Roland Tichy bei den Medientagen: Verlage brauchen eigene soziale Netzwerke

Xing-Journalist Roland Tichy bei den Medientagen: Plädoyer für Plattformen
Xing-Journalist Roland Tichy bei den Medientagen: Plädoyer für Plattformen

Die Debatte um Chancen und Risiken des Online-Journalismus beherrscht auch in diesem Jahr die Medientage in München. In mehreren Panels diskutierten Chefredakteure und Verlagschefs ihre verschiedenen Modelle und Einstellungen gegenüber neuen Technologien und Initiativen von Facebook oder Google.

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Um neue Player am Markt ging es in einer Diskussion zwischen Business-Punk-Redaktionsleiterin Ruth Fend, dem Twitter-Deutschland-Statthalter Rowan Barnett und den Xing-Journalisten Jennifer Lachman und Roland Tichy. Gerade erst hat Xing sein Autorenprogramm News gestartet und greift aktiv ins Journalismus-Geschäft ein. Durch Plattformen wie Xing, werde die Vermittlerrolle von Verlagen „überflüssiger“, wie Fend notierte.  Eigene Umfragen hätten ergeben, dass Abonnenten der Xing-Branchen-Newsletter schon gar nicht mehr wahrnehmen würden, woher die kuratierten Inhalte kommen.

Roland Tichy, selbst ehemaliger Chefredakteur der WirtschaftsWoche, sieht einen Angriff auf Verlage durch Plattformen wie Xing. Um dem etwas entgegenzusetzen, müssten Verlage eigene soziale Netzwerke aufbauen.

„Verlage hören ihren Lesern nicht zu“, so Lachman. Dies habe sie nach dem Aus der Financial Times Deutschland gemerkt, bei der sie damals arbeitete. Es habe nach Bekanntwerden der Insolvenz zahlreiche Leser gegeben, die der Zeitung noch hätten helfen wollen. Mit diesen Lesern habe man sich vorher nie befasst, so Lachmann.

„Kein Steigbügelhalter für Google werden“

Beim Publishing Gipfelam am Mittwoch diskutierten die Verlagsvertreter Ulrich Gathmann von den Nordwest Medien, Martin Wunnike vom Mittelbayerischen Verlag sowie Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid und FAZ.net-Chefredakteur Mathias vom Blumencron vor allem über die Finanzierung des Journalismus.

Sein Geschäft sei nicht das Drucken von Zeitungen, sondern der Inhalt, bekräftigte Wunnike zum Einstieg in die Debatte. Wie in der wohl gesamten Verlagsbranche werde sein Geschäft nach wie vor von den Erlösen aus dem Print-Sektor finanziert. Das Gedruckte sei immer noch der „Umsatzträger in der Flotte“. Und das wohl noch zehn bis 15 Jahre, so Gathmann für sein Zeitungshaus. So lange werde Zeit benötigt, an neuen Finanzierungsmodellen zu arbeiten.

Über zwei Jahrzehnte nach dem Durchbruch des Internet befinde sich der Online-Journalismus noch immer in der Experimentierphase, erklärte von Blumencron. Online-Redaktionen seien „Experimentierlabore“ geworden. „Und das tut uns sehr gut.“ In den nächsten Jahren werde sich im Digitalen ein „Wettbewerb der Exzellenz“ entwickeln, vor allem was den richtigen Weg zwischen Qualitätscontent und Finanzierbarkeit angeht. „Das reine Reichweitenmodell wird für die meisten nicht machbar sein.“ Deshalb sei die Beteiligung von Online-Lesern an der Finanzierung von Journalismus ein Muss, so der FAZ.net-Chef, dessen Redaktion noch kein Paid-Content-Modell eingeführt hat.

Um am Markt zu überzeugen gehe es, wie auch schon bei Panels am Vortag zahlreich betont wurde, um gute Inhalte. Blumencron erwartet beim Online-Journalismus eine „Qualitätsoffensive“. Wie man Inhalte aber richtig verkauft, das habe die Branche noch nicht herausgefunden, so der ehemalige Spiegel-Chef weiter.

Blumencron lobte allerdings die Entwicklung, dass Medien in der digitalen Welt auch verlagsübergreifend zusammenarbeiten. „Wir gehen viel offener miteinander um, als wir es in der Printwelt getan haben.“

Nicht zum ersten Mal verwies Blumencron auf US-Konzerne wie Facebook oder Google, die zum einen journalistische Inhalte auf ihre eigenen Plattformen ziehen – wie es Facebook mit Instant Articles macht – aber auch zum anderen Google, die sich mit ihrer Digital News Initiative einbringen. Google kündigte im April an, Journalismus mit einem Fonds zu unterstützen, in dieser Woche startete die erste Bewerbungsphase. An dem Programm nimmt auch FAZ.net Teil. Trotzdem verhalte man sich vorsichtig, weil man nicht zum „Steigbügelhalter“ von großen Plattformen werden wolle, so Blumencron weiter.

Die Zusammenarbeit mit Google beschrieb Blumencron als bisher konstruktiv. Man habe sich zusammengesetzt, um verschiedene Modelle zu diskutieren und habe eine „Roadmap“ erstellt.  Ziel sei es, am Ende „mehr Geld zu verdienen als bisher“. Es gehe nämlich nicht darum, Konzerne wie Google attraktiver zu machen, sondern den eigenen Journalismus.

 

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Alle Kommentare

  1. Am Ende muss der Wurm dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.

    Olle Weisheit, im Mainstream unbekannt.

    Das Bullshit-Bingo Gewäsch ist kokolores.

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