„Ist der Moderator nach Hause gegangen?“: Pressestimmen zu Günther Jauchs Talk mit AfD-Mann Björn Höcke

AfD-Politiker Björn Höcke drapierte am Sonntagabend bei Günther Jauch eine Deutschlandflagge an seinem Stuhl
AfD-Politiker Björn Höcke drapierte am Sonntagabend bei Günther Jauch eine Deutschlandflagge an seinem Stuhl

"Wird der Hass gesellschaftsfähig?", fragte Günther Jauch am Sonntagabend im Ersten. Zu Gast in der Talkrunde waren Bundesjustizminister Heiko Maas, "Panorama"-Moderatorin Anja Reschke, CDU-Politiker Klaus Bouillon und der AfD-Fraktionsvorsitzende in Thüringen, Björn Höcke. Letzterer legte zu Beginn der Sendung demonstrativ eine Deutschlandflagge über seinen Sessel und gab allerlei krude Theorien von sich. Kritik zog aber vor allem auch der Moderator auf sich. Der Vorwurf vieler Journalisten: Jauch habe Höcke ungebremst gegen Flüchtlinge hetzen lassen.

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„Beim Ausbreiten der Fahne über Höckes Sessellehne breitet sich Stille im Studio aus. Peinlich berührte Stille“, schreibt Ralf Dargent in der Welt. Höcke habe es durch diese Geste bereits innerhalb der ersten der Sendung geschafft, sich „als Witzfigur zu präsentieren“. Für Dargent stellt sich auch die Frage, „ob die Einladung eines Rechtspopulisten wie Höcke“ in die Fernsehsendung zum Entlarven von dessen Denken sinnvoll sei oder „ob hier womöglich einem Brandstifter unnötig eine Plattform gegeben“ werde. Er bemängelt weiter, Jauch sei Höcke „auf den Leim“ gegangen: „Zu hören war dies etwa am Ende der Sendung. Da ließ sich Jauch ernsthaft zu einem Gespräch mit dem von seinen Verschwörungstheorien lebenden AfDler ein, ob die ARD ein gleichgeschaltetes Medium sei. ‚Sie haben sich selbst konditioniert‘, behauptete Höcke über Jauch und dessen Moderation. Jauch, statt den Kopf zu schütteln über die unverschämte Behauptung, fragte tatsächlich: ‚In welche Richtung?‘ Doch bevor Höcke triumphierend den Moderator noch weiter mit diffusen Behauptungen aufs Glatteis führen und in ein Gespräch über seinen Moderationsstil verwickeln konnte, beendete Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) das Gespräch.“ Maas („Ist egal, lassen Sie ihn“) und Klaus Bouillon („Die Belastungsgrenze ist noch nicht erreicht“) seien deutlich besser mit Höcke umgegangen, was dafür gesorgt habe, dass dieser am Ende letztendlich hilflos geworden sei. „‚Wir schaffen das nicht‘, sagte er. Das klang aber nur noch wie der Reflex des Rechten, der um die für seine Existenz wichtige ängstliche Stimmung in Teilen der Bevölkerung fürchten muss.“

Frank Lübberding kritisiert bei FAZ.net weniger den Moderator als die gesamte Ausrichtung der Sendung: „Die Reduzierung realer politischer Konflikte auf den Diskurs prägt die Debatte.“ Es habe schon vor dem Internet „vergleichbare Mordanschläge radikalisierter Ideologen, allerdings von links und rechts“ gegeben. „Die Nazis waren sogar ohne Hilfe des Netzes an die Macht gekommen.“ Zur Deutschlandflagge von Björn Höcke schreibt er: „Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, deutlich zu machen, warum die Bundesflagge kein Symbol der politischen Rechten ist, Höcke sie lediglich vereinnahmt und damit zugleich mißbraucht. Jauch gab mit den Einspielern über die Auftritte Höckes genügend Hinweise.“

