„Das logische Ende“: Geht dem Spiegel in Sachen Sommermärchen die investigative Puste aus?

Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger: viele Vorwürfe, aber (noch) kein Beweis
Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger: viele Vorwürfe, aber (noch) kein Beweis

Es war einmal ein Spiegel-Titel mit der knalligen Headline "Das zerstörte Sommermärchen". In der dritten Woche nach der Enthüllung von der "gekauften WM 2006" bleibt der Spiegel den Beweis der Bestechung bei der Vergabe der Fußballweltmeisterschaft weiter schuldig. Statt dessen schlägt das Magazin leisere Töne an und schreibt nebulös über die "schwierige Suche nach der Wahrheit".

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Wie immer, wenn der Spiegel wenig Neues zu berichten hat, wird die Schilderung extrem detailreich. Der Leser erfährt, wer wann wo hingereist ist, sich mit wem getroffen und welche Fragen gestellt hat. So auch beim Enthüllungs-Nachklapp Nummer zwei, für den das Nachrichtenmagazin erneut sechs Autoren aufgeboten hat. Antworten auf die simplen, aber entscheidenden Fragen in der Affäre haben sie nicht. Die Artikel-Überschrift ist bezeichnend: „Das logische Ende“.

War’s das schon, was der Spiegel an Recherche-Ergebnissen anzubieten hat? Wenn ja, dann hätte die Chefredaktion ein Problem: Sie kann die von ihr suggerierte Version, dass deutsche Funktionäre sich die WM im eigenen Land durch Schmiergeldzahlungen gesichert hätten, nicht belegen oder zwingend erhärten. Bislang ist nicht einmal die Existenz einer schwarzen Kasse bewiesen. Das alles wäre kein Problem gewesen, hätten die Enthüller von der Ericusspitze in ihrer ersten Titelgeschichte nicht so dick aufgetragen und die wenigen Fakten zu einer, zumindest in dieser Phase, vorschnellen These zurechtgebogen. Schnell war nicht nur in DFB-nahen Medien von einer potentiellen „Luftnummer“ die Rede, eine Ahnung, die sich mit dem Eindruck verstärkt, dass dem Spiegel in dem Fall die investigative Puste ausgeht.

Das allerdings können Chefredaktion und Autorenteam offenbar nicht zugeben. In geradezu demagogischer Formulierung heißt, es stelle sich „nicht mehr die Frage, ob das Sommermärchen sauber und unschuldig war“, die Antwort ist ja – für den Spiegel – klar: „Das war es nicht.“ Der Begriff des Sommermärchens wird dabei bewusst zweckentfremdet: Denn nicht, dass die WM 2006 in Deutschland stattfand, wird landläufig als Sommermärchen verstanden, sondern das mitreißende Spiel und die Moral der Mannschaft des Gastgebers, der kaum ein Experte bei diesem Turnier etwas zugetraut hätte. Es gibt nicht den geringsten Hinweis darauf, dass der Fußball, nämlich der, der den Fans in den Stadien geboten wurde, nicht sauber gewesen ist. Statt vom zerstörten Sommermärchen hätte der Spiegel korrekter Weise vom Verdacht auf einen WM-Vergabeskandal schreiben und hinzufügen müssen, dass zu jener Zeit (im Jahr 2000) im Ausland gezahlte Schmiergelder sogar noch steuerlich absetzbar waren. Zugegeben, das hätte das Skandalpotenzial deutlich verringert.

Dem Spiegel war das wohl nicht genug, die Chefredaktion ging aufs Ganze und hat nun ein Problem. Zwar sind allerlei Anwälte im Auftrag der Beteiligten um Aufklärung in der Sache bemüht. Aber die Frankfurter Staatsanwaltschaft hat bislang noch nicht einmal ein förmliches Ermittlungsverfahren eingeleitet. So bleibt dem Nachrichtenmagazin derzeit nichts übrig, als „drei Varianten“ einer Erklärung der Millionenüberweisung ins Ausland in den Raum zu stellen. Nur eine davon deckt sich mit der originären Version des Spiegel, dass mit dem Geld „die Stimmen der vier Asiaten gekauft“ wurden. Der Haken hierbei: Der Behauptung von Spiegel-Kronzeuge und Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger widersprechen die anderen Beteiligten an dem fraglichen Gespräch.

