Apple TV 4 im Test: Vorgeschmack auf die Zukunft des Fernsehens

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Nach jahrelangem Warten ist es endlich so weit: Die vierte Generation von Apple TV ist im Handel. Revolutioniert Apples neue Set-Top-Box nun unser Fernseh-Verhalten im digitalen Zeitalter wie seit Jahren erhofft? Die Antwort ist ein klares Jein: Das neue Apple TV besticht mit einem neuen Interface, besserer Navigation durch die Touchpad-Fernbedienung und interessante erste App-Angebote. Die Suche mit Siri bleibt jedoch ebenso ein Frust-Erlebnis wie das Fehlen einer Remote-App für iOS-Geräte.

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Es gibt Dinge in der schnelllebigen Welt der Verbraucherelektronik, die es nicht geben dürfte. Ein solches Kuriosum ist das wohl am meisten beachtete Hobby der Hightech-Industrie – die Set-Top-Box Apple TV. Als Steve Jobs die schicke Flunder, die wie ein flacher Mac mini aussah, im Herbst 2006 vorstellte, gab es noch kein iPhone, noch kein iPad und natürlich keine Apple Watch.

Steve Jobs war noch am Leben und sollte die fünf schaffensreichsten Jahre seines Lebens noch vor sich haben – nur Apple TV spielte dabei keine Rolle. Im Grunde genommen ist es vollkommen unfassbar, dass sich Apples Set-Top Box in der gerade mal dritten Generation bis vergangene Woche von dem neun Jahre zuvor erschienenen ersten Wurf bis auf den Airplay-Modus und die Verschiebung der Inhalte von der Festplatte in die Cloud kaum unterschied. Apple TV war in erster Linie die Schnittstelle zum iTunes Store, dessen Inhalte nun statt auf dem Computer auch auf dem Fernsehgerät wiedergegeben werden konnten – in erster Linie Filme und Musik.

Bis vergangener Woche ruckelte es immer wieder seltsam, was nicht überraschte, zumal noch der A5 Chip zum Einsatz kam – das entspricht einer Zeitreise ins Jahr 2011 zum iPad 2 oder iPhone 4s. Ein paar versprengte TV-Apps waren im Laufe der Jahre hinzugekommen – YouTube, Netflix, die Musik-App Vevo, Arte, ABC oder etwa das Wall Street Journal mit zwei-, dreiminütigen Clip-Häppchen.

Neues Apple TV: Kein vollständig ausgereiftes Produkt, aber größter Sprung 

Nach Jahren des Stillstandes, die Tim Cook immer wieder mit Ankündigungen überbrückte, dass sich das Fernsehen in den 70er-Jahren befinde, man aber eine Vision habe, das zu ändern, hat der Techpionier mit der vierten Generation seiner Set-Top-Box, die am vergangenen Freitag erschienen ist, nun endlich den Vorhang ein Stück weit geliftet. Das neue Apple TV bietet einen erkennbaren Vorgeschmack darauf, wie sich das Fernsehen in den nächsten Jahren wandeln wird  – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Auch das neue Apple TV ist kein vollständig ausgereiftes Produkt – aber es ist doch der größte Sprung, den Apples Set-Top-Box zwischen zwei Generationen jemals gemacht hat. Der optische Unterschied zum Vorgängermodell ist zunächst denkbar unauffällig: Die Set-Top-Box hat zwar erkennbar an Volumen gewonnen, sieht aber immer noch aus wie zuvor.

Neue Fernbedienung als Gamechanger

Auffällig verändert ist die Fernbedienung, die nicht nur neu designt wurde, sondern nun auch mit Touchpad-Technologie daherkommt, wie man sie vom MacBook oder Trackpad und natürlich iPhone und iPad kennt. (Auch ein Plus gegenüber der Konkurrenz von Amazon: Das neue Apple-Remote Control besitzt im Gegensatz zur Fire TV-Fernbedienung auch die Möglichkeit zur Lautstärkeregelung.)

