„Kettensägenmassaker am eigenen Ruf“: Journalistenverbände kritisieren Sparmaßnahmen beim Tagesspiegel

JVBB-Chef Alexander Fritsch ((Foto: dpa) und DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken protestieren gegen die Freistellung der freien Journalisten
JVBB-Chef Alexander Fritsch ((Foto: dpa) und DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken protestieren gegen die Freistellung der freien Journalisten

Publishing Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat gegen die Freistellung der freien Journalistinnen und Journalisten des Tagesspiegel bis zum Jahresende protestiert. Dies sei rechtlich nicht hinnehmbar, betont der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken. Der Vorsitzende des Journalistenverband Berlin-Brandbenburg (JVBB), Alexander Fritsch, rief den Tagesspiegel zu sofortigen Gesprächen auf.

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Alle freien Autoren des Berliner Tagesspiegels wurden mit sofortiger Wirkung von ihrer Arbeit freigestellt. Wie das Hamburger Abendblatt berichtet, dürfen sie nur noch in von der Chefredaktion genehmigten Ausnahmefällen für die Berliner Tageszeitung schreiben. Ein kleiner sechsstelliger Betrag solle damit eingespart werden. Grund für die drastische Spaßmaßnahme soll ein Anzeigeneinbruch ein.

„Weder moralisch zu rechtfertigen noch rechtlich hinnehmbar“

Diese Einbußen sollen nun durch Einsparungen bei den Honoraren für die Freien kompensiert werden. „Zynischer kann mit den Mitarbeitern, die erheblich zum publizistischen Erfolg der Zeitung beitragen, nicht umgegangen werden“, kommentierte DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken diesen Schritt. „Er stellt zudem eine schwere verlegerische Fehlentscheidung dar. Den freien Mitarbeitern das wirtschaftliche Risiko des Verlags aufzubürden, ist weder moralisch zu rechtfertigen noch rechtlich hinnehmbar“, sagte Konken, zumal die freien Journalisten regelmäßig wirtschaftlich nicht auf Rosen gebettet seien.

Der DJV-Vorsitzende wies darauf hin, dass der Verzicht auf Beiträge der freien Mitarbeiter zudem Mehrarbeit in erheblichem Umfang für die Redakteure des Tagesspiegel zur Folge hätte: „Das ist genauso wenig verantwortbar wie der kalte Auftragsentzug für die Freien.“

Konken forderte den Verlag auf, die Zusammenarbeit mit den freien Mitarbeitern unverzüglich wieder im gewohnten Umfang aufzunehmen: „Der Verlag ist wirtschaftlich in der Lage, eine kurzfristige Delle im Anzeigengeschäft auszuhalten.“ Den Freien riet er, sich juristisch beraten zu lassen: „Die DJV-Landesverbände helfen ihren Mitgliedern dabei, ihre Rechte geltend zu machen.“

„Betriebswirtschaftliche Kurzatmigkeit“

Nach Ansicht des JVBB schadet das überraschende Beschäftigungsverbot dem Ansehen des Blattes. „Das ist sozusagen ein Kettensägenmassaker am eigenen Ruf”, erklärte JVBB-Chef Alexander Fritsch. Der Tagesspiegel habe bisher als seriös geführtes Blatt gegolten, das nicht nur inhaltlich, sondern auch bei der Mitarbeiterführung auf Qualität setzt. „Jetzt scheint auch hier verlegerische Strategie durch betriebswirtschaftliche Kurzatmigkeit ersetzt zu werden“, sagte Fritsch weiter.

Er rief Verlagsleitung und Chefredaktion zu sofortigen Gesprächen auf: „Ohne freie Autoren ist eine Qualitätszeitung nicht zu machen. Aber nur ein Qualitätsprodukt kann sich am Markt behaupten.“ Gemeinsam mit den Betroffenen müsse jetzt ein Weg gefunden werden. „Sonst verlieren am Ende alle: die Autoren, die Zeitung – und die Leser.“

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Alle Kommentare

  1. Das liegt ja an den Journalisten selber. Die haben ihr Publikum doch so erzogen. Der Tagesspiegel hat TAZ Standard erreicht und wird damit immer uninteressanter. Die Tagesspiegelklientel besteht aus Konsumverweigerern, Klimaphobikern, Bedenkenträgern, Verbotsfetischisten und Oberlehrern mit Asketenanspruch. Was will man solchen Leuten noch verkaufen? Da braucht man doch kein Geld für Werbung rausschmeißen.

