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„Die Fairness ist verloren gegangen“: Sven Afhüppe, Miriam Meckel und Giovanni Di Lorenzo über Qualitätsjournalismus

Miriam Meckel, Sven Afhüppe, Giovanni di Lorenzo
Miriam Meckel, Sven Afhüppe, Giovanni di Lorenzo

Am Mittwoch fand in Düsseldorf das für diese Saison letzte Terrassengespräch der Verlagsgruppe Handelsblatt statt. Moderatorin Dunja Hayali diskutierte mit Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe, WiWo-Chefin Miriam Meckel und Giovanni di Lorenzo von der Zeit über Qualitätsjournalismus und die Glaubwürdigkeit der Medien.

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Es ist die Aussage einer Leserin, die Giovanni di Lorenzo offenbar bis heute ins Grübeln über die eigene Zeitung bringt. Zu Marktforschungszwecken befragte Die Zeit sie und weitere Leserinnen und Leser zu ihrer Zufriedenheit und Einstellung zum Blatt – ob ihnen die Berichtersatttung der Zeit zusagt, ob ihnen das Layout gefällt, ob sie von der Zeit enttäuscht sind, wollten die Marktforscher wissen. Die Leserin, an die sich di Lorenzo erinnert, hatte an der Arbeit der Redaktion nichts auszusetzen. Di Lorenzo zitiert die Leserin: „Das Blatt ist nicht das Problem. Ich habe mich verändert.“ Di Lorenzo dazu: „Man muss sich Fragen, ob wir uns oft genug neu erfunden haben.“ In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Medienbranche so verändert, wie lange Zeit zuvor nicht mehr. Die Digitalisierung stellt Verlage noch immer vor große Herausforderungen, die so schnell nicht schrumpfen. Zeitungen kämpfen gegen eine immer schneller werdende Konkurrenz aus dem Netz. Heute habe niemand mehr Zeit, Geschichte vernünftig zu recherchieren, kritisieren unter anderem PR-Größen wie Richard Edelmann.

Den Ergebnissen einer Zeit-Studie zufolge verlieren die Menschen immer mehr das Vertrauen in die Politik-Berichterstattung, im Auftrag des Medienmagazins „Zapp“ fanden Meinungsforscher ähnliches für die Berichterstattung aus der Ukraine heraus. Und obwohl vor allem junge Leser der Tageszeitung noch das meiste Vertrauen schenken, sinken die Auflagen stetig. „Wir tun immer so, als seien die Probleme  strukturell. Viele sind aber hausgemacht“, erklärt di Lorenzo beim Terrassentalk zum Thema Qualitätsjournalismus der Verlagsgruppe Handelsblatt.

Dem Misstrauen gegenüber den Medien ist – wie die Studie aus seinem eigenen Hause belegt –  wohl kaum etwas entgegenzusetzen. Auch, weil die Medien immer wieder denselben Klang wiedergeben würden, betont der Zeit-Chefredakteur. „Es gibt ein Misstrauen gegenüber Eliten. Das trifft die Kirche wie auch Politik und Wirtschaft.“ Zudem seien Medien zu lange „zu selbstreferenziell“ gewesen. Und: „Wir haben an der Menschen- und Hetzjagd nach Leuten, die Fehler begangen haben, partizipiert.“ Davon gibt es einige: Meckel, Afhüppe und di Lorenzo benennen die Affäre um Ex-Bundespräsident Christian Wulff, den Untergang von Karl-Theodor zu Guttenberg, die aktuelle Berichterstattung um Ex-VW-Vorstand Martin Winterkorn und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die derzeit wegen Plagiatsvorwürfen Schlagzeilen macht. „Das Darstellen der Fehler ist richtig“, erklärt di Lorenzo. „Die Hetze als die Leute schon am Boden lagen, ist ein Armutszeugnis für unsere Branche.“ Er kritisierte die immer wieder gleiche Masche der Medien, erst Menschen „hochzuschreien“, um sie dann „niederzuschreien“ und einen „Konformitätsdruck“, der dazu führe, „dass auch intelligente Menschen fragen: Sprecht ihr euch eigentlich alle ab?“ Meckel sagte, sie habe in einer überregionalen Tageszeitung den Satz gelesen: „Die perfekte Frau von der Leyen zeigt Schwäche – endlich“. Meckel: „Da wird mir anders.“ Auf die „berufliche Vernichtung“ folge dann die „gesellschaftliche Vernichtung“, so di Lorenzo.

