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„Sensationsgeil“ auf Snapchat-Sucht: Bloggerin greift ProSieben-Magazin „taff“ an

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Dass Christine Neder am Ende als Snapchat-Süchtige dasteht, damit hatte sie nicht gerechnet. Das Boulevardmagazin "taff" von ProSieben hatte die Bloggerin für ein Interview über die Messaging-App angefragt. Ein Auftritt als Expertin, tolle Idee, dachte sie sich. Letztlich kam alles etwas anders. In einem Blogeintrag kritisiert sie die Sendung nun als "sensationsgeil". Wirklich wundern sollte sie sich jedoch nicht.

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Christine Neder ist Autorin und schrieb bereits mehrfach in ihrem Blog über Snapchat und zeigte sich von der App mit dem Geist beeindruckt. Sie ist Fan. Das fand auch eine „taff“-Redakteurin namens Sybille heraus und nahm Kontakt zu Neder auf. Die Bloggerin sollte als Protagonistin für einen Bericht über die Faszination Snapchat (oder im „taff“-Vokabular: Snapchat-Sucht) herhalten. Wie Neder in ihrem Blog festhält, schrieb die TV-Journalistin:

„Hey Christine, mein Name ist Sybille und ich bin Redakteurin bei ProSieben/Taff. Ich sitze gerade an einem Bericht über Snapchat und bin bei meinen Recherchen im netz auf dich gestoßen. Ich suche einen Interviewpartner, der mit Erzählt, was das faszinierende an Snapchat ist. Und wie schnell man sich in den Leben andere verliert… hättest du vielleicht Interesse mit mir zu drehen? Liebe Grüße Sybille“

Neder sagte zu, verstand die Mail als Anfrage für ein Experten-Interview. Dann habe sie sich gewundert, als das Kamera-Team bei ihr zuhause drehen wollte. „Erst war ich etwas skeptisch, aber ich vertraute ihr und ließ sie mit Kameramann und Tonmann in meine eigenen vier Wände“, schreibt Neder. Zudem habe die Redakteurin bereits während des Vorabgesprächs mehrfach danach gefragt, ob nicht auch Neders Freund etwas zu ihrem Snapchat-Konsum sagen wolle. Sie war nach eigener Aussage noch verwunderter, lehnte diese Option ab. „Mein Freund Paul möchte nicht in die Öffentlichkeit treten (…). Er möchte einfach mit mir zusammen sein ohne ein Teil dieser ganzen Social Media Welt zu sein, was ich absolut verstehen kann“. Neder aber beantwortete Fragen über ihren Freund, Fragen darüber, wie er zu ihrem Konsum stehe.

Christine Neder stand selbst schon vor der Kamera, war u.a. bei RTL „Punkt 12“ zu sehen. TV-Erfahrung ist also vorhanden. Auch bei der Art der „Schnittbilder“ – wie sie mit Bürste vor dem Spiegel stehend oder in entspannter Haltung auf dem Sofa Snapchat nutzt – hätte ihr schon klar sein können, dass die „taff“-Macher und – nochmals bemerkt – Boulevard-Journalisten eher einen Snapchat-Junkie statt einer Expertin gesucht haben. Zumal Neder auch in eigenen Videos und Blogeinträgen behauptet, süchtig nach Snapchat zu sein und im TV-Beitrag sogar erzählt, wie sie Freunde auf ihre Nutzung ansprechen.

Nun greift Neder in ihrem Blog die ProSieben-Sendung ausgerechnet für die Verwendung ihrer eigenen Worte an. Zudem kritisiert sie die Behauptungen, dass sie sich sechs Stunden täglich mit Snapchat beschäftige und sich ihr Freund für sie und ihr Verhalten schäme. „taff“ sei „sensationsgeil“. Neder dazu im Blog: „Weder ich bin süchtig, noch habe ich Zeit 6 Stunden vor Snapchat zu hängen, noch ist meine Beziehung gefährdet. Jeder, der mich kennt weiß das, aber du (die Redakteurin, Anmerk. d. Red.) hast jetzt tausend Menschen den Eindruck vermittelt ich sei gestört.“

