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Sommermärchen-Affäre: Bild und Spiegel im publizistischen Grabenkampf

Bild-Zeitung vom Mittwoch: Das Fußball-Imperium schlägt zurück
Bild-Zeitung vom Mittwoch: Das Fußball-Imperium schlägt zurück

Die Affäre um das (vielleicht) gekaufte Sommermärchen hat Medien-Deutschland einen publizistischen Grabenkampf beschert: Bild und Spiegel haben dabei Position bezogen und beharken sich nach einem vorhersebaren Muster. Der Spiegel kommt samstags mit einer Enthüllungsstory zum DFB inklusive neuer Vorwürfe gegen deutsche Kicker-Heroen, die Bild bereitet in den folgenden Tagen dann die Gegenstimmen und auf. Heute im Angebot: Netzer hat sich Kachelmann-Anwalt Ralf Höcker genommen und droht Spiegel-Kronzeuge Theo Zwanziger mit einer Klage.

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Wie Bild berichtet, wurde Zwanziger am gestrigen Dienstag unter seiner Privat-Adresse eine Abmahnung zugestellt. Es geht um ein angebliches Netzer-Zitat „Damit haben wir die vier Asiaten bezahlt“, das der ehemalige DFB-Präsident in Zusammenhang mit den Verbleib der 6,7 Millionen Euro gehört haben will.

In der Abmahnung wird Zwanziger nun aufgefordert eine Unterlassungserklärung abzugeben. Sollte der ehemalige Richter die Unterlassung nicht akzeptiere, will Höcker eine Klageverfahren anstreben. „Zwanziger hat offenbar vergessen, dass Frau Netzer während des gesamtes Gesprächs mit am Tisch saß. Sie kann bezeugen, dass Zwanziger lügt. Die von ihm erhobenen Vorwürfe sind frei erfunden“, zitiert die Bild Höcker.

Mit großem Interesse dürften die Spiegel-Macher nicht nur den Bild-Artikel lesen, sondern auch auf die Autorenzeile achten. Verfasst wurde das Stück von Sport Bild-Chefredakteur Alfred Draxler. Über den zog Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer gerade erst am Wochenende in einem Kommentar noch kräftig her.

Brinkbäumer schrieb, dass „in anderen Welten“, wie beispielsweise der Politik, Josef Blatter unwählbar und auch Wolfgang Niersbach „nicht genug“ wäre. In dieser Welt würden „Herren wie Alfred Draxler, Chefredakteur von Sport Bild und zugleich Franz Beckenbauers Förderer und Schützling, oder auch Helmut Markwort, Focus-Herausgeber und bis ins hohe Alter Verwaltungsbeirat des FC Bayern, als Fans und Handlanger der Regierenden entlarvt werden.“

Eine solche Kollegenschelte ist unter hochrangigen journalistischen Funktionsträgern ist im Medienbusiness eher unüblich. Der Punkt, auf den Brinkbäumer abzielt, ist dabei durchaus treffend: Gerade beim Sport gibt es eine teils übergroße Nähe von einflussreichen Medienmachern zum Objekt (und den Subjekten) ihrer Berichterstattung. Im MEEDIA-Interview hatte Alfred Draxler dazu geäußert, dass er seine Nähe zu den Kicker-Legenden nicht als Hypothek seiner journalistischen Arbeit sehe: „So eine Beziehung funktioniert ja nur, wenn man die gegenseitigen Grenzen achtet. Ich habe von Beckenbauer niemals Informationen verlangt. Und er hat auch mich noch nie angesprochen, ob wir nicht mal etwas Nettes über ihn schreiben könnten. Wenn diese Grenzen von beiden Seiten eingehalten werden, kann das funktionieren. Das gibt es übrigens nicht nur im Sport. Gerade in der Politik erleben wir solche Verhältnisse auch.“ Und weiter: „Gefälligkeitsjournalismus würde der Leser durchschauen und sofort bestrafen. Man muss unterscheiden zwischen einem engen Verhältnis und Kumpanei.“

