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Merkel und die Stunde der Leitartikler: Wie sich Bild, Welt, Spiegel & Co. in der Flüchtlingskrise positionieren


Deutungsstreit um die Kanzlerin und ihre Politik der Offenen Tür: Klaus Brinkbäumer (Spiegel), Stefan Aust (Welt) und Kai Diekmann (Bild)
Deutungsstreit um die Kanzlerin und ihre Politik der Offenen Tür: Klaus Brinkbäumer (Spiegel), Stefan Aust (Welt) und Kai Diekmann (Bild)

Es sind die vielleicht entscheidendsten Wochen in der deutschen Politik seit der Wiedervereinigung. Kein Tag vergeht, ohne dass neue Meldungen in der Flüchtlingskrise die Bürger bewegen. Die Krise ist zum entscheidenden Ereignis der Regierung Merkel geworden – Deutschland ist gespalten wie lange nicht mehr. Wie gehen die Medien mit den dramatischen Entwicklungen um? Während die Bild den Kurs der Kanzlerin weiter stützt, attackiert Die Welt Angela Merkel immer unverhohlener. Der Spiegel bleibt zurückhaltend – ein Überblick über Leitmedien und Leitartikler.

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Es braut sich etwas zusammen. An allen Ecken und Enden der Republik rumort es: Die Flüchtlingskrise ist das absolut beherrschende Thema der Stunde, das an jeder Bushaltestelle, in jedem Wartezimmer und an jedem Arbeitsplatz diskutiert wird.  Die Meinungen gehen diametral auseinander wie selten: Mutet Bundeskanzlerin Merkel mit ihrem „Wir schaffen das“-Mantra, das sie vergangene Woche bei Anne Will nochmals wiederholte, Deutschland zu viel zu – oder agiert Merkel so mutig und entschlossen wie nie in ihrer Kanzlerschaft?

Es ist leicht, unter dem Eindruck der sich täglich verändernden Nachrichtenlage, emotional mitgerissen zu werden – in das eine oder andere Lager. Das gilt nicht zuletzt für die obersten Meinungsmacher – Tageszeitungen, Wochenmagazine, Nachrichtenportale und ihre Leitartikler.

BILD: die Merkel-Verbündete

Die Ausgangslage ist seit den Gründungstagen 1952 durch Axel Springer klar definiert: BILD war immer ein CDU-nahes Blatt. Axel Springer stellte 1967 im Hamburger Übersee Club klar: „In der Bundesrepublik vertreten unsere Blätter in verschiedenen Schattierungen die breite konservative Mitte.“ Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und Helmut Kohl verbindet bekanntermaßen bis heute eine tiefe Männerfreundschaft – Kohl war Trauzeuge bei Diekmann, Diekmann bei Kohls zweiter Ehe.

Vor allem ist Bild ein Kanzler-Blatt, das seit Jahrzehnten einen unausgesprochenen Pakt mit der Regierung besiegelt hat: Bild bekommt als Erste staatstragende Informationen und stützt im Gegenzug den Regierungskurs. Exakt so verhält es sich nun in der Flüchtlingskrise, in der Bild die kontrovers diskutierte Aktion „Wir helfen“ initiiert und natürlich das große Merkel-Interview bekommen hat. Die größte deutsche Tageszeitung bietet der Kanzlerin das Forum, um klarzustellen: „Es gibt keine Steuererhöhungen im Rahmen der Flüchtlingskrise.“

Tatsächlich liest sich die Bild-Berichterstattung der vergangenen Wochen weitgehend wie die Affirmation von Merkels Politik. Ihre Rede vor dem EU-Parlament stilisieren die Berliner Blattmacher zu „Merkels schwerster Schlacht“, um der Kanzlerin dann im Stakkato-Stil zu bescheinigen: „Stehende Ovationen. Große Rede. Schöne Worte.“

Der Bild-Kommentar von Ernst Elitz ist voll des Lobes für die Bundeskanzlerin: „Das Ergebnis der großen BILD-Umfrage ist eine klare Botschaft: Angela Merkels ‚Wir schaffen das‘ hat uns alle aufgerüttelt.“ Am Abend vor dem Tag der deutschen Einheit bekommt die Bundeskanzlerin zudem ein gefühliges Stück über ihre Frisur („Angela Merkel trauert um ihre Löckchen„) spendiert.

