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stern crime: der stille Erfolg des Fachblatts für Morde und andere Verbrechen

Die Köpfe hinter stern Crime: Giuseppe di Grazia (li.), Christian Krug
Die Köpfe hinter stern Crime: Giuseppe di Grazia (li.), Christian Krug

Für Gruner + Jahr ist 2015 das Jahr der Neuerscheinungen: Mit einer Reihe von Magazin-Premieren unterstreicht das Medienhaus sein Bekenntnis zu Print. Neben innovativen Sparten-Titeln wie Walden gab es Line-Extensions bei Geo, National Geographic und Brigitte sowie jüngst den ambitionierten Launch von Barbara. Besonders bemerkenswert unter den Neustarts ist jedoch stern Crime: Die Zeitschrift für "wahre Verbrechen" hat sich in kürzester Zeit am Markt etabliert – gegen Bedenken auch aus dem eigenen Haus.

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Jede neue Zeitschrift hat ihre eigene Entstehungsgeschichte. Die liegt auf der Hand, wenn etwa ein international bereits erfolgreiches Magazin für den deutschen Markt adaptiert wird. Oder wenn ein Verlag versucht (siehe die Landlust-Epigonen), am Erfolg eines anderen teilzuhaben und in einem gerade entdeckten Segment einen eigenen Titel zu platzieren. Manchmal ist auch die Marktforschung „schuld“ an einer Neuentwicklung, weil sie eine Zielgruppe ermittelt hat, für die es noch keine Zeitschrift gibt. Noch seltener – aber dann häufig mit großem Erfolg – werden Magazine aus dem Bauchgefühl der Blattentwickler oder Verleger geboren und als feste Größen am Kiosk etabliert. Manche Ideen werden als Independent-Marken geboren und später von Medienhäusern übernommen und weiterentwickelt. Bei vielen Erfolgsgeschichten ist es eine Mischung aus mehren Faktoren.

Die Geschichte von stern Crime geht anders. Gefühlt seit Generationen von Journalisten war der Geist eines eigenen Magazins für Morde und andere Verbrechen am Baumwall gegenwärtig – schließlich ist Kriminalität eins der großen Themen, die stern-Reporter immer schon umgetrieben haben. Doch anders als die etablierten Ableger für Fotografie, Gesundheit, junge oder reife Zielgruppen hatte Crime ein Handicap: Die Anzeigenabteilung war stets überzeugt, dass sich Verbrechen nicht lohnt, jedenfalls nicht in der Vermarktung. Das Konzept war ein Flop-Risiko, weil in den Businessplänen des Zeitschriftenhauses eine gelernte Erlössäule fehlte. Lange Jahre war diese Überzeugung das Killerargument, das die Entwicklung eines monothematischen Krimi-Magazins bei Gruner + Jahr verhinderte. Jetzt ist das Heft auf dem Markt und dabei, sich als feste Größe in der stern-Familie zu etablieren. Rund 80.000 Exemplare wurden von der zweiten Ausgabe verkauft, dazu kommen um 7.000 Abos. Auch die dritte Ausgabe, die derzeit am Kiosk ausliegt, bestätigt den Trend. Und das ohne lautstarke Marketing-Kampagnen.

Noch erfreulicher für die Macher ist die durchweg positive Kritik von Lesern wie Rezensenten. Mit stern Crime scheint Gruner + Jahr eine Marktlücke aufgetan zu haben. Das Konzept des Magazins ist präzise definiert: Es geht ausschließlich um „wahre Verbrechen“ (so der Claim); Markenzeichen sind die wunderbar zurückgenommenen und zugleich schaurig-schönen Cover, ein dezentes Design im Heftinnern, das Brutalität ohne zu viel Blut zeigt und der lange Atem beim Erzählen der Fälle – stern Crime ist ein Magazin mit fast literarischem Anspruch, das auf jeglichen Knalleffekt verzichtet. Redaktionsleiter Giuseppe di Grazia und stern-Chefredakteur Christian Krug geben hier Autoren bewusst viel Raum, um ihr Thema zu entwickeln. Artikel von 30.000 Zeichen sind keine Seltenheit. Raum und Zeit sind in der Kriminalität relativ. Ungelöste Mordserien von vor 20 Jahren haben nichts von ihrer Brisanz eingebüßt, die meisten Verbrechen geschehen – unabhängig von der Nationalität von Täter und Opfer – nach den gleichen Mustern, die Generationen von Krimi-Fans in den Bann ziehen. Krimi-Autoren aus dem anglo-amerikanischen Raum sowie aus Skandinavien gehören zu den Dauerkandidaten auf den Bestsellerlisten.

