Die neue Milde der alten Bild-Kritiker Hans Leyendecker und Günter Wallraff

Nein, der Mann ganz rechts ist nicht Günter Wallraff
Nein, der Mann ganz rechts ist nicht Günter Wallraff

Wie die News vom Chefredakteurswechsel bei der Bild-Zeitung von anderen Journalisten aufgegriffen wurde, sagt auch ein bisschen was über unsere Branche aus. Springers Bilanz findet großen Gefallen an den Uhren des U2-Bassisten Adam Clayton. Und Der Sky-Sprecher freut sich über eine nackte Kollegin. Im MEEDIA-Wochenrückblick.

Anzeige

Die Medien-Nachricht der Woche war der angekündigte Rückzug von Kai Diekmann aus der Chefredaktion der Bild. Wenn einer wie Diekmann, der die Bild 15 Jahre lang geprägt hat, sich aus der Chefredaktion zurückzieht und mit Tanit Koch zum ersten mal eine Frau Chefredakteurin der gedruckten Bild-Zeitung wird, dann ist das natürlich schon eine Sache. Andererseits hatte sich Diekmann schon länger aus dem Tagesgeschäft rausgezogen und vor allem der digitalen Weiterentwicklung der Marke Bild verschrieben. Dass es eine Chefredakteurin für Print gibt, mit Julian Reichelt einen Chefredakteur für Online und Diekmann als Herausgeber obendrüber, ist also nur folgerichtig und bildet die tatsächlichen Arbeitsabläufe nun auch in der Organisationsstruktur ab. Wenn dann ein alter Hase wie Michael Hanfeld in der FAZ schreibt, im Rennen um die Nachfolge Diekmanns habe Tanit Koch “seit einiger Zeit unverkennbar” die “Pole Position” inne gehabt, offenbart dies, dass auch in unseren Medienjournalistenkreisen viele noch in alten Schemata denken. Erstens: Wenn es so “unverkennbar” war, dass Tanit Koch die “Pole Position” innehatte, warum hat es dann keiner geschrieben? Auch nicht Herr Hanfeld. Zweitens: Tanit Koch ist künftig “nur” für die Print-Bild verantwortlich. Sie und Julian Reichelt sind unter dem neuen Satelliten-Herausgeber Diekmann gleichberechtigt und berichten beide an Big KD. Es ist natürlich eine große Sache und sehr begrüßenswert, wenn künftig eine Frau an der Spitze der Bild-Zeitung steht. Aber Diekmann steht nach wie vor an der Spitze der Marke Bild. Wenn er in den Raum kommt, wird es keinen Zweifel geben, wer der Boss ist.

Bei der Berichterstattung über die Bild-Personalie fiel mir außerdem auf, wie milde Hans Leyendecker in der Süddeutschen Kai Diekmann beschreibt: als väterlichen Ziegenhirten und fürsorglichen Familien-Koch. Früher hat Leyendecker über die Bild unter Diekmann mal sinngemäß geschrieben, die Zeitung gleiche einem blank gewienerten Kriegsschiff, auf dem ein Haufen alerter Jungoffiziere herumrenne, die mehr oder weniger wahllos auf Knöpfe drückten und nicht so genau wüssten, was sie da anrichten. Und 2012 noch lehnten SZ-Redakteure um Leyendecker den Henri-Nannen-Preis ab, weil sie gemeinsam mit Redakteuren der Bild in der Kategorie Investigatives geehrt werden sollten. In der SZ schrieb Leyendecker damals über den Henri an die Bild: „Das ist eine gesellschaftliche Aufwertung der Bild-Zeitung, die sich mit unserem Erlebnis von Bild nicht verträgt. Es ist eine Zeitung, die oft Menschen bedrängt, die Menschen verfolgt und bösartige Kampagnen macht.“

Zum bevorstehenden Abschied Diekmanns aus der Bild-Chefredaktion meint Leyendecker nun fast resigniert: “Bild ist Bild geblieben. Aber Diekmann ist ein anderer geworden.” Und er verweist auf Günter Wallraff, den Archetyp des Bild-Kritikers, der neulich im SZ Magazin der Bild fast schon so eine Art Absolution erteilte und eine Reportage von Daniel Cremer als “einfühlsam und überzeugend” lobte. Die Bild mag die Bild geblieben sein. Ihre schärfsten Kritiker sind heute aber andere als früher.

