„Was Millennial-Portale betrifft, bin ich skeptisch“ – Medien-Professor Jeremy Caplan über Journalismus-Trends

In Hamburg sprach Jeremy Caplan beim Media Innovation Day der World Publishing Expo
In Hamburg sprach Jeremy Caplan beim Media Innovation Day der World Publishing Expo

Publishing Jeremy Caplan ist Journalismus-Professor an der City University of New York und hat gemeinsam mit Jeff Jarvis das Programm "Entrepreneurial Journalism" ins Leben gerufen. Im Rahmen der "Digital Journalism Initiative" der Hamburg Media School war Caplan zu Gast in der Hansestadt. MEEDIA hat mit ihm über Journalismus-Trends gesprochen, die "German Techno Angst" und seine Skepsis gegenüber Millennial-Portalen wie bento und ze.tt.

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Jeremy Caplan, was sind die wichtigsten Tools für Journalisten – aktuell und in der Zukunft?
Zum einen ist es nach wie vor wichtig, Inhalte multimedial sowohl aufzubereiten als auch zu veröffentlichen, denn Bilder und Töne bewegen die Menschen. Es gibt schon jetzt eine Menge neuer technologischer Tools, zum Beispiel fürs Smartphone, die es den Journalisten ermöglichen, kostengünstige Inhalte schnell und in sehr hoher Qualität zu produzieren. Zweitens ist es wichtig, gut mit Social Media umgehen zu können. Und zwar nicht nur, um Reichweite zu erzielen, sondern vor allem um Informationen von den Lesern zu sammeln und herauszufinden, was sie wirklich beschäftigt. Wir können dadurch auch mit Menschen interagieren, deren Stimme sonst nicht gehört wird oder die in den Medien unterrepräsentiert sind. Oftmals denken wir, es ginge vor allem darum, eine immer größere Community für unser Medium aufzubauen, aber das Zuhören und Interagieren auch durch neue Kanäle wie WhatsApp oder Snapchat sind mindestens genauso wichtig. Und drittens ist es essentiell, Fähigkeiten in den Bereichen Virtual und Augmented Reality zu entwickeln. Natürlich müssen nicht alle Journalisten alle drei Bereiche komplett abdecken, aber innerhalb eines Medienhauses sollten sie dennoch abgedeckt sein. Sie sind sozusagen ein Zusatz zu den grundlegenden journalistischen Tools.

Sie haben neue Kanäle wie Snapchat angesprochen. Viele junge Leute verlassen Facebook hin zu Plattformen, bei denen die älteren Nutzer (noch) nicht sind. Ist es ratsam, dass Journalisten ihnen überall hin folgen? Oder fliehen die Jugendlichen dann nur doch wieder?
Gerade bei Kanälen wie WhatsApp ist es doch so, dass sich die Nutzer aussuchen, wem sie folgen. Niemand zwingt sie, sich mit Medienmachern zu vernetzen. Die Frage ist: Können Journalisten noch davon ausgehen, dass die jungen Leute ihre Inhalte von selbst finden beziehungsweise von selber auf die Webseiten gehen? Ich glaube nicht. Manchmal sind die neuen Kanäle sogar die einzige Möglichkeit, sie zu erreichen. Außerdem bieten Snapchat, WhatsApp oder WeChat viel Platz zum Experiment, auch wenn dort vielleicht noch kein großes Publikum ist: Wie können wir hier Geschichten erzählen und was können wir daraus für unsere anderen Kanäle lernen? Ich bin überzeugt, dass Medienunternehmen diese Experimente nicht nur als Mehraufwand und ausgegebenes Geld sehen sollten, sondern als eine Investition in ihre eigene Weiterentwicklung.

Facebook hat die Instant Articles eingeführt, vergangene Woche zeigte Showtime die komplette erste Folge der neuen „Homeland“-Staffel auf ihrer Facebook-Page. Können sich Medienmarken in Zukunft überhaupt noch von Facebook emanzipieren?
Wollen wir anerkennen, wie viele Menschen wir mit Facebook erreichen können oder wollen wir unseren Kopf in den Sand stecken? Menschen lieben es nun mal, Zeit in den sozialen Netzwerken zu verbringen und sie interessieren sich immer weniger für die Webseiten der Unternehmen. Und das wird sich auch über Nacht nicht ändern. In einer perfekten Welt sind alle Medien auf ihren eigenen Webseiten erfolgreich, aber wir leben nicht in einer perfekten Welt. Außerdem können wir durch Instant Articles weltweit Menschen erreichen, die uns vielleicht vorher noch nicht kannten.