Carin Pawlak schlägt bei Focus Online einen härteren Ton an und bezeichnet den AfD-Politiker als „dreist“. Außerdem habe Günther Jauch wieder einmal gezeigt, warum er nicht der Richtige für diese Art von Talk sei. „Warum er ein fantastischer Entertainer, aber kein politischer Journalist ist. Deshalb kann der AfD-Mann sich geradezu selbst berauschen an seinen Äußerungen (…). Bekommt gar feuchte Augen und holt dann eine Deutschlandfahne aus der Tasche, die er über die Stuhllehne faltet. Sehr peinlich berührt schweigt die Runde. Aber leider sagt auch keiner was. Deswegen fühlt sich Höcke berufen, sich Sendezeit nach Belieben zu nehmen“

Der Chef vom Dienst der Huffington Post geht noch einen Schritt weiter und titelte: „Der widerliche Auftritt von AfD-Mann Höcke bei ‚Jauch‘.“ Nicht nur Jauch, sondern die gesamte Talkrunde habe „seltsam“ auf Höcke reagiert: „Sie taten nichts. Waren sie einfach zu überrascht von diesem Talkshow-Neuling? Offensichtlich wussten sie nicht, wie sie mit ihm umgehen sollten. Höcke war nicht zu stoppen. Gastgeber Jauch wies er dabei genauso zurecht – ‚Sie haben mich noch nicht verstanden‘ – wie Justizminister Heiko Maas – ‚Lassen Sie mich ausreden!'“-

Bento-Chef Ole Reißmann ärgert sich ebenfalls über Jauch: „Blöd, wenn dann dieser jemand von der AfD pöbelt, hetzt und droht, so dass Günther Jauch den Hass zur besten Sendezeit gesellschaftsfähig macht. Denn Jauch hatte den längst bekannten, den immer gleichen Parolen nichts entgegenzusetzen. Bedankte sich am Ende gar noch (…). Einziger Lichtblick: Die NDR-Journalistin Anja Reschke, die den Thesen des AfD-Einpeitschers entgegentrat, während Jauch nur mit stoischer Miene zusah, wie sich der Hass in der Mitte der Fernsehgesellschaft breitmachen konnte.“

Sylvie-Sophie Schindler kritisiert im stern: „Wieder mal wurde den Ursachen nicht auf den Grund gegangen. Und eine Chance vertan. Die Kommentare der Diskutanten waren vorhersehbar. Maas sagt zum Schluss: ‚Is‘ egal.‘ Es ist sein Kommentar zu Höckes Äußerung an Jauch: ‚Sie haben sich selbst konditioniert.‘ Jauch zurück: ‚Wie meinen Sie das?‘ Man sieht ihm an: Er weiß nichts damit anzufangen.“

Auch bei Twitter wurde am Sonntagabend während der Sendung scharf gegen Günther Jauch und seine Moderation geschossen:

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Alle Kommentare

  1. Die Deutschlandfahne des Herrn H? ist in der Art, wie er sie präsentiert, leicht mit der belgischen zu verwechseln.

  2. Unser politische und mediale Kultur geht seit Merkels Gleichschaltung den Bach herunter. Abweichende Meinung werden mit einer Inbrunst bekämpft, die an die schlimmsten Zeiten der DDR erinnert. Ich hoffe, dass die am heutigen Tage ausgewiesenen IVW-Zahlen erneut zeigen, dass sich immer mehr Bürger mit Ekel vom erzwungenen Konsens abwenden. Wir müssen den selbsternannten „Hütern des moralisch Richtigen“ endlich finanziell das Wasser abgraben. Dies ist wahrlich keine gute und leichte Zeit für Freigeister.

  3. Wie verkrampft unser Verhältnis zu eigenen Nation ist, wurde mit dem Aufhängen der Deutschlandfahne an der rechten Sessellehne des Herrn Höcke offenbar.
    In jedem anderen Land der Welt hätten die politischen Gegner des AfD-Mannes ihre eigene Nationalflagge aus ihren Jacken- oder Hosentaschen gezogen und ebenfalls an ihren Sessellehnen platziert.
    Denn diese Fahne ist unsere Nationalflagge und sie gehört allen, nicht nur den Rechten. Die AfD ist nicht „das Volk“, aber ein Teil des Volkes.