In der vorvergangenen Ausgabe hatte die Fachzeitschrift Wirtschaftsjournalist ein wirklich sehr lesenwertes Interview von dem scheidenden Chefredakteur Markus Wiegand (er geht zum Kressreport) mit den beiden Machern von Springers Wirtschaftsmagazin Bilanz, Klaus Boldt und Arno Balzer. Lesenswert vor allem darum, weil das dynamische Duo Boldt/Balzer sich ungebremst dem Eigenlob hingab. Zwar waren die Sprücheklopfereien mit reichlich Ironie abgepolstert – der Eindruck, dass sich da zwei Leute sehr, sehr dufte finden, war dann aber doch übermächtig. Das Interview war entlarvend, lustig, unlangweilig und darum gut. In dieser Woche nun fiel mir eine Presse-Vorabmeldung der Bilanz auf, die nicht so recht zu dem von Boldt und Balzer entworfenen Bild der super-relevanten Bilanz passen will. Eine Pressemitteilung von jenem Magazin also, das laut Boldt/Balzer in allererster Linie für “Qualität und Relevanz”, “kreative Themen” und “bessere Schreibe steht”. Jenes Magazin, das “weiblicher, moderner, jünger, sportlicher und mutiger” als die ganze Konkurrenz ist. Das selbst ernannte “größte und aufregendste Projekt im europäischen Wirtschaftsjournalismus” (Klaus Boldt) verschickte eine Vorab-Mitteilung zu was? Eine Enthüllung aus den Top-Etagen der Wirtschaft? Ein brillantes Unternehmer-Porträt? Nein. Es ging um folgendes:

U2-Bassist entwirft eigene Uhr / Adam Clayton: Mir schwebt ein zeitloses Stück vor

Mal abgesehen davon, dass es nicht einer gewissen Komik entbehrt, dass die Uhr des Herrn Clayton “zeitlos” sein soll, besteht diese Vorabmeldung ausschließlich aus feinster PR-Prosa. Auszüge:

Der Musiker möchte eine Uhr kreieren, „die man zu jedem Anlass tragen kann“ und die über ein „massives Metallarmband“ verfügt. Entstehen soll der Zeitmesser mit der Schweizer Manufaktur H. Moser & Cie., einem traditionsreichen, aber lange Zeit kriselnden Hersteller.

Wie viele Uhren der Brite inzwischen besitzt, vermag er auf Anhieb nicht zu sagen: „Zehn bis 15 vielleicht.“ Er habe zu Hause ein paar Modelle von Patek Philippe, Vacheron Constantin, Rolex und Omega.

Die Leidenschaft für Uhren weckte ein Onkel in Clayton, erzählte er Bilanz. Als er noch ein Junge war im beschaulichen Seebad Malahide nordöstlich von Dublin, überließ sein Onkel ihm eine gebrauchte Taucheruhr „Submariner“ von Rolex.

Es hat schon fast etwas Tröstendes, dass sich selbst die “schlauen Burschen” Boldt und Balzer (Selbsteinschätzung) branchenüblichen Geschmeidigkeiten nicht so ganz entziehen können.

PR in eigener Sache macht auch der Bezahl-Kanal Sky gerne. Dessen Vice President Communications, Jörg E. Allgäuer, freute sich in dieser Woche offenbar besonders über den Playboy. Und zwar nicht wegen der berühmten Interviews, sondern weil seine Sky-Kollegin, die Formel-1-Moderatorin Sarah Valentina Winkhaus, das Cover ziert.

Beachten Sie in diesem Zusammenhang bitte das Zwinker-Emoji mit heraushängender Zunge, das Herr Allgäuer verwendet, um seiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Zu den Hoch-Zeiten des damals von Herbert Feuerstein verantworteten Mad-Magazins hätte man es wohl ein Lechz-Smiley genannt.

Entspanntes Wochenende!

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige