„Ich bin dann mal Bild“: Medienecho zum Chefwechsel und Kai Diekmanns neuer Rolle

Tanit Koch ist künftig Chefredakteurin der Bild, Kai Diekmann wird Herausgeber
Tanit Koch ist künftig Chefredakteurin der Bild, Kai Diekmann wird Herausgeber

Nach eineinhalb Jahrzehnten ist Kai Diekmann ab Januar nicht mehr Chefredakteur der Bild-Zeitung. Das Medienecho auf den epochalen Führungswechsel zeigt: Diekmanns Einfluss auf Springers "Rote Gruppe" wird dadurch keinesfalls kleiner – seine Rolle macht den 51-Jährigen, der sich wie das Handelsblatt schrieb, als Blattmacher "mehrfach häutete", im digitalen Wandel des Hauses noch mächtiger.

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Michael Hanfeld auf FAZ.net: „Die Bild-Zeitung ohne Kai Diekmann – geht das? Es geht, denn der Chefredakteur wird Herausgeber und Oberboss von Europas größtem Boulevardblatt. (…) Julian Reichelt, der sich zu Beginn seiner Karriere als Reporter in Krisengebieten einen Namen gemacht hat, hatte mancher als potentiellen Nachfolger Diekmanns auf dem Zettel. Doch war seit einiger Zeit unverkennbar, dass Tanit Koch, die auch Unterhaltungschefin der Bild ist, die Pole-Position innehatte.“

Sonja Álvarez im Tagesspiegel: „In Sachen Schlagfertigkeit steht die neue Bild-Chefredakteurin ihrem Vorgänger in nichts nach. Es heiße, sie spreche zu leise, sagte Tanit Koch einmal. Sie hingegen glaube jedoch eher ‚an die Schwerhörigkeit ihres Umfelds‘ – und das dürfte künftig sehr genau hinhören bei dem, was sie sagt. (…) Erstmals in ihrer Geschichte wird die Boulevardzeitung damit von einer Frau geführt. Einen Rückzug von Diekmann bedeutet der Wechsel allerdings nicht. (…)

Diekmann war bisher Bild – und ohne Zweifel wird er weiterhin Bild sein. Doch wenn eine Marke so sehr verbunden ist mit einem Menschen, bieten sich nur wenige Spielräume für eine Neuausrichtung. Sicher wird die Bild auch unter Tanit Koch weiter polarisieren, vielleicht aber mit weniger ‚Hau drauf‘. Dass dies auch von der Verlagsspitze gewünscht sein dürfte, spricht dafür, dass Diekmanns Nachfolger nicht Bild.de-Chef Julian Reichelt geworden ist, auf Twitter und in Talkrunden bekannt für provozierende Auftritte. Am Donnerstag zeigte er sich auf einem Bild auf Twitter Arm in Arm vereint mit Tanit Koch – allerdings dürfte es interessant zu sehen sein, ob die beiden tatsächlich als das neue Dreamteam in die Geschichte der Bild eingehen.“

Hans Leyendecker, Süddeutsche Zeitung: „Ist das eine Zäsur oder ein normaler Wechsel? Für die Alten wäre das früher schwer nachvollziehbar gewesen. Die Springer-Welt war einst eine Welt mit altdeutschen Herrenzimmern, kaltem Zigarrenrauch und gepolsterten Türen. Es war nett, dass es in dieser Welt auch Frauen gab, aber sie brachten meist den Kaffee. (…)

Als Diekmann Anfang 2001 auf dem alten Dampfer Bild Chefredakteur wurde, war er ein sympathischer junger Mann mit geschliffenen Manieren. Höflich, nett. Inzwischen ist er immer noch höflich, aber auch äußerst geschickt. Jede Bewegung, jeder Satz ist gut überlegt. Er kennt alle Fragen, die man ihm stellen kann, im Voraus. (…) Die ihn mögen, meinen, es gebe den privaten Diekmann, der fürsorglich, verlässlich und anständig sei, und dann gebe es noch den Chefredakteur von Bild. (…) Nichts rätselhafter als Diekmann. (…)