Eine Woche später macht  Franz Josef Wagner in seiner Kolumne, die sich am Tag vor der Friedensnobelpreis-Verleihung wie eine vorweggenommene Laudatio liest, dort weiter: „Sie sind die Kanzlerin der Güte, der Herzen. (…) Angela Merkel ist für mich ein guter Mensch. Morgen ist ein Merkel-Tag. An diesem Tag werden die Friedensnobelpreise verkündet. Viele sagen, dass Frau Merkel große Chancen hat.“ Es kam anders.

WELT: die Merkel-Kritiker

Wer nach einem Beispiel sucht, dass Meinungspluralismus auch unter einem Verlagsdach funktioniert, findet die fast 180-gradige Gegenposition bei den Springer-Kollegen von Die Welt. Herausgeber Stefan Aust bezog am Wochenende ganz klar Position – gegen die Bundeskanzlerin: „Wie kann Bundeskanzlerin Angela Merkel verkünden, es läge nicht in unserer Hand, wie viele Flüchtlinge zu uns kommen? Moralisch verbrämt wird hier ihr Nichtstun als Politik ausgegeben. (…) Es ist ein politischer Offenbarungseid“, schießt Aust scharf.

Schon zwei Tage später scheint klar: Der langjährige Spiegel-Chefredakteur hat sich erst warm gelaufen und legt in seinem nächsten Kommentar abermals kräftig nach: „Merkels Politik des unbegrenzten und weitgehend unkontrollierten Zuzugs nach Deutschland kommt einem Offenbarungseid gleich. Wenn die letzte Turnhalle voll ist, werden das auch alle Bürger begreifen“, schrieb der designierte Interims-Chefredakteur der Welt gestern.  „Das machtvolle Kanzlerinnenwort „Wir schaffen das“ erinnert ein wenig an die vergeblichen Siegesparolen des zweiten deutschen Staates vor dessen Untergang 1989.“

„Noch nie ist Merkel aus den eigenen Reihen ein derart lautes ‚So nicht‘ entgegengeschleudert worden“, legt auch Austs Vorgänger als Welt-Herausgsgeber, Thomas Schmid, den Finger in die Wunde. „Merkels Kohl-Moment wohnt ein großes Rätsel inne“,  bezieht Chefkommentator Torsten Krauel ebenfalls klar Stellung. Publizist Henryk M. Broder nimmt nicht nur in seiner Kolumne kein Blatt vor den Mund – er bescheinigt der Bundeskanzlerin auch „eine erstaunliche Naivität angesichts der Flüchtlingskrise

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Vor allem aber positioniert sich Die Welt mit dem Coup des Seehofer-Interviews just am Tag des Merkel-Interviews im Boulevardblatt als „Anti-Bild“. „Es sind zuviele“, darf Seehofer dort eine unmissverständliche Schlagzeile abliefern. In anderen Worten: Die Springer-Zeitungen verfolgen in der Flüchtlingsfrage das Good Cop, Bad Cop-Szenario – und verbuchen damit die Meinungshoheit in beiden Lagern.

Ungewöhnliche Zurückhaltung beim Spiegel

Seltsam blass blieb in den vergangenen Wochen das Hamburger Nachrichtenmagazin, dem man seit Jahrzehnten in politischen Themen eigentlich die Meinungshoheit zugesteht – Der Spiegel. Keine Frage: Den notorischen Regierungskritikern von der Ericusspitze fehlt die Steilvorlage, um sich am Kurs der Kanzlerin abarbeiten zu können, da er in der Flüchtlingskrise wie schon nach der Katastrophe von Fukushima mit mehr rot-grünen Akzenten gefärbt ist, als man sie aus den Jahren der Schröder-Regierung von 1998 bis 2005 kannte – Merkel hat in der Flüchtlingskrise eindeutig die linke Agenda gekapert.

So erntet Merkel in der aktuellen Ausgabe des Spiegel ungewohntes Lob aus Hamburg: „In der Flüchtlingskrise riskiert Kanzlerin Merkel ihr Amt. Das macht große Politik aus“, zollt ihr Ullrich Fichtner im Leitartikel „Sprung nach vorn“ Tribut. Auch das Titelstück „Mutter Angela“ wagte vor Wochen kein Merkel-Bashing, das in der Griechenlandkrise noch fast zum Alltag gehörte.