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ProSieben verteidigt sich auf Nachfrage von MEEDIA. Sender-Sprecher Christoph Körfer gibt den Sachverhalt folgendermaßen wieder: „Eine Bloggerin, die via YouTube und in ihrem Blog verbreitet, dass sie Snapchat süchtig sei, beschwert sich via Social Media, dass ‚taff‘ in einem Beitrag behauptet hat, sie sei Snapchat süchtig.“ Und weiter: „Zunächst war ein Dreh mit dem Freund der Bloggerin vereinbart. Die Teilnahme des Freundes sagte sie aber mit der Begründung ab, er wolle nicht vor der Kamera auftreten, es sei ihm peinlich. Im „taff“-Beitrag sagt die Bloggerin, dass sie immer, wenn sie sich Snaps ansehe, Kopfhörer trage, da ihr Freund davon genervt sei.“ Zum Thema Experten-Interview gibt der Sender die bereits oben zitierte Anfrage und Neders Antwort („Voll gerne. (…) Wenn du mich kurz anrufen magst.“) wieder. Zudem erklärt Körfer auf Nachfrage, dass auch in dem Telefonat zwischen Neder und der Redakteurin nicht von einem „Experten“-Status gesprochen worden sei.

Update, 16.10 Uhr: 

Christine Neder reagiert in der MEEDIA-Kommentarspalte auf die Stellungnahme ProSiebens:

Es war nie ein Dreh mit meinem Freund ausgemacht gewesen. Das habe ich schriftlich. Ich habe während des Interviews gesagt, dass ich nicht süchtig bin, wurde ignoriert. Es wurde nie gesagt, dass es um das Thema Snapchat Sucht geht. Ich habe gesagt ich bin süchtig nach Snapchat im Vergleich zu einer Daily Soap! Ich habe nie etwas von einer 6 Stunden Isolation gesagt. Mein Freund hat nie mit diesem Sender gesprochen. Ich hätte auch gerne noch etwas persönliches dazu gesagt!

Anmerkung der Redaktion von 16.50 Uhr: 

Frau Neder hat MEEDIA belegt, dass sie eine Anfrage zum Dreh mit ihrem Freund abgelehnt hat. Die Begründung war wie von Frau Neder auch in ihrem Blog-Eintrag erwähnt.

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Alle Kommentare

  1. Ich finde, sie braucht sich da gar nicht zu wundern. Hat sie sich da mal zugehört, was sie so von sich gibt? 1000 Snaps an EINEM TAG! Bei aller Liebe, das IST eine Sucht. Ich snapchatte auch viel und gerne, mein Rekord liegt aber bei erstaunlichen vier Bildern am Tag. Wofür hat man denn Tagsüber noch so Zeit, wenn man 1000 Snaps am Tag macht? Wahrscheinlich ist die von ihr genannte Zahl als Übertreibung gemeint gewesen, aber ist es nicht klar, dass man dies als Sucht deklariert, wenn man sowas sagt? Nun mal zur wichtigeren Frage… Wieso äußert man sich so vor einer Kamera? Das kann doch nur nach hinten losgehen! Die anderen Aufnahmen hätten sie ebenso etwas merkwürdig vorkommen sollen – beim Bürsten, beim durch die Stadt gehen, immer das Handy in der Hand. Wenn sie auch noch betont, wie genervt ihr Freund vom Snapchatten ist und sie dabei Kopfhörer trägt, wieso wundert sie sich, dass dann noch behauptet wird, es sei ihm peinlich?
    Ich möchte nicht sagen, dass TAFF hier richtig gehandelt hat, natürlich ist das total frech, vorallem, Dinge zu behaupten, die ja nachweislich so nicht abgesprochen waren. Aber es bleibt mir ein Rätsel, wie man sich so vor einem Kamerateam äußern kann und sich dann noch über das Ergebnis wundert.

  2. Hallo, ich verstehe nicht wie man sich mit diesen pseudojournalistischen Formaten abgeben kann – und sich dann über das Ergebnis wundern… Wer journalistisch etwas auf sich hält, ist nicht bei diesen Produktionsgesellschaften angestellt. Das ist ja fast so, als ob man der Zeitung mit den vier Buchstaben ernsthaft vertrauen würde… Sorry für das Ergebnis, aber das ist sicherlich das Lehrgeld dafür, die deutschen Medien so zu behandeln wie sie sich gerieren. Hat mal jemand „Taff“ geschaut? Und wundert sich dann immer noch?