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Mord ist publizistisch weltweit ein Milliardengeschäft, stern Crime liefert sozusagen fokussiert die reale Story on top. Die Zielgruppe war da, es fehlte nur am Produkt mit dem passenden Konzept. Die Formel, die das stern-Team um Giuseppe di Grazia gefunden hat, ist geradezu verblüffend einfach. Man fragt sich, nicht nur bei Gruner + Jahr, warum niemand vorher darauf gekommen ist, ein derartiges Magazin zu starten. Dass dies am Baumwall im Jahr 2015 geschah, kommt nicht von ungefähr. Der stern läuft unter dem seit einem Jahr agierenden Chefredakteur Christian Krug wieder rund und hat fernab aller journalistischen Moden zu einer klaren Linie gefunden. Krug ist inzwischen unbestritten Erster Journalist des Hauses, sein Wort hat Gewicht, auch wenn es um mutige Entscheidungen geht. Der Blattmacher ging unkonventionelle Wege, indem er etwa die Online-Chefredaktion mit Philipp Jessen besetzte, der eher für People-Kompetenz statt für Politik und Feuilleton stand. Aus heutiger Sicht eine richtige Entscheidung: Der lange Jahre vernachlässigte Digitalbereich hat jetzt eine klare Positionierung, eine wettbewerbsfähige Social-Media-Relevanz und ist auch durch neue Kolumnisten in vielen Bereichen zum Agenda-Setter geworden. Nicht jeder vermag im Themenmix der Website die DNA der Zeitschrift eins zu eins wieder zu finden, aber man weiß, wo und wofür stern Online im Vergleich mit personell weit besser besetzten Wettbewerbern steht.

Beim Projekt stern Crime ging es zuallererst darum, Bedenken einflussreicher Verlagsgrößen auszuräumen. Wie im Verlag zu hören ist, konterte Krug die kritischen Stimmen aus der Vermarktung mit der Ansage, man wisse, dass ein solches Magazin es zum Start bei Werbekunden schwer haben werde. Das sei aber kein Problem, weil es sich auch als Vertriebstitel rechnen werde. Das Selbstbewusstsein in der Redaktion machte Eindruck, stern Crime bekam seine Chance und nutzte sie. Der Neuzugang im Zeitschriftenregal ist nicht nur für Leser eine Bereicherung. Längst haben TV-Sender das Potenzial der Marke erkannt. Anfang Oktober lief bereits ein erster, wenngleich noch nicht überzeugender Test einer Fernseh-Adaption bei RTL. Auch bei anderen Sendern ist das Interesse an Lizenzen groß, internationale Kooperationen scheinen möglich. Wahre Verbrechen in stern-Qualität nachzuerzählen, den Kriminalisten Verhörtricks und Ermittlungsgeheimnisse zu entlocken, ist ein funktionierendes, weil authentisches und uniques Magazinkonzept. Der Fundus an Material scheint beinahe unerschöpflich: Mit jeder neuen crime-Ausgabe melden sich Reporter, die „ihren Fall“ in der Zeitschrift ausbreiten wollen. Die Redaktion wirkt dabei als Kurator und Veredler – stern Crime setzt schließlich eine gewisse „Fall-Höhe“ voraus, bevor es eine Story ins Heft schafft.

Welches Potenzial das Heft hinsichtlich der Auflage hat, ist schwer abzuschätzen. Sicherlich ist Crime zunächst ein Nischentitel. Aber in einer Gesellschaft, die am Sonntagabend bisweilen fast so viele Zuschauer vor dem „Tatort“ versammelt wie sonst nur bei Fußball-Länderspielen, muss das ja nicht so bleiben. Auch der Anzeigenmarkt interessiert sich mittlerweile für den neuen Titel. Vor allem Buchverlage sehen stern Crime als Werbeplattform für ihre fiktiven Mordgeschichten. So gibt der Erfolg am Ende allen Recht – auch denen, die ihn nicht für möglich gehalten hätten.

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Alle Kommentare

  1. Daumen rauf, Christian Krug!

    Eigentlich sollte jemand mal über Flops von Marktforschern schreiben. Stoff wäre genug da für eine lange Serie, und das gilt für Print und TV gleichermaßen. Man sollte diese Herrschaften zu Rate ziehen, aber bitte niemals deren „Erkenntnisse“ als entscheidende Kriterien nutzen! Wenn es nach Marktforschern ginge, würde am Kiosk nur noch Durchschnittskost angeboten. Die Marktforschung killt Kreativität.

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