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Die Verdachtsmomente rund um das – möglicherweise – mit Schmiergeldern erkaufte Sommermärchen sind für die von Draxler propagierte journalistische Linie eine Nagelprobe. Ist der enge Kontakt zu den DFB-Oberen und der Lichtgestalt des deutschen Fußballs ein Hemmschuh, der kritischen Journalismus verhindert? Das publizistische Bild, das die Zeitung in der Affäre abgibt, ist jedenfalls für Boulevard-Verhältnisse beinahe erstaunlich zurückhaltend, mit auffällig vielen Fragezeichen in den Headlines. Im ersten Absatz des Draxler-Artikels heißt es heute: „War das Sommermärchen 2006 gekauft? Beweise liegen nach wie vor nicht auf dem Tisch. Und jetzt widerspricht auch der angebliche ‚Kronzeuge‘ Günter Netzer.“

Die gesamte Seite, die Bild heute dem Thema widmet, ist geeignet, Kritiker bestärken, die seit dem Ausbruch der Affäre bemängeln, dass die Boulevard-Profis sich vor allem große Mühe geben, das Sommermärchen und seine Macher zu verteidigen und zu schützen. So fragt Sportchef Walter M. Straten neben dem Draxler-Stück in einem eigenen Artikel besorgt „Mensch Franz! Wie steckt Beckenbauer sein schreckliches Jahr weg?“ Menschelei statt investigativen Fakten – ist das der richtige journalistische Umgang mit der Affäre?

Andererseits: Auch der raue Ton, in dem Spiegel-Chefredakteur Brinkbäumer mit Draxler und Markwort abrechnet, kann nicht darüber hinweg täuschen, dass er sich in der Sache mit den Kritikern überhaupt nicht auseinandersetzt. Man darf Markworts Rolle als Beckenbauer-Intimus und langjähriger Verwaltungsbeirat des FC Bayern thematisieren und problematisieren, aber dessen Vorwurf in Richtung Spiegel („journalistischer Offenbarungseid“) bezieht sich auf den vom Nachrichtenmagazin bislang in keiner Weise erbrachten Beweis, dass die mysteriöse Millionenzahlung an die FIFA zum Kauf von Stimmen bei der Vergabe der WM verwendet wurde. Diese Kritik erhebt nicht nur Markwort, und der Spiegel hat in dieser Frage auch in Woche zwei des Skandals noch nicht geliefert. Der Verdacht, dass Nachrichtenmagazin könnte am Ende doch eine etwas arg aufgeblasene „Luftnummer“ produziert haben, steht weiterhin genauso im Raum wie jener, dass die Geschichte des Sommermärchens neu geschrieben werden muss.

Die publizistische Fehde zwischen Spiegel und Springer wird in Sachen Fußball wohl noch eine Weile weitergehen: ein Stellungskrieg, in dem keiner nachgeben will. Es geht um die Wahrheit, aber ebenso auch um die Interessen und das Image der beiden Mega-Medienmarken. Für die Leser sind es manchmal die Zwischentöne, die zeigen, in welche Richtung sich die Affäre entwickelt. So hatte Bild am Dienstag getextet: „Beckenbauer 4 Stunden von Anwälten verhört“. Nicht ohne gewisse Häme machte danach bei Twitter ein Tweet die Runde, dass in der Berichterstattung nicht mehr ehrfürchtig vom Kaiser oder kumpelhaft von Franz die Rede wäre. Die Zeiten ändern sich, so oder so.

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Alle Kommentare

  1. Was ist von einem Medium zu erwarten, dass wirtschaftliche Interessen am Fussball hat?
    Damit meine ich BILD und insbesondere den Sportbild-Chefredakteur.

