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Die Leiden des Franz Josef Wagner unter dem zerstörten Sommermärchen

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Der Mann leidet, und man kann ihm dabei zusehen. Jeden Tag, auf Seite 2 der Bild. Keiner im deutschen Journalismus ist schonungsloser mit sich und der Welt als Franz Josef Wagner. Doch wie umgehen mit dem womöglich gekauften Sommermärchen? Seit zwei Wochen schreibt sich der Gossen-Goethe schon in wirrer Verklärung der Vergangenheit den Ärger, die Wut und die Trauer um seine Heroen von der Seele.

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Sollte der Spiegel Recht haben, müssten Wagner und die ganze Bild-Redaktion den Zusammenbruch von für unzerstörbar gehaltenen Denkmälern des Deutschen Fußball-Stolzes mit ansehen und verarbeiten.

Tatsächlich schlingert die Bild ganz schön. Das publizistische Bild, das die Zeitung in der Affäre abgibt, ist jedenfalls für Boulevard-Verhältnisse erstaunlich zurückhaltend. In dem Dickicht aus Gerüchten, Mutmaßungen und möglichen Fakten fällt es den Berlinern offenbar schwer, ihre gewohnte klare Kante zu zeigen.

Da hat es Wagner im Grunde einfach. Er kommt von der gefühligen Seite und hat damit noch die klarste Linie: eine Schlangenlinie. Denn die Emotion, vor allem im Herzen von Wagner, kann und darf sich täglich ändern.

Der erste Kontakt des Briefe-Onkels mit dem Thema wird beherrscht von einem Gefühl der Enttäuschung. Diese wendet sich jedoch nicht gegen die vermeintlichen Drahtzieher eine möglicherweise gekauften WM, sondern gegen den Überbringer der schlechten Nachricht: den Spiegel. „Für mich sprach der ‚Spiegel‘ bisher immer eine direkte Sprache. Ich blätterte den ‚Spiegel‘ seit 40 Jahren nie flüchtig durch“, startet der Gossen-Goethe seine unnachahmlichen Argumentationsketten. „Wörter wie ‚kann, soll, angeblich‘ kamen niemals in den großen Storys vor. Sätze, die so anfangen, sind wie auf Sand geschrieben. Mein ‚Spiegel‘ hat auf Beton geschrieben.“ Sein Brief an die Redaktion um Chefredakteur Klaus Brinkbäumer endet mit dem Vorwurf: „Mein alter ‚Spiegel‘ hätte so eine Story nie geschrieben.“

Tja, aber auch Wagner muss sich eingestehen, dass trotz aller „soll … angeblich … offenbar … mutmaßlich … anschaulich … möglicherweise“, aus denen die ersten Spiegel-Story besteht, an dem Vorwurf doch was dran sein könnte. Seinen nächsten Brief zum Thema schreibt er ein paar Tage später an den „Lieben Fußball„. In der ganzen Diskussion um die vermeintlich gekaufte WM denkt das emotionale Gewissen der Bild unweigerlich an die romantischen Wurzeln des Sports. „Ich spielte Verteidiger auf einem dieser Äcker. Wir spielten meistens sonntags. Es war die Einsamkeit meiner Kindheit, die mich zum Fußball brachte“. Er erinnert sich, dass er als kleiner Junge auf einem Acker voller Maulwurfshügel spielte. „Heute, viele, viele Jahre später, weiß ich, dass der Fußball etwas Heiliges ist. Der Fußball ist rund, wie das Auge, wie die Erde, wie die Ringe um einen Baum.“

Mit der verklärten Rückbesinnung auf den Ursprung des Fußballs als Spiel um des Spielens willen, nimmt Wagner – paradoxerweise – einen Teil der Argumentationskette vorweg, auf der Brinkbäumer seinen harschen Kontra-Draxler und –Markwort-Kommentar („Diener und Handlanger der Regierenden“) aufbaut.

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Am vergangenen Wochenende legte der Spiegel mit der „Akte DFB“ nach, und Wagner ärgert sich offenbar nicht mehr über das Nachrichtenmagazin, dass ihm sein Sommermärchen nehmen will. In dieser Woche wird es persönlich. Als erstes schreibt er an Franz Beckenbauer, auf dessen Aussage die Öffentlichkeit lange wartete. Genauer gesagt schreibt er über Franz Beckenbauer und noch genauer, erklärt er, dass der Kaiser machen kann, was er will. Für Wagner bleibt er – trotz allem Gerede über Absprachen und schwarze Kassen – „ein Genie“: „Seine Füße spielten, wie Götter Fußball spielen. Das ist mein Franz Beckenbauer.“ Allerdings muss auch Wagner zugeben: „Das Wesen Beckenbauer ist nicht 24 Stunden am Tag die Lichtgestalt. Wenn es dunkel wird, muss er das Licht anknipsen.“

