Warum Beckenbauer nicht im Visier der Staatsanwälte ist und weitere Fakten zur DFB-Razzia

Die Anwesen von Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach (r.) wurden durchsucht.
Die Anwesen von Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach (r.) wurden durchsucht.

Ermittlungsbehörden haben am Dienstag Razzien in der DFB-Zentrale in Frankfurt sowie den Privathaushalten der DFB-Köpfe Wolfgang Niersbach, Theo Zwanziger und Horst Schmidt durchgeführt. Die Staatsanwaltschaft will die amtierenden bzw. ehemaligen Funktionäre im Zusammenhang mit einer 6,7 Millionen Euro-Zahlung an die Fifa wegen Steuerhinterziehung belangen. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Was ist am Dienstagmorgen genau passiert, und wo fanden die Razzien statt?

Um neun Uhr am Dienstagmorgen marschierten 50 Fahnder in die DFB-Büroräume und klingelten bei den Privatadressen des amtierenden DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach, seinem Vorgänger Theo Zwanziger und auch beim DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt. Alle drei Männer waren Mitglieder des Organisationskomitees, das unter Franz Beckenbauer für die Weltmeisterschaft 2006 warb. Zur Durchsuchung der Finanzbeamten kam es durch Antrag der Staatsanwaltschaft Frankfurt. Grund der Ermittlungen: „Steuerhinterziehung in besonders schwerem Fall“. Dass es dazu kommen, und dass auch der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger ins Fadenkreuz der Ermittler rücken könnte, schrieb die Süddeutsche Zeitung bereits in der vergangenen Woche. Im Gegensatz zu vielen anderen Verbrechen können Staatsanwaltschaften beim Verdacht der Steuerhinterziehung die Verjährungsfrist von fünf Jahren ignorieren und im besonders schweren Fall auch noch zehn Jahre später ein Verfahren einleiten.

Weshalb genau ermittelt die Staatsanwaltschaft?

Es geht um die Zahlung von 6,7 Millionen Euro an die Fifa, die beim DFB offenbar als Betriebsausgabe steuerlich geltend gemacht wurde. Oberstaatsanwältin Nadja Niesen schreibt: „Den Beschuldigten wird vorgeworfen, im Rahmen ihrer damaligen Verantwortlichkeiten die Einreichung inhaltlich unrichtiger Steuererklärungen veranlasst und hierdurch Körperschafts- und Gewerbesteuern sowie Solidaritätszuschlag für das Jahr 2006 in erheblicher Höhe verkürzt zu haben.“ Bild hatte am Morgen berichtet, dass die 6,7 Millionen Euro in den Steuer-Unterlagen des DFB nicht aufgetaucht seien. Die Staatsanwaltschaft hierzu: „Nach derzeitigem Erkenntnisstand soll eine durch das Organisationskomitee im Frühjahr 2005 geleistete Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro für eine Kostenbeteiligung an einem Kulturprogramm im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 als Betriebsausgabe steuermindernd geltend gemacht worden sein, obwohl ihr tatsächlich ein anderer Zweck zugrunde lag und die Zahlung daher nicht als abzugsfähige Betriebsausgabe hätte geltend gemacht werden dürfen.“

Dazu schrieb Hans Leyendecker bereits am 25. Oktober in der Süddeutschen: „Das Organisationskomitee (OK) hat 2005 dem Weltverband Fifa 6,7 Millionen Euro als angeblichen Zuschuss für die damals geplante Auftakt-Gala der WM gezahlt. Stattdessen soll das Geld dafür gedacht gewesen sein, eine alte Schuld beim früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus zu begleichen. Das hat der frühere OK-Vize und heutige DFB-Chef Wolfgang Niersbach zugegeben. Die 6,7 Millionen Euro wären demnach in der Bilanz des OK falsch verbucht; sie hätten folglich auch nicht als Betriebsausgaben geltend gemacht werden dürfen. Das wiederum hätte den Überschuss des OK erhöht und höhere Steuern zur Folge gehabt. Das OK hatte einen Überschuss von 135 Millionen Euro erzielt und 43,7 Millionen Euro an den Fiskus abgeführt.“

Wie in diesem Zusammenhang Gelder geflossen sein sollen, hat die Bild-Zeitung in einer Grafik anschaulich dargestellt.