    1. Was für ein Unsinn! Taff wird von ProSieben direkt – also inhouse – produziert und nicht von einem Produzenten. Und auch gute journalistische Formate werden größtenteils von Produktionsfirmen produziert. Leistet sich doch gar kein Sender mehr, ein Format inhouse zu produzieren. Outsourcing ist günstiger. Und die öffentlich-rechtlichen Sendee sind trotz GEZ ganz vorne mit dabei!

  3. Vergangenes Jahr im Dezember war ich bei einem Dreh über eine hiesige Bloggerin als Statistin dabei, auch bei ihr zuhause. Produziert hatte einer der Dritten Sender und was dabei rauskam, war wirklich positiv zusammen geschnitten. Zu dem Zeitpunkt hätte ich mir naiverweise auch nicht vorstellen können, dass so eine Geschichte komplett nach hinten losgehen könnte. Aber klar, man muss nur alles auseinander nehmen, aus dem Zusammenhang reißen und entsprechend moderieren – schon hat man aus dem gleichen Ausgangsmaterial etwas vollkommen entgegengesetztes gebastelt…

  4. Dass sich diese Sybille angeblich Redakteurin schimpfen darf, finde ich äußerst bedenklich. Allein in der Anfrage an Frau Neder sind diverse Rechtschreibfehler untergebracht. Das hätte mich vermutlich schon stutzig gemacht 😉

  5. So arbeiten alle. Auch die ÖffR. Meine Ex-Frau kaufte früher gern mal in einer Boutique am Jungfernstieg. Ein NDR-Team fragte an, ob sie sich als Kundin zur Verfügung stellen würde, für eine Reportage. Es wurde auch bei uns zu Hause gedreht. Am Ende kam ein Beitrag über „Kaufsucht“ dabei raus, wovon nie die Rede gewesen und was auch völliger Blödsinn war. Ich hatte damals viel Mühe, die nochmalige Ausstrahlung zu verhindern. Rückblickend muss ich sagen, dass ich hätte klagen sollen. Wer bei BILD so arbeitet, fliegt raus.

  6. Das Video ist eine Unverschämtheit und verdreht völlig die Tatsachen. Und diese Berichterstattung ist jetzt auch nicht wirklich neutral. Natürlich hat eine hauptberufliche Bloggerin wie Christine eine hohe Social Media Affinität. Aber ich kenne sie persönlich und weiß ganz sicher, dass sie immer Zeit für ihre Freunde hat, dass sie unglaublich viel als Reisebloggerin unterwegs ist (auf Pressereisen kann man nicht mal eben stundenlang snapchatten) und dass sie ihr Handy auch gut mal ignorieren kann. Ganz sicher isoliert sie sich nicht sechs Stunden täglich von ihrer Außenwelt. Die Wahrheit war aber offensichtlich zu unspektakulär und ließ sich nicht gut verkaufen. Im Übrigen schämt sich ihr Freund nicht für sie, sondern möchte lediglich aus der Öffentlichkeit herausgehalten werden, was bei solchen „Schand-Videos“ auch völlig verständlich ist. Dass sie sagt, dass sie „snapchat-süchtig“ sei, war in einem ganz anderen Zusammenhang gesagt, nämlich so wie andere sagen, dass sie süchtig nach Schokolade/Serien/Schuhe etc. seien. Keineswegs eine krankhafte Sucht! So ein Beitrag ist eine Schande für die Redaktionswelt. Traurig, dass Christine unter dieser Sensationsgeilheit leiden muss.

  7. Es war nie ein Dreh mit meinem Freund ausgemacht gewesen. Das habe ich schriftlich. Ich habe während des Interviews gesagt, dass ich nicht süchtig bin, wurde ignoriert. Es wurde nie gesagt, dass es um das Thema Snapchat Sucht geht. Ich habe gesagt ich bin süchtig nach Snapchat im Vergleich zu einer Daily Soap! Ich habe nie etwas von einer 6 Stunden Isolation gesagt. Mein Freund hat nie mit diesem Sender gesprochen. Ich hätte auch gerne noch etwas persönliches dazu gesagt!

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