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„Chaos-Talk“ und „Händeringen“: (Schon wieder) Negativ-Kritik für Günther Jauchs Flüchtlingstalk

„Flüchtlingszustrom ohne Ende – wird Europa zur Festung?“ war Günther Jauchs Thema am Sonntagabend
"Flüchtlingszustrom ohne Ende – wird Europa zur Festung?" war Günther Jauchs Thema am Sonntagabend

Günther Jauch scheint kurz seinem Talkshow-Ende auf keinen grünen Zweig mehr zu kommen. Am Sonntagabend diskutierte er mit seinen Gästen erneut über die Flüchtlingskrise – und mal wieder hagelte es Kritik für seine Moderation. Dabei stellt sich auch die Frage, welchen Zweck Talkrunden zu dem Thema noch erfüllen. Denn laut Medienkritikern zeichnet sich ein Muster ab: hitzige Diskussionen und wenig klare Antworten.

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Günther Jauchs Leitfrage „Flüchtlingszustrom ohne Ende – wird Europa zur Festung?“ werfe sich „entschlossen auf die Symptome der aktuellen Krise, weswegen auch der angedeutete Ausweg einer Festung eher der Märchenwelt als der Realpolitik“ zugerechnet werden müsse, schreibt Hans Hütt in der FAZ: Der Moderator erliege dabei „der Versuchung, die ernste Lage mit unernsten Bildern zu erklären“, kritisiert er. „Wie so oft im Boulevard verschwindet hinter dem schrägen Bild der Lage der ökonomische Interessenskonflikt.“ Am Ende der Sendung bleibe „die Hoffnung, dass sich die gemeinsamen Werte des Grundgesetzes und der Europäischen Union als belastbarere Grundlage für das politische Management der Krise und ihre Umsetzung in ordentliche Verwaltung bewähren. Zur Zeit erweckt der bald ausscheidende Moderator Günther Jauch den Eindruck, als sei ihm das Gespür für den Unterschied zwischen dieser Haltung und leerem Gerede abhanden gekommen.“

Ralf Dargent spricht in der Welt von einer „konfusen Debatte ohne klare Richtung“. Dafür „sorgten zwei Gäste aus der Publizistik für Emotionen“, so Dargent. „Der Stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges war zu Tränen aufgewühlt von einem frisch beendeten Reportagebesuch in einem Flüchtlingscamp in Slowenien. Die Schutzsuchenden würden dort ihren Status wechseln, vom Flüchtling zum Gefangenen. „Das ist die Vorhölle Europas. Der Schweizer Publizist Frank A. Meyer wiederum bediente als konservatives Gegenmodell zu Jörges mit einem intellektuellen Anstrich die ‚Lügenpresse‘- und Einparteiensystem-Schreihälse der Pegida in Dresden. „Es ist quasi eine publizistisch-politische Glaubensgemeinschaft in Berlin, die glaube ich sich verständigt hat auf eine bestimmte Sicht“, sagte Meyer. Aus seiner Sicht wird in Deutschland also nur einseitig über Flüchtlingspolitik gesprochen.“

„Wenn alle guten Willens, aber ohne echten Lösungsansatz sind unter Politikern und Journalisten, dann nennt man das eben auch: Händeringen auf hohem Niveau“, kritisiert Gerd Appenzeller im Tagesspiegel. Die geladenen Gäste seien „eigentlich keine schlechte Mischung für die Debatte, wenn man mal von der falschen Vorgabe absieht: Das Thema war nicht lösbar, aber es war gut, dass man darüber gesprochen hat.“ Appenzeller betont, die Diskussionsfrage sei wenig sinnvoll gewesen und macht einen Gegenvorschlag: „Die Staaten, die am wenigsten zur Erhaltung der Flüchtlingslager und zur Ernährung der Millionen armer Menschen dort beitragen, die Staaten, die im Ölgeld schwimmen, die in der gleichen islamischen Staatsreligion leben wie die Flüchtlinge, die eigentlich unmittelbare Nachbarn der Krisenregion selbst problemlos Flüchtlinge aufnehmen könnten, die dies aber alles nicht tun – wann wird das endlich einmal in einer Fernsehsendung thematisiert? Jauch hat ja noch eine Sendung im Gasometer, Ende November – wie wär’s denn?“

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Auch Julian Heißler erklärt bei Sueddeutsche.de, die Talkrunde habe die Frage nicht beantworten können. „Überhaupt fehlte dem Gespräch die klare Linie“, bemängelt er. „Stattdessen tauschten die geladenen Gäste ihre mehr oder weniger bekannten Positionen aus. Der CDU-Politiker und Europaparlamentarier Elmar Brok forderte mehr europäische Zusammenarbeit beim Schutz der EU-Außengrenzen und eine quotierte Verteilung der Flüchtlinge auf alle Mitgliedsstaaten.“ Das Gespräch sei oft im Grundsätzlichen geblieben: „Kein Wort etwa zum Koalitionsgezerre um die mögliche Einrichtung von sogenannten Transitzonen an der deutschen Grenze. Der aktuelle Teil beschränkte sich weitgehend auf Jörges‘ Bericht von der kroatisch-slowenischen Grenze. Stattdessen diskutierte die Runde einmal mehr die Frage, ob die Entscheidung der Bundeskanzlerin im September in Ungarn, gestrandete Flüchtlinge nach Deutschland zu holen, die Krise verschärft hätte. Die Gäste verzichteten auf überraschende Antworten.“

Andrea Zschocher beobachtete im stern: „Eigentlich wollte Günther Jauch in seinem sonntäglichen Talk der Frage nachgehen, ob Europa in Zeiten der Flüchtlingsströme zu einer Festung wird, oder ob die Grenzen weiterhin offen bleiben. Aber die geladenen Gäste sprachen dann doch lieber über die Themen, die für sie wichtig waren. Das changierte von europäischen Beschlüssen über Flüchtlingshilfe in den Nachbarländern Syrien bis hin zum ‚rechtslosen Zustand‘ Deutschlands (…). Günther Jauch wollte an diesem Abend von seinen Gästen immer wieder wissen, wie der Flüchtlingsstrom in den Griff bekommen werden kann, welche Lösungen wirkliche Hilfe anbieten. Antworten bekam er keine, dafür viel Gerede und Emotionen, die so gar nicht zu der vorwiegenden Männerrunde passen wollten. ‚Es gibt sehr viel Humanität und sehr viel Angst‘ fasste Melissa Fleming die Gefühlswelten zusammen, in denen sich ihrer Meinung nach viele Deutsche wiederfinden würden. Jauchs Talkshow konnte wohl nicht dazu beitragen die Ängste zu nehmen, vielleicht aber erreichen Hans-Ulrich Jörges Aussagen diejenigen, denen die Humanität nach wie vor wichtig ist.“

Philipp Stempel kritisiert bei RP Online vor allem den Moderator scharf und spricht von einem „Chaos-Talk“: „Die Show war vermutlich ein Fest für Sprachwissenschaftler. Dazwischenreden, in der Diskussion die Oberhand gewinnen, eigene Thesen einbringen, ohne auf andere einzugehen, das war bei Jauch Selbstzweck. Der Moderator ist keine Hilfe. Wieder mal erweckt Jauch den Eindruck, er hake Stichworte ab. Jauch demonstriere „in dieser seltsam konturlosen Sendung“, dass er nicht mehr wolle. „Seine egozentrischen Talkgäste lässt er lange ungestraft durcheinander reden, zeitweise ist nicht ein einziges Wort zu verstehen. ‚Einer nach dem anderen‘, versucht sich Jauch. Und bleibt ungehört. Traurig.“

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