Kaum jemand hat sich in seinem Leben so intensiv mit Bild beschäftigt wie der Enthüller Günter Wallraff. Er war als Reporter Hans Esser bei Bild und hat die Mechanismen des Blattes enthüllt. Vieles weiß man über den Betrieb von Bild, weil Wallraff da war. Die alten Springer-Leute haben ihn gehasst, ihn verfolgt, ihm nachgesetzt. Wallraff ist alte Schule. Er kauft bis heute keine Bild-Zeitung, liest sie angeblich nur, wenn sie irgendwo rumliegt. (…) Wallraff ist kein Überläufer. Und dennoch hat ihn Diekmann bezirzt. Der hat ihn, für Wallraff überraschend, manchmal angerufen und sich mit Hans Esser über die Welt ausgetauscht. Wallraff fand das ‚beeindruckend‘. Im SZ-Magazin hat er neulich gemeint, er habe den Eindruck, dass dieser Diekmann etwas ändern wolle. Früher sei das Blatt mit Hetze gegen Ausländer, Linke und Minderheiten ‚durchtränkt‘ gewesen. Heute sei Bild ‚vorsichtiger‘ geworden.“

Kai-Hinrich Renner, Handelsblatt: „Während seiner Karriere hat sich Kai Diekmann, Springers Mann fürs Volk, mehrfach gehäutet. Aus dem glatten, konservativen Aufsteiger mit gegeltem Haar wurde ein Hipster mit Bart, Tattoos und zerfetzten Jeans. (…) 15 Jahre wird es Diekmann am Ende am Balken von Bild ausgehalten haben, länger als jeder andere Chefredakteur zuvor. Auf zehn Jahre war Peter Boenisch gekommen. Seit Jahresanfang hat er mit Mathias Döpfner, Vorstandschef des Medienhauses Axel Springer, über die Personalrochade gesprochen. Dann war Zeit für den Generationswechsel.“

Ulrike Simon, Mediengruppe Madsack: „Vor einigen Wochen schrieb Bild-Vize Bela Anda in seinem morgendlichen Newsletter vom Besuch des Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann in der Politikredaktion. Er schrieb tatsächlich ‚besuchen‘. Einen treffenderen Begriff hätte er kaum wählen können. Ist Diekmann nicht auf Reisen, twittert er unermüdlich, nutzt jede Gelegenheit, gegen Konkurrenten zu sticheln und Kritiker zu provozieren. Seit seiner Auszeit, 2012 im Silicon Valley, wurde dieses Verhalten immer auffälliger. (…)

Redaktionsintern wird die Berufung als Affront gegen Julian Reichelt gesehen. Der Chefredakteur des Bild-Online-Auftritts, der in der jüngsten Vergangenheit verstärkt öffentlich aufgetreten ist und Diekmann in Sachen Aggressivität locker überragt, galt vielen als sicherer Nachfolger. (…)

Mathias Döpfner sagt: ‚Das Konzept von Bild hat sowohl digital als auch international spannende Entwicklungsperspektiven. Diese Potenziale wird Kai Diekmann, der langjährigste und wohl auch erfolgreichste Chefredakteur von Bild, in seiner neuen, übergeordneten Aufgabe konkretisieren.‘ Das ‚wohl‘ in Döpfners Lob deutet es an. Über die Frage nach dem Erfolg lässt sich streiten. Gemessen an der Auflage war Diekmann nicht erfolgreich. Die Zeiten, in denen das Blatt vier, in Rekordzeiten gar fünf Millionen Exemplare täglich verkauft hat, sind Geschichte. Aktuell kommt Bild mit Mühe auf zwei Millionen. Freilich ist dank der digitalen Ausgaben die Reichweite der Marke Bild weiterhin hoch. Und knapp 300 000 Abonnenten zahlen für Bild digital.“

Ulrich Reitz, Focus: „Es ist kein einfacher Chefredakteurswechsel, wenn Europas größte Boulevardzeitung sich eine neue Führung verordnet. Und wenn Kai Diekmann sich aus dem Tagesgeschäft verabschiedet, ist das auch keine normale Mediennachricht. Der Wechsel zeugt jedenfalls von Weitblick und Courage. Meistens können Langgediente nicht loslassen, bei Bild ist es andersherum. Den Aufstieg von Tanit Koch von der Springer-Journalistenschülerin bis zur Chefredakteurin hat Diekmann über Jahre hinweg selbst befördert, ebenso wie den von Online-Chef Julian Reichelt.“

Kai Diekmann im Handelsblatt-Interview (Paid Content): „Tanit Koch ist sehr krisenerfahren, und wenn sie eines kann, dann Bild.“

 

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