Für Außenstehende (wie wohl auch für mit den Vorgängen befasste Journalisten) scheint es schwer, die Wahrheit zu sehen. Dem Ruf des Spiegel hat das Sommermärchen indes schon jetzt Schaden zugefügt: Das Magazin wirkt in der Affäre zu vollmundig und vorverurteilend. Lautsprecher geben keine glaubhaften Aufklärer ab, die Leser haben dafür ein feines Gespür. Und für Konjunktive gibt es keine Journalistenpreise. Bislang hat das Magazin mit Zwanziger einen Zeugen präsentiert, der seinerzeit die Millionen-Überweisung selbst unterschrieben hatte und heute nach eigenem Bekunden wieder so handeln würde, weil aus seiner Sicht damals „die WM in Deutschland gefährdet“ gewesen sei. Zur Erinnerung: In der Sache geht es um die Vergabe des Weltmeisterschaft 2006 an Deutschland. Rivale bei der Abstimmung war Südafrika, Ausrichter der WM 2010. Bei aller denkbaren Korruption im FIFA-Sumpf: Wo liegt der Schaden? Das wischt den Verdacht nicht vom Tisch, aber es rückt die Maßstäbe zurecht.

Der Spiegel wäre nicht der Spiegel, wenn man sich dort von solchen Überlegungen beirren ließe. So legt das Magazin trotz deutlich kleinlauterer Verkaufe im aktuellen Artikel am Ende wieder den Vorwärtsgang ein und spekuliert über die baldige Ablösung von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Das wäre auch legitim, würde der Artikel dies nicht mit einer peinlichen Anbiederung an einen Nachfolgekandidaten verbinden. Das liest sich wie von einer PR-Klitsche getextet: „In der Zwischenzeit wird jedoch auch Reinhard Grindel von einigen der einflussreichen Landesfürsten in Stellung gebracht. Der Jurist ist Mitglied des Bundestages, 2013 wurde er zum Schatzmeister des DFB. Der gebürtige Hamburger ist den mächtigen Vertretern der Amateurvereine wohlgesinnt. Und Grindel besitzt Kernkompetenz: Mitte Oktober hielt er im Bundestag eine Rede über das neue Antikorruptionsgesetz. Er sprach über Compliance, Bestechung und Bestechlichkeit. Grindel schloss seine Rede mit einem Plädoyer: ‚Im Endeffekt kommt es nicht allein auf gute Vorschriften an, sondern auf gute Menschen, die sich im Wirtschaftsverkehr im Zweifel am Grundsatz ausrichten: Das tut man nicht.'“

Offenbar ein Mann ganz nach dem Geschmack des Spiegel, der sich – wer weiß – vielleicht für die freundlichen Worte bei Gelegenheit mit einer diskreten Information erkenntlich zeigen wird. Wahrscheinlich fiel seine Parteizugehörigkeit einer unvermeidlichen Kürzung im Artikel zum Opfer und hat nichts damit zu tun, dass der Spiegel der CDU nicht so nahe steht. Und vielleicht hätte die Redaktion mal recherchieren sollen, wie ernst es der Politiker mit dem Kampf gegen die Korruption tatsächlich nimmt. Als 2013 ein schärferer Gesetzentwurf in den Bundestag eingebracht wurde, der bei Bestechung und Bestechlichkeit von Abgeordneten und Kommunalvertretern eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren vorsah, stimmte der Abgeordnete Reinhard Grindel mit „Nein“.

 

 

 

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Alle Kommentare

  1. Nicht bloss eine „Spiegel“ Neigung, eher mehr und mehr verbreitet Medienunsitte, schnell schreiben, behaupten, gar verurteilen, geht’s schief, Juristenfutter, die sollen drueber nachdenken was die Journalisten, vor dem haemmern in die Tasten, bei Seite schoben, denn selbstkritisch fragen ergibt ja meist keine Quoten, und, fehlen diese dann fehlen auch die Inserenten, welche sich ebensowenig von Ungenauigkeiten oder gar Unwahrheiten beeindrucken lassen, nehmen sie es in ihren Texten bei Produktewerbung auch nicht so sehr genau !