    Die Bundesliga-Übertragungsrechte im Online-Bereich sind die Perle im Bild-Plus Dienst. Sie sollen helfen Online-Abonenten zu gewinnen und Geld zu verdienen. Ein schlechtes Image des deutschen Fußballs ist da kontraproduktiv.

  2. Zunächst mal ist es ein trauriges, pardon, Bild, dass es solche Krabenkämpfe gibt. Das gilt für beide Seiten, übrigens. Dabei hat Brinkbäumer nicht unrecht: Wenn es bei den brisanten Indizien um eine Geschichte aus der Wirtschaft oder Politik gegangen wäre, hätte sich niemand medial als Verteidiger inszeniert. Da hat der Spiegel allerdings gut vorgearbeitet, denn auch wenn die Story das eigentlich gar nicht so schreibt, der Aufmacher vom „Zerstörten Sommermärchen“ war ein Generalangriff auf die Volksseele — wer hier verteidigte, konnte sich Zustimmung und Zuhörern sicher sein.

    Sportjournalismus schwierig, die Grenzen zur PR sind fließend, wie vor ein paar Monaten auch in Stuttgart demonstriert, wo sich Lokalmedien mit dem abstiegsbedrohten VfB kollektivorganisierten. Teilweise geht es da schlicht auch um Jobs, teilweise ist schon der Eintritt in die Branche ein Stückweit Selbstkorruption: In den Sportjournalismus schaffen es vor allem Fans mit entsprechender Ausbildung. Wer dort ist, will oft nicht mal hinter die Kulissen schauen, und wer das tut, wie zum Beispiel Thomas Kistner, der produziert auch nicht zwingend Bestseller, siehe dessen hoch brisantes aktuelles Buch über systematisches Doping im Fußball. Ein Thema, bei dem sich TV-Experten immer zitieren lassen, Doping im Leistungssport Fußball bringe nichts — meist unwidersprochen.

    Ein Herr Draxler ist nur im übertragenen Sinne ein Journalist, das ist Fußball-Lobbyismus. Auch dem Spiegel sprangen einige Medien zur Seite, denn selbst wenn er die erste Geschichte vielleicht überverkauft hat: Was darauf folgte war ein Beleg dafür, in was für ein Wespennest man sticht, wenn man König Fußball angreift. Erster Fremdschäm-Moment war sonntags darauf der Sport1-Doppelpass, wo Gute Freunde vorheizen durften mit Recherchen wie: „Der Kaiser hat gesagt“. Und das Publikum dann die geschliffenen PR-Phrasen des zugeschalteten DFB-Medienchefs abklatschte und bejohlte, vom Moderator investigativgeduzt. Es fielen Vergleiche zu Hitler-Tagebüchern, obwohl die Indizien, von anerkannten Sportkorruptions-Experten aufgedeckt, belegt waren — und der Verband sich darüber bis heute selbst zerfleischt.

    „Der Konter des Establishments“, „Intensiv-Kumpanei“, diverse Medien berichteten auch darüber ausgiebig. Alleine dafür hat sich die Geschichte schon fast gelohnt. Und das schreibe ich als Fan des Sports. Dem an Aufklärung gelegen ist, weil seit spätestens Ende Mai 2015 ausgemistet wird. Wir haben es hier mit Organisationen wie der Fifa zu tun, die vor der Justiz als „vom organisierten Verbrechen beeinflusst“ laufen. Weil der Filz über Jahrzehnte unkontrolliert wuchern konnte. Organisationen, die damals übrigens auch Deutschland, so manchen Knebelvertrag und Gesetzesänderungen vorschrieb, die Millionen-Nachforderung für einen „Solidaritätsbeitrag“ für Afrika steht auch noch im Raum. Da ist es gut zu wissen, wer wirklich am Neuaufbau beteiligt sein kann und wer mitmachte oder zumindest mitlief. Da darf es keinen Beißreflex-Artenschutz für Nationalhelden und Volksmärchen geben. Das ist unsäglich. Und so nur im (Fußball)sport möglich.

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