Nach Beckenbauer ist Günter Netzer dran. Auch hier wieder die Frage: Wie geht man mit einem Menschen um, der als Fußballer die Herzen verzückte und dessen späteres Verhalten nun möglicherweise neu bewertet werden muss? Für Boulevard-Profis eine immens schwierige Aufgabe, immerhin müsste man da differenzieren. Bislang stand die Bild für die Positionen, dass man die alten Weltmeister-Helden uneingeschränkt lieben und verehren muss. Für Wagner steht fest: Zumindest bei Netzer wird an dieser Position nicht gerüttelt. „Jetzt stecken Sie auch in dem Dreck“, fängt er seinen Brief an den Starkicker der 70er-Jahre an. „Mit Dreck meine ich: Helden kaputt machen. Ich betrachte Sie als mein persönliches Eigentum. Sie sind mein Netzer. Der Netzer mit den langen Haaren, der Netzer, der seinem Trainer widersprach. Der Netzer, der sich beim Pokalfinale gegen Köln selbst einwechselte.“

Für den Bild-Kolumnisten gab es zwei Stars in Deutschland. Beckenbauer und Netzer. „Meine Helden sollen Helden bleiben.“ Wenn einem die wichtigsten Helden der Vergangenheit genommen werden, muss es doch einen Schuldigen geben. Und wer ist das wohl? Natürlich Theo Zwanziger. Also schreibt der 72-Jährige seinen heutigen Brief an den ehemaligen DFB-Präsidenten und wichtigsten Spiegel-Zeugen in der Causa.

Doch, oh Wunder. Wagner fällt nicht über den 72-Jährigen her. Ganz gegen jede Boulevard-Regel bemüht er sich um Differenzierung. „Irgendwie tun Sie mir leid, weil Sie sich sehr einsam fühlen müssen. Theo gegen den Rest der Welt. Für die meisten sind Sie ein Verräter, ein Nestbeschmutzer“, beginnt sein Brief. Zwanziger sei jetzt Außenseiter. Immerhin verderbe er es sich mit allen Helden des Fußballs. „Er steht auf einem verlorenen Posten. Wenn ein Mensch ganz allein ist, dann ist er verloren. Jahre später werden wir wissen, wer Theo Zwanziger war. Ein Guter, ein Böser.“

Die Briefe der vergangenen zwei Wochen zeigen die ganze Zerrissenheit, mit der die Boulevard-Profis in diesem Fall zu kämpfen haben. Sie lieben doch Beckenbauer, Netzer & Co. Sie haben das Sommermärchen längst zur Geburtsstunde des freundlichen und weltoffenen Deutschland verklärt. Obwohl Wagner gewohnt irrlichternd formuliert, kommen seine teilweise wirren, aber immer entwaffnend ehrlichen Gedanken anscheinend direkt aus seinem Herzen. Noch kann er sich nicht so richtig entscheiden. Aber heute ist ja Freitag. Am morgigen Samstag kommt der neue Spiegel. Wahrscheinlich dreht das Nachrichten-Magazin nach. Dann wird die nächste Runde eingeläutet, und Wagner kann sich schon einmal das Briefpapier zurecht legen.

Update (Sa. 31. Oktober):
Der Spiegel hat nicht nachgelegt. In der aktuellen Ausgabe ist zwar eine Followup-Geschichte, ihr fehlt jedoch die investigative Sprengkraft. Kernpunkte: Die Spiegel-Enthüllungen haben dazu geführt, dass sich die ehemaligen OK-Mitglieder zerstritten hätten und im DFB würden bereits Modelle diskutiert, wie es ohne den Präsidenten Niersbach weitergehen könnte.

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Alle Kommentare

  1. Leute, was ist los?

    In irgendeinem Land musste schließlich alle 4 Jahre die Fußball-WM ausgerichtet werden.
    Und ob nun das eine oder andere Land dafür ein paar Scheine hingelegt hat, ändert doch nichts daran, dass es eine schöne WM war, oder?

    Ganz im Gegenteil: Die deutsche Nationalelf/der DFB hat bewiesen, dass sie sich damit keinen Vorteil „erkauft“ hat, als sie vorzeitig ausschied (leider gegen die Italiener! )
    Also von der Sache ist bisher alles im Reinen.

    Der einzige Vorteil war vielleicht, dass die deutschen Würstchen- und Cola- und Burgerververkäufer einen verlängerten Monat ihr Angebot feil halten konnten, statt einer anderen Nation…

    Mein Vorschlag: Aufhören mit der (für mich offensichtlich gespielten) Flennerei und freuen wir uns auf Kathar und Russland in den nächsten Jahren, die beide sehr wahrscheinlich auch nicht das Endspiel erreichen werden!

    Und ob die Staatsanwaltsschaft sich der Sache annehmen wird, scheint mir zweifelhaft (es sei denn er langweilt sich gerade „zu Tode“) – ich finde keinen, der geschädigt wurde (vielleicht nur, dass er des Nachts sein Taschentuch vollheult…)

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