Dass man bis vergangener Woche noch auf dem silbrigen Dreiknopf-Riegel der Vorgänger-Generationen mühsam herumdrückte und sich bei der Titelsuche von Buchstabe zu Buchstabe per Knopfdruck hangeln musste (wenn man gerade nicht sein iPhone und iPad mit der Remote-App zur Hand hatte), erscheint angesichts der neuen Fernbedienung so antiquiert wie aus dem letzten Jahrzehnt. Das Gewische über das Touchpad macht die Bedienung spielerisch zu einem ganz neuen Erlebnis: Zu den einzelnen Buchstaben gelangt man schnell mit einem Swipe und muss sich nicht mehr durch die Reihen des Alphabets durchklicken.

Apple Music streamt endlich auf Apple TV

Das Navigieren auf dem neuen Apple TV ist insgesamt ungleich leichter geworden. Möglich wird das durch ein komplett neugestaltetes Interface, das Apple Nutzern der vierten Generation seiner Set-Top-Box mit dem Rollout des neuen Apple TV-Betriebssystems tvOS spendiert hat – die neuen Icons springen einen förmlich an, die Hochglanz-Bildschirmschoner laden zum Verweilen ein. Die beiden Basis-Features, Filme und TV-Serien, lassen sich dank des Touchpads weitaus schneller durchstöbern, sind aber im Interface gegenüber der Vorgänger-Version kaum verändert.

Der erste große Fortschritt für langjährige Apple TV-Nutzer offenbart sich in der Musik-Rubrik, deren Oberfläche nun der neusten iTunes-Version ähnelt und damit beim Zugriff auf die gesamt Musik-Bibliothek um einiges übersichtlicher geworden ist. Wichtiger noch: Endlich ist Apple Music (inkl. Beats Radio) integriert. Das viermonatige Ärgernis für Apple Music-Kunden, die Apples neuen Musik-Streaming-Dienst abonniert hatten, aber bislang nicht über den Fernseher genießen konnten, ist damit endlich vorbei.

2008-Moment: Geburtsstunde der Fernseh-Apps

Im Zentrum des neuen Apple TV steht jedoch die größte Neuerung: Der App Store. Neben den altbekannten Bausteinen Filme, Serien, Musik und Fotos rücken neue Apps von Drittanbietern, die in der Vergangenheit in Form von YouTube, Watchever, Netflix & Co bereits vereinzelt auf Vorgängergenerationen von Apple TV gelangt waren. Neu hinzukommen nun jedoch auch Inhalte von Anbietern, die nicht originär auf Bewegtbilder setzen.

So können Apple TV-Nutzer nun auf ihrem Fernseher auch die tvOS optimierten Apps von Airbnb, Houzz oder TripAdvisor herunterladen. Das Ergebnis ist überraschend: Zimmer-Einrichtungen, Ferienunterkünfte oder Reiseempfehlungen von der Wohnzimmercouch auf dem 50 Zoll-Fernseher mit dem Wisch des Daumens durchzublättern, hat tatsächlich eine andere Qualität als die Webseiten auf einem 13 Zoll großen MacBook Pro oder 5,5 Zoll großen iPhone 6 Plus durchzuklicken bzw. -scrollen.

So sieht die Zukunft aus: Die beliebtesten iOS-Apps werden auch das Wohnzimmer erobern – der Fernseher wird in gewisser Weise zum gigantischen iPhone. Es liegt damit gleichzeitig ein Hauch von 2008 in der Luft, als der App Store zum iPhone 3G Launch startete – nun herrscht Aufbruchstimmung im Wohnzimmer.

Apps von Airbnb, Periscope und Trip Advisor plötzlich auf dem Fernseher 

Unter den 1000 Apps der ersten Stunden befinden sich auch mobile Hype-Apps wie Periscope. Daran, dass die Ruckel-Streams mit fliegenden Herzen nun plötzlich auf dem großen Fernsehschirm landen, muss man sich noch gewöhnen. Was eindeutig fehlt: Eine App Store-Übersicht mit Ranking und Kategorien.