Auch Afhüppe merkte an: „Die Fairness ist verloren gegangen.“ Jahrelang habe beispielsweise Martin Winterkorn einen vorbildlichen Job gemacht. Nun stehe er als „Betrüger, Diktator und Schlimmeres“ da. Zwar gehöre zur Aufgabe von Journalisten, regelmäßig die eigenen Positionen zu hinterfragen. Doch: „Der Wechsel der Positionen im Journalismus ist nicht mehr nachvollziehbar.“ Auch wegen des Drucks von Lesern und Trollen aus dem Internet befänden sich Journalisten nun in einer Welt, „in der man nur noch Meinungen vertritt, die auch bestätigt werden“, so di Lorenzo. Redaktionen hätten mehr und mehr Angst vor Shitstorms, weil ihre Meinungen nicht geteilt werden. Deshalb versuche er in der Zeit, möglichst unterschiedliche Meinungen stattfinden zu lassen, um Debatten zu beflügeln. „Wir sind uns bei keiner politischen Frage einig. Es gibt bei uns auch Guerillas: Wenn die Politik eine Meinung hat, schreibt das Feuilleton das Gegenteil.“ Wie wichtig Meinung in den Medien ist, bestätigt auch Handelsblatt-Chef Afhüppe anhand eigener Leserforschung: „Meinungsseiten sind das Herzstück für die Leser.“ Alle sind sich einig, dass Medien den Lesern Orientierung und Hilfestellungen geben müssen.

Journalismus und Soziale Medien

„Die Diskussion Print gegen Digital geht mir so auf den Geist, dass ich es nicht mehr beschreiben kann.“ Miriam Meckel hält das Konkurrenzdenken zwischen Print- und Internetmedien für „sowas von absurd“. Es gehe nicht darum, sich gegenseitig Leser abzuwerben, sondern „auf allen Ebenen“ Menschen zu erreichen. Statistiken geben ihr Recht. In den meisten Fällen ist die Überschneidung von Print- und Digitallesern gering. Ohnehin müsse Qualitätsjournalismus „losgelöst von der Plattform stattfinden“, erklärte Afhüppe.

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Di Lorenzo merkte an: „Inwischen finde ich die aggressiven Stimmen eher im Digitalen als im Print.“ Er habe den Eindruck, der Kampf sei erst beendet, „wenn der andere wirklich platt ist“. Dabei gebe es kein Geschäftsmodell für Qualitätsjournalismus im Netz. Dies würde der Blick auf die Zahlen belegen. So seien nur die wenigsten Online-Medien von allein profitabel, der meiste Umsatz werde nach wie vor von den Print-Medien erwirtschaftet.

Für einen Wandel sei vor allem ein „Überzeugungsprozess“ notwendig, so Meckel. „Wir haben unsere Inhalte jahrelang verschenkt.“ Derzeit beginne ein Kulturwandel, den die Verlagsgruppe Handelsblatt mit dem Digitalpass versuche. Darüber hinaus haben auch andere Medien längst Bezahlmodelle integriert.

Damit Leser die verschiedenen Medienmarken weiterhin als notwendig erachten, brauche es vor allem Alleinstellungsmerkmale, so Afhüppe – egal, ob Print oder Digital. „Es sind oft Ausreden, dass es uns wegen der Digitalisierung so schlecht geht. Es liegt an uns. Der Leser muss Spaß an unsern Medien haben.“ Wie die Gesellschaft müssen sich auch Medien weiterentwickeln. Dass dies möglich ist, zeigt di Lorenzos aktuelles Projekt: „Wir gründen 15 Jahre nach der letzten Neugründung ein neues Ressort.“ Alleinstellungsmerkmal sei zudem auch, „wenn Du nicht bei jeder Gelegenheit mit den Wölfen heulst“, so di Lorenzo.

(ms)

MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt

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Alle Kommentare

  1. Beim surfen zufällig gefunden. Die Printmedien gibt es anscheinend noch surprise surprise. Mit welchem Altersdurchschnitt? Wie beim Staatsfunk kurz vor der Rente?

    Das Geschäftsmodell dem Leser eine Scheinwelt vorzulügen um ihn an Inserenten zu vermieten scheint mir ziemlich tot. Nicht weil mit den „Stoppt Putin“ Lügenmärchen die Leser auf Linie gebracht werden sollen. Das war und ist für die meisten wohl ganz ok. Aber warum sollen Sie das noch lesen oder gar bezahlen?

  2. Zitat: „wenn Du nicht bei jeder Gelegenheit mit den Wölfen heulst“, so di Lorenzo

    Hammer, er scheint das wirklich zu glauben, er würde NICHT bei jeder Gelegenheit mitheulen. Ausgerechnet GdL und die Herrenmenschen von ZON!

    Dieses Paralleluniversum muss großartig sein in dem die Tollitäten leben. Es wird ein Fest deren Zusammenbruch zu erleben.

  3. Die Medien sind – mit wenigen Ausnahmen – inzwischen wie deutsche Innenstädte: inhaltlich gesichtslos gleichgeschaltet und talmibestückt.
    Wohlig im Mainstream dahintreibend, opfern die „Macher“ gern die gute alte (und teure!) Recherche dem vermeintlichen Zwang zur weit preisgünstigeren „politischen Korrektheit“, ebenjenem Glaubensbekenntnis der Gleichschaltung abseits von Ethik und Intelligenz.
    Beispiele: die Dieselaffäre bei VW. Hier scheitert die Branche grandios an ihrer selbstverordneten Schlichtheit. Viel zu komplex ist das Spiel um Ursache und Wirkung, als dass es analysiert und bewertet würde. Die Geschichte treibt täglich neue Blüten.

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