  4. Das Presseecho zur Sendung ist ein schöner Beleg für die Gleichschaltung der deutschen Medien: Abweichler werden nicht mehr geduldet.
    Dem typischen Redakteur ist es richtiggehend unangenehm, dass da plötzlich jemand in einer Talkshow sitzt, der den bleiernen Valium-Konsens (alles wird gut, nur nicht zuviel nachdenken und fragen) aufkündigt.
    Klassische Abwehr-Reaktion: So einen laden wir gewiss nie wieder ein.
    Debatten-(Un)kultur anno 2015: Gute Nacht, Deutschland.

  5. Na mal schauen, ob sich nicht bald im Gefolge dieses seltsamen Mannes ein paar schlägerhafte Bodyguards finden, die auf Wink Widerworte aus dem Publikum sofort im Keim ersticken… solche Anfänge eines vermeintlich kleinen Redners hatten wir doch schon mal…

  6. Damit, dass die öffentlich-rechtlichen Medien Teil des Problems sind und nicht Teil der Lösung hat der AfD-ler natürlich schon recht. Natürlich sind sie nicht „gleichgeschaltet“. Nein: sie sind ein Staat im Staate, eine nicht-legitimierte Partei, die sich beim Thema Flüchtlingskrise eindeutig als Propagandapartei Pro-Flünchtling positioniert, koste es was es wolle.
    Üblicherweise legitimieren sich Medien über den Markt. Die Öffentlich-Rechtlichen hängen am Tropf, werden zwangsfinanziert. Die Frage nach dem „Warum“ der Zwangsfinanzierung muss schon erlaubt sein.
    Die „Aufrechten“, besser „Auflinken“ der Öffentlich-Rechtlichen machen beim Thema Flüchtlingskrise schon einen sehr der Wirklichkeit abgewandten Eindruck. Durchgefüttert von den Gebührenzahlern führen sie ein verschnarchtes Dasein in ihrem moralischen Elfenbeinturm und merken nicht, wie sich die Welt verändert.

  7. Ich hab die Sendung nicht gesehen, Jauch ist seit der unsäglichen Varoufakis-Sache bei mir sowas von unten durch. Aber ich halte es dennoch für wichtig, solche Gestalten wie den Höcke mit einzuladen. Aber ich halte es auch für wichtig, gegen seine Argumente gegenhalten zu können mit Argumenten und nicht nur mit „rechts ist Bäh!“. Wenn sich Höcke selber zum Narren macht, prima. Wenn aber keiner in der Lage ist, im in einer Diskussion mit Argumenten Widerstand zu leisten, dann wird es höchste Zeit, sich fit zu machen für solche Leute!

    Irgendjemand hat mal sinngemäß gesagt, dass Demokratie immer wieder neu aktiv erarbeitet werden muss, und gerade gegenüber AfD und Pegida (aber nicht nur da) ist das wichtiger denn je!

    1. Anschauen und sehen, dass es sich gestern nicht um eine rethorische Glanzleistung eines begabten Redners, sondern um eine Aneinanderreihung einstudierter populistischer Allgemeinplätze handelte, denen man mit Leichtigkeit hätte entgegnen können. Das macht es so schlimm.

  8. Das mit der „Bühne“ wäre m. E. gar kein Problem gewesen, wenn die Jauch-Redaktion adäquate, sprich: versierte Mitdiskutanten eingeladen hätte. Höcke ist offensichtlich hochintelligent und rethorisch sehr begabt – was seine Ausführungen noch umso gefährlicher macht, wenn der Rest der Runde nicht mithalten bzw. qualifiziert kontern kann. Frau Reschke etwa hatte, als Innenpolitik-Chefin, keine passenden Zahlen parat, musste sich gar in Floskeln wie „keine Ahnung“ flüchten. Und den Vogel schoss dann Herr Maas ab: „Selbst wenn das der Durchschnitt des deutschen Bürgertums war“, sagte der Justizminister allen Ernstes, „es interessiert mich nicht!“ Ein Minister, den das Volk nicht interessiert? Was soll man da als Bürger denken?

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