Das Klicken durch die Anfangsbuchstaben des App Stores gleicht aktuell noch einer virtuellen Schatzsuche, bei der man mal bei Kamin-Bildschirmschonern, mal bei Rezept-Apps inklusive Kochclips und mal bei Vorträgen vom TED-Talk hängen bleibt. Der Apple TV-App Store beinhaltet zudem – wen es interessiert – nun auch diverse (und mitunter kostenpflichtige) Spiele-Apps, die unter den ersten App-Angeboten sehr zahlreich vertreten sind.

ZDF, Arte, n-tv und Sport.1 erste deutsche Fernseh-Apps auf Apple TV

Was weiterhin aus bekannten Gründen fehlt, sind die App-gerechten Angebote der großen TV-Gesellschaften, die sich seit Jahren mit Händen und Füßen gegen eine Digitalisierung wehren, weil sie wissen, was ein Ende der Kabel-TV-Ära bedeutet: mutmaßlich brutale Umsatz- und Einflusseinbußen.

Wie angenehm das neue digitale Fernseh-Zeitalter via Streaming-Box sein kann, zeigen jene Sender, die ihre Einnahmen aus Steuermitteln bestreiten: das ZDF und Arte. Die tvOS-Apps der Öffentlich-Rechtlichen laden zu einem intensiveren, weil zeitlich entkoppelten TV-Verhalten ein.

Ja, es gibt natürlich seit Jahren das ZDF-Digitalangebot inklusive Online-Mediathek, das jedoch auf dem Desktop wesentlich weniger Spaß macht. Mit der ZDF-App auf Apple TV bekommt der Nutzer eine größere Übersichtlichkeit des Angebots – inklusive der Livestreams von ZDF neo, ZDF kultur, ZDF info 3SAT und Arte.

Als weitere deutsche TV-Angebote sind auch n-tv und Sport.1 mit Apps vertreten, verlegen sich bei ihren Angeboten allerdings eher auf eine TV-gerechte Abbildung ihrer Internet-Inhalte inklusive Artikel, durch die am Bildschirm gescrollt werden kann. Interessant für US-Fans sind unterdessen die News-Apps von ABC News und Bloomberg, die beide Livestreams anbieten.

Man bekommt ein Gefühl dafür, wie es sein wird, wenn die großen TV-Gesellschaften endlich ihr Kabelmodell kappen und ins App-Zeitalter aufbrechen – 2016 soll das langerwartete Streaming-TV-Bündel von ABC, CBS, NBC und Disney in den USA bekanntlich Wirklichkeit werden.

Gute Siri: Schelle Infos zu Film, Serien, Wetter und Aktien…

Luft nach oben hat das neue Apple TV aber auch noch bei seiner zweiten großen Neuerung – der verbesserten Suche via Sprachassistentin Siri. Wie seit iOS 9 über iPhone und iPad ist Siri nun auch über Apple TV deutlich ansprechbarer. Wer etwa der neuen Fernbedienung diktiert: „Zeige Filme von Robert Redford“, bekommt binnen einer Sekunde die verblüffende Liste aus dem iTunes Store und Angebot von Netflix.
Möchte ich die ABC-App direkt öffnen statt erst zwei Klicks in der Navigation zurück zu gehen, diktiere ich Siri „ABC News“, und die App öffnet sich. Und weiter: Möchte ich wissen, wie der Dow Jones geschlossen hat, bekomme ich sofort als Pop-Up am unteren Bildschirmrand die Mitteilung: „Der Dow Jones schloss gestern um 0,50 % höher bei 17.918 Punkten“.  Auch gut: Auf meine Frage „Wie warm ist es in Neapel“ blendet mir Apple TV sofort eine 7-Tagesübersicht ein.