    1. Als bekennender Tagesspiegel-Leser fühle ich mich definitiv zu keiner dieser obskuren Kategorien zugehörig. Zu meckern gibt´s ja immer, besonders in Berlin. Aber der Tagesspiegel hat sich nicht zuletzt durch die Themen seiner freien Autoren als meinungsführendes Blatt etabliert.
      Massiv kritisiere ich hingegen die kostenintensiven „Diversifizierungen“ mit jeder Menge Sonderblätter („Gesund“, „Köpfe“…) und das Ranschmeißen an die Hauptstadtpolitiker („Agenda“), nur um zitiert zu werden. Reines Marketing statt Redaktion, dank Herausgeber Turner, ein Werbemann…

    1. Eigner Holtzbrinck setzt beim Tagesspiegel, mehr aber noch bei der Wochengazette „DIE ZEIT“ auf moralbasierte Berichterstattung. Man kämpft immer für das „Gute“ (Krieg gegen Gaddhafi, Hussein und aktuell Assad) und zeigt in jeder Ausgabe seine Abneigung und seine Nichtduldung gegen „Rechte“ (dazu gehören inzwischen alle, die nicht glauben, dass wir Millionen von zugewanderten muslimischen Geringgeblideten integrieren können). Es gibt jedenfalls genügend Gründe, diese Blätter nicht mehr zu lesen. Eventuell sieht man den Auflagenrückgang ja als Aufforderung, wieder ausgewogener zu brichten.

  2. Der Tagesspiegel berichtet extrem einseitig. Wenn man sich das letzten Jahre anschaut ist das schon extrem auffällig. Nur die Berliner Zeitung berichtet noch wertender um bei Berliner Medien zu bleiben.
    Wir als Unternehmen haben seit Jahren ein Freiabo wenn dies nicht so wäre hätten wir schon längst gekündigt.
    Oft fragt man sich auch bei verschiedenen Kommentaren des Chefredakteurs oder anderer Journalisten in welcher Welt diese Leute leben.
    Ab und an kommen dann Berichte die gegensätzlicher nicht sein können.

    Beispiel: Am 1. Tag einen Bericht über die Super-Drogenwelt am Görlitzer Park und wie toll und gefährlich es ist und man darin nach der Polizei ruft und deren bisherige Untätigkeit anprangert, am nächsten Tag einen Artikel über einen Polizeieinsatz an Görlitzer Park wo die ach so tollen und braven Drogenhändler überprüft und später wieder freigelassen werden, um dann am übernächsten Tag einen kritischen Bericht über diesen Polizeieinsatz und deren Sinn zu veröffentlichen und die Polizei zu kritisieren das Sie natürlich alles falsch gemacht hat…

    Das kann man auch auf immer wiederkehrende Themen wie Autofahrer/Radfahrer, Asylbewerber/Straftaten, Hunde/Hundekot/Stadt/Land… Rechtsextreme/Linksextreme/Schwarzer Block….

  3. Der Tagesspiegel hat sich mit seinen unzählig vielen Zusatzheften (Köpfe, Genuss, Gesund, Radfahren, Brandenburg, usw.) total übernommen.

    Außerdem empfinde ich, dass der Tagesspiegel sich ja immer für etwas Besseres hält. Was zuletzt sicherlich auch Anzeigenkunden wie Aldi & Co. abgeschreckt hat.

    Wenn ich mir zuletzt noch das Impressum des Tagesspiegels anschaue, wieviele Leiter, Unterleiter und Unterunterleiter dort arbeiten, ist mir einiges klar.

    Ach staune ich darüber, dass der Betriebsratsvorsitzende in dieser Sache so wortergreifend tut. Wo, wenn es um die Belange der eigenen Angestellten geht, eher Zurückhaltung gezeigt wird. So erfahren die Beschäftigten im Vertrieb erst durch Pressemeldungen anderer Verlage und deren Betriebsräte, dass künftig Arbeitsplätze wegfallen sollen.

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