  2. „Wo liegt der Schaden? “

    In einem Deutschen Fußball Bund, der als Mitläuer und Mittäter im System entlarvt wurde. Der bis vor einigen Wochen noch von einigen Quereinsteigern als künftiger Reformer gefeiert wurde; obwohl schon damals Fragezeichen hinter so manchem Funktionär und seiner Reformblockierer-Politik stand (Niersbach, Sandrock, etc.) Genau wie den Geschäften (Beckenbauer, Netzer) der Beteiligten

    In einer deutschen Öffentlichkeit, denn die Knebelverträge, Befreiungen, Gesetzesänderungen und VIP-Hofierungen für einige nachweislich ziemlich kriminellen Persönlichkeiten (Blazer, Warner, etc.) schadeten auch ihr

    Im Sport allgemein, der unter dem Deckmantel von Fairplay und Sportlichkeit auch deshalb seinem Gigantismus und seinen Funktionärsgeschäftle fröhnen konnte, auch bis Deutschland 2006,weil er auch von deutschen Funktionären mitfinanziert und gedeckt wurde. Den vermeintlichen Reformern, die den Laden demnächst hätten aufräumen sollen. Ganz sauber geht vielleicht nicht. Aber zur Erinnerung, das Wort „Maßstäbe“ fiel bereits: Wir haben es hier mit einer Organisation zu tun, die als „organisiertes Verbrechen“ vor den Gerichten eingestuft wird. Die Autonomität und der fast rechtsfreie Raum über Jahrzehnte machten es möglich.

    Das mit Grindel ist übrigens interessant. Hier kann einer der Kernautoren der vorherigen Artikel nicht beteiligt gewesen sein. Denn der weiß, dass Grindel ein Lobbyist ist, der im so genannten Sportausschuss des Bundestags als erwählter Parlamentarier sitzt und auch aktuell wieder im Interessenkonflikt steht: Demnächst könnte er was Erhellendes zum Kassenfluss des DFB sagen, schließlich ist er sein Schatzmeister, ist aber in Doppelrolle unterwegs. Nicht, dass es jemand mitbekäme, denn der Sportausschuss tagt hinter verschlossenen Türen — Spezialdemokratie nach Sportweltart. Auch hat Grindel einige ziemlich fragwürdige Argumente in Sachen DFB und Transparenz seiner Kassen angebracht, wie in der ARD-Mediathek im Beitrag „Steuerfrei e. V. – Millionengeschäfte mit der Gemeinnützigkeit“ nachzuhören. Nicht gelesen den Nachklapp-Artikel, als Empfehlungsschreiben kann ich es mir im Moment sehr schlecht vorstellen, jedenfalls nicht mit der Beteiligung Jens Weinreichs, denn der weiß bei all dem neben Thomas Kistner wie in Deutschland kaum ein Zweiter, wovon er da schreibt. 🙂

  3. Liest sich wie ein Artikel von einem Mann aus der (Abwehr-)Presseabteilung des DFB. Peinlich…..

    1. Richtig. Dieser Meedia-Beitrag ist sehr einseitig.

      Aber wem wollen wir in der Sache vertrauen?

      Dem Spiegel, der mit dem reißerischen Artikel auf Basis einer dünnen Faktenlage zumindest dafür gesorgt hat, dass der ominöse Geldfluss jetzt genauer untersucht wird.

      Den Fußballfunktionären, die keine Erklärung für die Überweisung eines Millionen-Bertrages liefern können (oder wollen).

      Oder vielleicht der Bild-Gruppe mit Sportbildchef Draxler, die Bundesligaübertragungsrechte (Online) besitzt und daher ein handfestes wirtschaftliches Interesse an einem guten Image des deutschen Fußballs hat.

      Wichtig ist nun, dass Antworten gesucht und gefunden werden. Alles andere ist Spekulation.

      Ich finde das Vorgehen des Spiegels auch nicht gut. Andererseits ist es in unserer Medienlandschaft inzwischen scheinbar nötig, ordentlich auf den Putz zu Hauen, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu bekommen.

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