Schlechte Siri: Sprachsuche scheitert an Apple Music

Bitte ich Siri indes: „Spiele Musik von Lana del Rey“, bekomme ich eine überraschende Antwort: „Damit kann ich Dir nicht helfen. Apple Music findest Du auf dem Home Button.“ In anderen Worten: Bei der Suche nach Musik – bei vielen Tausenden Songs in der iTunes Bibliothek und in Apple Music sicher noch mehr eine Killeranwendung als Film- oder Serientitel – muss Siri bizarrerweise passen.

Doch das ist erst der Anfang der Assistenz-Enttäuschung. Weder kann Siri im App Store nach neuen Apps suchen noch bei Filmen und Serien nach thematischen Suchabfragen wie „Zeige Filme über die Goldenen 20er“ Ergebnisse liefern. Bei Nachfragen zum aktuellen Newsgeschehen zeigt sich die Apple TV-Siri der iOS-Siri zudem hoffnungslos unterlegen. Auf die Nachfrage nach „Zeige Newssendungen zur Flüchtlingskrise“ oder anderen aktuellen Geschehnissen erscheint immer wieder die Standardantwort: „Ich kann leider nicht im Internet suchen“.

Keine 4K-Unterstützung, keine Steuerung mehr mit iPhone und iPad möglich

Weitere Minuspunkte: Anders als Amazons neues Fire TV unterstützt das neue Apple TV nicht den Auflösungsstandard UltraHD, was angesichts der Tatsache, dass das neue iPhone 6s Videos in 4K-Qualität aufnimmt, ein ziemliches Kuriosum ist.

Ein noch größeres indes: Die Inkompatibilität der iOS-Remote App, die iPhone und iPad bislang zur Tastatur gemacht und die Worteingabe – etwa bei Passwörtern, dem WLAN-Schlüssel oder Song-Titeln –  in der Vergangenheit erleichtert hat. Warum Apple hier nun einen Riesenschritt zurück macht und die App von seinem neusten Apple TV entkoppelt, ist eines jener Mysterien, die die Verbraucherelektronik in ihrer Schnelllebigkeit vielen Anwendern verleidet. Sicher ist eigentlich nur: Nach einem Update ist oft genug nichts mehr wie es war.

Im Falle des neuen Apple TVs überwiegen indes eindeutig die Vorzüge: Die um Jahre überfällige neue Set-Top-Box aus Cupertino erneuert das Fernseherlebnis grundlegend. Filme und Serien werden schneller gefunden, Apple Music ist integriert, erste Apps machen Spaß und deuten an, wie schnell es nun mit der Digitalisierung des Fernsehens gehen kann. Mit dem neuen Apple TV gibt es zahlreiche gute Gründe, die grauesten, regnerischsten und kürzesten Tage des Jahres vor dem Fernseher statt vor dem Laptop oder Computer zu verbringen.

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Alle Kommentare

  1. Ich stimme meinem Vorredner in puncto unerwarteter Objektivität fast zu, aber von einer Revolution zu sprechen wo Amazon Fire TV und Google Chrome Cast schon lange die Pforten für 3rd party apps geöffnet haben, ist gelinde gesagt Realitätsverweigerung. Die Eingabe von Suchstrings ist – tolles Touchpad hin oder her – auf der ewigen langen Buchstabenzeile genauso pain in the ass, wie der Picker in Listenauswahl-Menüs auf iPhone oder iPad. Das löst die Konkurrenz deutlich benutzerfreundlicher.

  2. Wer hätte das gedacht? Nils Jacobsens Beitrag zum neuen Apple Tv 4 ist angenehm objektiv und frei von Stichelein gegen den andernorts ja häufig m.E. ungerechtfertigt und unfair kritisierten Konzern aus Kalifornien. Die von ihm genannten Kritikpunkte sind sicher weitgehend gerechtfertigt und werden von Apple hoffentlich in naher Zukunft, soweit möglich, sukzessive per softwareupdate behoben. Insgesamt ein ausgewogener und fairer Beitrag, der die pros und cons des neuen Apple Tv 4 sehr sachlich beschreibt.

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