Wonach suchen die Ermittler?

In einer Stellungnahme der Staatsanwaltschaft Frankfurt heißt es, man ermittle „im Zusammenhang mit der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und dem Geldtransfer von 6,7 Millionen Euro des WM-Organisationskomitees des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) an den Fußball-Weltverband FIFA Ermittlungen“. Vor zwei Wochen hatte das Nachrichtenmagazin Spiegel vom „zerstörten Sommermärchen“ geschrieben und über eine schwarze Kasse in derselben Höhe berichtet, mit der Stimmen bei der Vergabe der Fußball-WM 2006 gekauft worden sein sollen. Das Geld sollte damals vom mittlerweile verstorbenen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus stammen und noch in D-Mark-Zeiten in Schweizer Franken ausgezahlt worden seien. Eineinhalb Jahre vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land, soll Dreyfus diese Zahlung dann zurückgefordert haben. Um Beweise zu sammeln, beschlagnahmten die Ermittler am Dienstag nach Angaben der Bild-Zeitung vor allem Akten, PCs und Festplatten.

Drohen weitere Ermittlungen?

Was genau der DFB mit den 6,7 Millionen Euro gemacht hat, scheint nach Stellungnahme der Staatsanwaltschaft auch den Ermittlern noch unklar. Sollte sich der Vorwurf der Steuerhinterziehung bestätigen, droht den Beschuldigten ohnehin ein Verfahren und schlimmstenfalls eine Gefängnisstrafe, da der dem Fiskus entstandene Schaden im Millionenbereich liegen könnte. Bestätigt sich in den Ermittlungen, dass mit den 6,7 Millionen Euro Stimmen gekauft worden sind (was Niersbach bestreitet), hat das vermutlich keine weiteren Auswirkungen. Die Staatsanwältin: „Hinsichtlich der weiteren in Betracht kommenden Tatvorwürfe der Untreue sowie der Bestechung im internationalen Geschäftsverkehr war wegen zwischenzeitlich eingetretener Verfolgungsverjährung ein Anfangsverdacht verneint und daher von der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens abgesehen worden.” Im Klartext: Wegen Bestechung und Korruption wird gegen die jetzt Beschuldigten wohl nicht mehr strafrechtlich ermittelt, zumindest nicht in Deutschland.

Warum wird nicht gegen Franz Beckenbauer ermittelt?

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt führt den Chef des Organisationskomitees ausdrücklich nicht als Verdächtigen. Da die im Raum stehende Straftat im Zusammenhang mit der Abgabe einer Steuererklärung des DFB steht, scheidet Beckenbauer als Verantwortlicher aus, schon deshalb, weil der „Kaiser“ keine für fiskalische Vergehen relevante Position im DFB-Management bekleidete. Deshalb wird es wohl auch kein Verfahren gegen Franz Beckenbauer geben. Hinsichtlich der Frage einer vorsätzlichen Schmiergeldzahlung kommt Beckenbauer schon aufgrund der eingetretenen Verjährung nicht als potenzieller Beschuldiger in Betracht. Aufgrund seiner engen Kontakte zu den Beteiligten sowie zur Fifa dürfte Beckenbauer aber ein hochkarätiger Zeuge in dem Verfahren sein.

Was sagt der DFB zu den Ermittlungen?

Der Fußballbund baut bereits einer Abberufung oder Entmachtung seines Top-Funktionärs vor. In einer Stellungnahme vom frühen Nachmittag heißt es: „Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) unterstützt vollumfänglich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Frankfurt. (…) Der DFB selbst ist nicht Beschuldigter des Verfahrens.“

 

 

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