenommen, Herausgeber der Zeit zu werden, für ein lausiges Gehalt, was ihn noch Jahrzehnte später wurmte. Dieses Engagement ist für beide Seiten zum Glücksfall geworden.“

Matthias Naß beschreibt den Arbeitsalltag von Schmidt bei der Zeit: „Er saß dann in seinem Arbeitszimmer im 6. Stock des Zeit-Gebäudes hinter dem Schreibtisch, vom Zigarettenrauch eingehüllt, Fenster und Türen geschlossen, kein Auge für Elbphilharmonie, Bismarck-Denkmal und Michel, das herrliche Hamburger Panorama, auf das der Blick aus seinem Büro geht. Helmut Schmidt fragte. Trank dazu Kaffee mit viel Zucker und gern einem Schuss Baileys. Viel mehr brauchte er nicht zwischen Frühstück und Abendessen.“

In der Süddeutschen Zeitung schreibt Heribert Prantl: “Er bewältigte die Ölkrise, bekämpfte den RAF-Terrorismus, bereitete die Einführung des Euro vor. Schmidt wurde nicht geliebt, schon gar nicht in seiner Partei; er wurde respektiert. Die Bewunderung seiner Partei und des ganzen Landes kam viel später; sie stieg dafür aber ins fast Unermessliche. Aus dem Emeritus wurde ein Staatsmann, dann ein Weltpolitiker und Globalökonom, dann ein Weltweiser. Schmidt wurde verehrt und verklärt. Die Glanzpunkte seiner Regierungszeit gerieten im Lauf der Jahrzehnte immer glänzender, die Schwachpunkte verblassten.“

In der FAZ widmet sich Jasper von Altenbockum auch der Zeit von Schmidt als Publizist: „Als Herausgeber der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ widmete er sich nur noch selten der Innenpolitik, kommentierte vielmehr umso lieber die Europa-, die Sicherheits- und die Weltwirtschaftspolitik. So – und in zahlreichen Büchern – konnte er an die globalen Facetten seiner Kanzlerschaft erinnern, die ihm wichtiger waren als die innenpolitischen Tragödien und Ränkespiele.“

Besonders aufschlussreich sind diesmal allerdings auch die internationen Pressesteimmen. So schreibt der Economist: „Er war dermaßen clever und ging so rotzfrech damit um, dass seine Zuhörer manchmal zu spät bemerkten, dass sie gerade überlistet und beleidigt wurden. Helmut Schmidt fand Dummköpfe nicht nur lästig. Er radierte sie aus. Die Fakten waren eindeutig und die Logik unfehlbar. Dissens war deshalb ein Zeichen der Idiotie.“

Die New York Times merkt an: „Helmut Schmidt traf schwerwiegende politische Fehlentscheidungen, gepaart mit einem Widerwillen, Fehler einzugestehen und einer, wie es wirkte, Missachtung für Diplomatie, ob mit Freunden oder Feinden. Es waren Versäumnisse, die dazu führten, dass der Bundestag Helmut Schmidt nach acht Jahren Amtszeit sein Misstrauen aussprach.“

Der Telegraf dagegen ist voll des Lobes: „Schmidt war klein an Gestalt und, körperlich überraschend schwächlich, aber er war ein taffer Politiker, wie ein Terrier, unduldsam gegenüber Mittelmäßigkeit. Er hatte eine intellektuelle Größe und Vielseitigkeit, wie es sie nur selten gab unter zeitgenössischen deutschen Politikern. Und er wusste das.“

Für Michael Sontheimer war der Hamburger „der Mann, Der Mann, der die RAF besiegte“. Bei Spiegel Online analysiert er: „Helmut Schmidt hatte der RAF durch seine Unnachgiebigkeit mit der er eine militärische Lösung suchte, die zentrale Niederlage beigegebracht. Die Gruppe war moralisch, politisch und militärisch gescheitert. Obwohl sie ihren sinnlosen Privatkrieg noch 21 Jahre weiterführte, erholte sich die RAF nie mehr wirklich. Die Hälfte ihrer Kader stieg nach der Schleyer-Entführung aus und fand in der DDR heimlich Asyl. Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar und andere machten orientierungslos weiter, bis sie 1982 verhaftet wurden.“

Für die Bild schreibt Gerhard Schröder einen Nachruf. Darin heißt es: „Sucht man nach einem Begriff für das Besondere, das Einzigartige der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt, dann ist es– im besten Sinne des Wortes – „Führung“. Wie nur wenige in der deutschen Nachkriegsgeschichte hat er es verstanden, durch beherztes staatliches Handeln existenzielle Krisen zu meistern und zugleich den Menschen Orientierung in Zeiten der Unsicherheit zu geben.“
Im Morning Briefing von Gabro Steingart heißt es: „Wenn die heutige SPD und ihr Vorsitzender sich nur eine der Schmidt’schen Eigenschaften einverleiben dürften, dann sollte es diese sein: Haltung. Schmidt war eben nicht das Fähnchen im Wind, sondern der Fahnenmast. Er dachte, bevor er sprach. Er liebte die Menschen mehr als die Partei. „Rate den Mitbürgern nicht das Angenehmste, sondern das Beste“, hat er mal gesagt.

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