Miriam Meckel auf den Medientagen: „Wir behandeln uns wie Resterampen der digitalen Zerstreuung“

Wirtschaftswoche-Chefin Miriam Meckel hielt bei den Medientagen München eine Keynote
Wirtschaftswoche-Chefin Miriam Meckel hielt bei den Medientagen München eine Keynote

Die Medientage München widmen sich dieses Jahr dem Thema Digitale Disruption und der Frage nach Innovationen, um den digitalen Wandel zu meistern. Vor dem TV-Gipfel, dem eigentlichen Eröffnungshighlight der Medientage, machte WiWo-Chefredakteurin Miriam Meckel in einer Keynote deutlich, welche Chancen und Gefahren disruptive Technologien bedeuten – und fand deutliche Worte.

Werbeanzeige

Ausgerechnet in einer App namens Peace erkennt Meckel eine „Kriegserklärung“. Peace ist – wie die in jüngster Zeit für viel Aufsehen sorgende Software Adblock Plus – ein Programm, mit dem sich Werbeanzeigen im Netz unterdrücken lassen. Die „Kriegserklärung“ besteht darin, dass Tools wie Peace die Geschäftsgrundlage von Medien gefährden. Digitale Contentproduzenten haben Angst vor den Internet-Kämpfern und ziehen AdBlock-Anbieter reihenweise vor deutsche Gerichte – bislang ohne Erfolg.

Peace ist eine „Kriegserklärung“, die Meckel offenbar verstehen kann. Denn es gehe nicht um einen Angriff auf Inhaltemacher, sondern um den Kampf gegen herkömmliche und unkreative Werbung, die auch die Chefredakteurin für nicht mehr zeitgemäß hält. „Würden Sie sich während des Zeitungslesen beim Frühstück anbrüllen oder schubsen lassen?“ Wohl kaum. „Wieso also im Internet?“, fragte Meckel. Studien würden belegen, dass immer mehr Nutzer von Pop-Ups, Banners, Layers usw. genervt seien, erläutert die Medienwissenschaftlerin.

Die Branche habe auf das Internet nicht qualitativ, sondern quantitativ reagiert. „Mehr ist mehr führt uns nicht in die Zukunft.“ Ein Mehr an Werbung würde letztlich zu weniger Information führen. „Klick mich“ – der „Slogan der Werbewirtschaft“, so Meckel – sei so „ansprechend wie Erotik-Call-In-Werbung“. „Wir behandeln uns wie Resterampen der digitalen Zerstreuung“, kritisierte Meckel.

Es gehe um Kreativität, um das Finden neuer Wege, nicht um das Sperren von Nutzern, die sich durch Werbung gestört fühlten. „Wir müssen unsere Kunden ernst nehmen“, so Meckel. Hilferufe nach der Politik seien ein „Armutszeugnis“. Bestätigt fühlt sie sich auch aus der Werbewirtschaft und zitiert aus einem erscheinenden WiWo-Interview mit WPP-Chef Martin Sorrell. Auch er kritisiere unkreative Lösungen und die Reaktion, die Nutzer auszusperren.

Meckel glaubt, dass Qualität wieder Quantität ersetzen könnte. Beispielsweise durch weniger Clickbaiting und mehr Engagement. Es gehe nicht um möglichst viele Visits, sondern um die Verweildauer der Nutzer. Der Mensch wolle gefördert werden. Medien sollten sich dieser „Eigenschaft“ nicht entziehen.

Um disruptive Innovationen zu schaffen, müsse auch Altes neu gedacht werden. So lobte Meckel beispielsweise die Renaissance des Newsletters und nennt das US-Wirtschaftsangebot Quartz als Beispiel, das mit aggregierten wie auch eigenen Inhalten überzeuge und eine „Traumzielgruppe“ (Altersdurchschnitt um die 40 Jahre, Durchschnittliches Einkommen < 100000 US-Dollar) erreiche. Wie disruptive Innovationen in der Medienwelt ebenfalls funktionieren, zeige der Streamingdienst Netflix, der sein DVD-Versandgeschäft digitalisiert und das alte Geschäftsmodell aufgegeben hat. Mit ihrem Beispiel mahnte Meckel, nicht so lange zu warten, bis aus bestehenden Geschäftsmodellen das „letzte Quäntchen ausgequetscht“ sei.

Disruption werde vor allem unsere Gehirne fordern, so Meckel. Sie würden „Hauptspielplatz“ für das bleiben, was technologisch passieren werde.

Werbeanzeige

Mehr zum Thema

Alle Kommentare

  1. Kann mir jemand erklären, was eine „disruptive Innovation“ sein könnte? Oder ist das nur Soziologen-Blabla und man muss es garnicht verstehen?

    1. …hm, was könnte das sein? Irgendwas wird nicht zu Ende gedacht? Vielleicht? Die Medien schaffen den oder die Innovationssprünge nicht?

      Weiss der Teufel! DER freut sich sicherlich über disruptive Innovation (ich hab immerzu disruptive „Information“ gelesen…)

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige