Journalisten und die Sommermärchen-Affäre: Zu viel Nähe tut nicht gut.

Daaa, dadadadada da dadadadada da dadadadadada daaa
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Der Spiegel hält die Medien- und die Fußballbranche mit der Fortsetzung der Sommermärchen-Affäre in Atem. Nicht alle Journalisten geben dabei eine gute Figur ab. Thomas Gottschalk sorgte für gute Laune bei den Medientagen und Judith Rakers darf am Sonntag in der Tagesschau Bein zeigen. Der MEEDIA Wochenrückblick.

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Die Medienstory der Woche war ohne Zweifel die Titelgeschichte des Spiegel zum angeblich gekauften Sommermärchen. Also der Vorwurf, die Vergabe der Fußball WM 2006 nach Deutschland sei gekauft gewesen. Der Spiegel erhebt diesen Vorwurf, erklärt in der Story aber selbst, dass es dafür nur “Verdachtsmomente” gibt und keine Beweise. Unstrittig ist, dass jene 6,7 Millionen Euro, die angeblich zur Bestechung asiatischer Mitglieder der Fifa Exekutive verwendet und vom DFB später dubios zur Fifa verschoben wurden, den Deutschen Fußballbund vor ein ziemliches Problem stellen. Die Pressekonferenz in dieser Woche, in der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach die Herkunft der 6,7 Mio. Euro zu erklären versuchte, geriet zu einem Kommunikationsfiasko. Hinterher waren die Fragezeichen größer als vorher. Es entstand überhaupt nicht der Eindruck, dass irgendetwas aufgeklärt wurde. Im Gegenteil: Niersbach machte die Sache mit der Räuberpistole von dem hin- und hergeliehenen Geld nur noch schlimmer. Und jetzt legt der Spiegel dieses Wochenende noch einmal nach, u.a. mit Niersbachs Widersacher und Vorgänger Theo Zwanziger, der die Existenz einer schwarze Kasse bestätigt.

Erstaunlich an dieser Story ist auch, wie sich einige Journalisten ganz ohne jede Distanz auf die Seite des DFB schlagen. Sportbild-Chef Alfred Draxler gab die unglaubwürdige Version der Geschichte, die von Niersbach auf der Pressekonferenz verbreitet wurde, fast wortgleich eine halbe Stunde zuvor als “Enthüllung” zum Besten. Im Artikel schwurbelt er davon, dass er viele der Beteiligten Personen sehr gut kenne und trotzdem “Vetternwirtschaft” ausschließe. Und dann besteht sein “Enthüllungstext” fast wortgleich aus der Version, die kurz danach der DFB-Präsident referiert.

Oder Focus-Gründer Helmut Markwort, der die Spiegel-Story als “journalistischen Offenbarungseid” geißelte. Jener Helmut Markwort, der viele Jahre im Aufsichtsrat des FC Bayern saß und daher auch über gute Kontakte zu Franz Beckenbauer verfügen dürfte. Man kann dem Spiegel vielleicht eine Überverkaufe vorwerfen aber ein “Offenbarungseid” sieht doch anders aus. Immerhin war man seit langer Zeit nicht mehr so gespannt auf eine neue Spiegel-Ausgabe wie heute.

Die Spiegel-Story über das befleckte Sommermärchen ist daher nicht nur ein Lehrstück in Sachen Korruption im Fußball, sondern auch eines über mitunter ungesunde Verflechtungen im Journalismus. Nähe bringt oft Informationen. Zu viel Nähe kann aber auch den Blick auf das Wesentliche verstellen.

In München gingen diese Woche die Medientage mit einem ganz besonderen Gast über die Bühne. Einem Star-Gast. Thomas Gottschalk moderierte den Gipfeltalk der TV-Branche und war naturgemäß für den einen oder anderen Oneliner gut („Ich bin 65, mein Anzug ist ein Jahr alt – im Schnitt bin ich 33.”). Hinterher gab’s dann noch ein Resümee am Stand des Bayerischen Rundfunks, wo der Herbstblonde sich seine medialen Sporen verdiente. Anschließend ging’s ab in den Flieger zu irgendeiner Aufzeichnnung beim RTL.

Für die Messe-Macher war die Verpflichtung der TV-Supernase jedenfalls ein schöner Aufmerksamkeits-Booster, wie diese Aufstellung der Top-Themen der Medientage zeigt:

Sensation! Stop the press! Bei der “Tagesschau” sehen wir am kommenden Sonntag nach 63 Jahren erstmals die Beine der Dolores. Beziehungsweise: die Beine der Judith Rakers. Nach dem Wetterbericht werden die Sprecherinnen und Sprecher nämlich ab Sonntag seitlich am Tisch stehen, während sie die Themen der “Tagesthemen” ankündigen. OMFG! Seitlich am Tisch! Die “Tagesschau” teaserte diese Welt-Brandneuheit im Laufe der Woche mit ungewohnter Lustigkeit an. Erinnern Sie sich an die körperlosen Beine, die neulich unmotiviert bei den “Tagesthemen” rumstanden? Jaha! Und an das Video mit Cancan tanzenden Sprechern unter dem Stichwort “Die neue Beinfreiheit”.

Die rätselhaften BeineWas nur haben die rätselhaften Beine zu bedeuten? Tipp 1: In unserer Ausgabe um zwanzig Uhr steht in den nächsten Tagen eine optische Veränderung an. Tipp 2: Sie hat mit Beinen zu tun.

Posted by tagesschau on Mittwoch, 21. Oktober 2015

Das waren alles Vorboten auf die beinharte Revolution. Den Tagesspiegel animierte die Sache zu einer großen “Exklusiv“-Geschichte mit der beinbrechenden Überschrift: Zuschauer werden die Beine des Sprechers sehen“ Mit Beinen haben sie es ja bei der “Tagesschau”.

Was die “Tagesschau” kann, kann Twitter-Gott Claus Kleber, im Nebenjob “heute journal”-Moderator, schon lange:

Ob sein lässiger Jeans-Auftritt eine Art Meta-Kommentar zur neuen Beinfreiheit der Kollegen war? Bei Kleber weiß man nie. Auch wenn er beteuert, er habe sich bloß „verpuzzelt“.

Bei dem ganzen Gedöns rund um das Sommermärchen, das für den DFB rückwirkend zum Herbst-Alptraum wird, geriet die Ermittlung der Fifa Ethikkommission zu Franz Beckenbauer und seiner Rolle bei der möglicherweise auch nicht ganz astreinen Vergabe der Weltmeisterschaften an Katar und Russland ein wenig ins Hintertreffen. Am Mittwoch jedenfalls konnte man schon ein bisschen verwirrt sein, wenn man in Sachen Fifa auf die Smartphone-Eilmeldungen blickte:

Bildschirmfoto 2015-10-23 um 11.38.57

Ja was denn nun? Schließt ab oder leitet ein? Die Fifa Ethik-Kommission hat ihre Ermittlungen tatsächlich abgeschlossen, nun muss noch das Urteil folgen. Insofern wird also auch nach den Ermittlungen weiter ermittelt. Ganz schön kompliziert diese Fifa. Kein Wunder, wenn die Herren dort manchmal mit ihren Kontonummern durcheinander kommen …

Ihnen ein wunderbares Wochenende!

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