In Deutschland sind gerade Millennials ein großes Thema, nahezu jedes Medienhaus will diese spezielle Zielgruppe erreichen. Zeit Online und Spiegel Online zum Beispiel haben jüngst eigene Plattformen für sie gelauncht. Glauben Sie, junge Menschen zwischen 18 und 28 brauchen ihr eigenes News-Angebot?
Das ist eine sehr interessante Frage. Generell ist es so, dass sich Menschen natürlich mehr für Nachrichten interessieren, die persönlich auf sie zugeschnitten sind. Ich glaube auch, dass es in Zukunft immer mehr Produkte geben wird, die eine ganz bestimmte Zielgruppe ansprechen. Hier denke ich aber doch eher an Interessens- als an Altersgruppen. In den USA zum Beispiel ist Cooks Illustrated enorm erfolgreich, ein Hochglanzmagazin für Hobbyköche. Eine Newsseite für Millennials zu starten, ist zwar ein verständliches Experiment, ich persönlich bin jedoch skeptisch, ob Millennials im Allgemeinen eine sinnvolle Zielgruppe sind. Ich frage mich, ob sie so viel gemeinsam haben, dass sie sich auf ein Angebot einigen können. Eine 27-jährige alleinerziehende Frau hat ja zum Beispiel ganz andere Interessen als ein 19-Jähriger, der gerade ein Studium startet.

Sie sind ein großer Fan von Virtual und Augmented Reality. Wird dieser Journalismus irgendwann massentauglich sein?
Ja, auf jeden Fall. Die Geräte dafür, wie zum Beispiel Brillen, werden zum einen immer besser und zum anderen auch immer günstiger. Ich sehe diese Form des Storytellings als logische Entwicklung des Fernsehens, die sich ebenfalls weltweit durchsetzen wird. Ich habe hier große Erwartungen und Hoffnungen.

In Deutschland macht diese rasante Weiterentwicklung vielen Menschen Angst: vor Überwachung und Datenmissbrauch. Amerikaner sehen das lockerer, Ihr Kollege Jeff Jarvis glaubt sogar, Daten seien die neue Währung für Journalismus. Wie stehen Sie dazu?
Ich glaube, Skepsis ist wichtig. Schließlich haben wir ja schon erlebt, wie Firmen unsere Daten missbrauchen. Es ist genauso wichtig, die neuen Möglichkeiten der Technologie wertzuschätzen wie die Gefahr zu sehen, die mit ihnen einhergeht. Wir müssen allerdings aufpassen, dass die Angst nicht die Innovationsfreude erstickt. Das ist ein Drahtseilakt und es wird mit Sicherheit immer die bad guys geben. Aber ich glaube, dass immer mehr Unternehmen mit positivem Beispiel vorangehen und sich durch höhere Sicherheitsstandards zum Beispiel bewusst neu positionieren. Schließlich darf auch nicht ignoriert werden, dass die Internet-Nutzer Werbung immer weniger tolerieren und Adblocker installieren. Das führt dazu, dass frei zugängliche Seiten versuchen, neue Finanzierungsformen zu finden. Blendle zum Beispiel ist eine dieser Möglichkeiten.

In Ihrem Entrepreneurial-Programm arbeiten Sie mit jungen Journalisten. Welchen Rat geben Sie jedem von ihnen?
Es ist wichtig, sich in einem bestimmten Fachbereich zu spezialisieren und hier immer weiter zu lernen. Jeder sollte sich außerdem mit den neuen Tools auseinandersetzen, die ich anfangs genannt habe. Natürlich ist es nicht möglich, dass jeder alles beherrscht, aber sie sollten immer ein Gefühl dafür haben, was aktuell technisch möglich ist.

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