Im Gegenteil. Am Ende resümiert der Spiegel: „Merkels kurzer Sommer der Menschlichkeit war nicht vergebens. Er hat Politiker beschämt zurückgelassen, die ihrem ersten Reflex gefolgt sind und erklärten, warum man mal wieder nicht helfen könne. Er hat gezeigt, dass Handeln außerhalb der Routine möglich ist, und er hat alle jene Deutsche ermutigt, die, ganz ohne Anleitung und Aufforderung, einem menschlichen Impuls gefolgt sind und die Flüchtlinge  willkommen hießen. Das wird bleiben.“

Nur der „aus Versehen Konservative“-Kolumnist Jan Fleischhauer wagt mal ein beherztes Meinungsstück gegen die offensive Flüchtlingspolitik der Kanzlerin: „Wie naiv wollen wir bei der Zuwanderung sein„, fragte der 52-Jährige vergangene Woche. „Zu den Paradoxien der Zuwanderung gehört, dass der Fremde links wie rechts der Mitte immer nur so lange als Fremder erwünscht ist, solange sein Fremdsein nicht zu sehr hervortritt“, hält Fleischhauer den „Refugee Welcome“-Klatschern entgegen.

Wolfram Weimer und Roland Tichy: die Abkanzler

Eine ganz andere Tonart schlagen Meinungsmacher abseits der Mainstream-Medien an. Zwei Chefredakteure a.D., Wolfram Weimer und Roland Tichy, nehmen nach dem Ende ihrer leitenden Tätigkeit bei Focus bzw. der Wirtschaftswoche wahrlich kein Blatt mehr vor den Mund und attackieren den Kurs der Regierung Merkel scharf.

Während das von ihm einst gegründete Politikmagazin Cicero Angela Merkel den „größten Fehler ihrer bisherigen Kanzlerschaft“ vorhielt und am Wochenende Gedankenspiele über eine Zeit nach Angela Merkel startete, arbeitet sich Weimer in seiner Handelsblatt-Kolumne seit Wochen an der Bundeskanzlerin ab: „Migrationspolitik – die Besserwisser des Guten„, „Unsere Außenpolitik versagt kläglich“ und  „10.000 am Tag sind einfach zu viele„, kanzelt Weimer, der sich selbst als „wertkonservativ“ bezeichnet, die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ab.

Roland Tichy, langjähriger Chefredakteur von Wirtschaftsmedien wie Impulse, Telebörse, Euro und zuletzt der Wirtschaftswoche, rechnet in seinem Blog, der „liberal-konservativen Meinungsseite Tichys Einblick“ unterdessen wohl so gnadenlos mit der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel ab wie aktuell kein zweiter renommierter Leitartikler Deutschlands. „Flüchtlingskrise: Vermurkst, Frau Merkel„, „Asylkrise: Das Eingeständnis des Versagens„, „Asylkrise: Angela Merkels “Mission unconsidered”, lauten die jüngsten Schlagzeilen – Co-Kolumnistin Bettina Röhl fordert gar noch ungehemmter  „Merkel muss weg! Sofort!“

Große Worte und harte Bandagen werden in diesen stürmischen Herbsttagen ausgepackt – Positionen werden bezogen und Kolumnen geschrieben. Man ahnt: Manchen Leitartikler dürften die knackig formulierten Forderungen, je nach Ausgang der Geschichte, irgendwann wieder einholen.

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Alle Kommentare

  1. Versagt hat in der Flüchtlingskrise nicht nur Merkel, sondern auch Bild-Chef Kai Diekmann, der mit seiner wirklichkeitsfremden Propaganda Politik gegen seine Leser aus der unteren Mittelschicht und die Interessen Deutschlands macht – wie die Umfragen beweisen. Axel Springer hätte ihn längst entlassen. Gespannt dürfen wir auf die IVW-Zahlen des dritten Quartals für die Bild schauen, ob sich die Bildleser zu einer Kaufverweigerung entschlossen haben.

  2. Nicht nur Merkel hat in der Flüchtlingskrise versagt, vor allem auch Bildchef Kai Diekmann, der mit seiner wirklichkeitsfremden Propanganda nicht nur die Interessen seiner Leser aus der unteren Mittelschicht, sondern auch die der Deutschen verrät. Axel Springer würde Diekmann sofort feuern. Warten wir mal die nächsten Zahlen der Bild-Auflage ab. Womöglich übernehmen die Leser mit Kaufverweigerung Springers Job.

  3. Kohl konnte sein wie er will, er hatte eine Vision, nämlich das vereinte Europa.
    Weder Schröder noch Merkel hatten/haben etwas Vergleichbares vor zu weisen. Mit Worten wie „Dazu gibt es keine Alternativen“ ist keine Politik zu machen. Unkontrollierter Zuzug kann fatale Folgen haben. Diese Menschen sind gut informiert, sie wissen wem sie die Kriege, das Chaos und den Untergang ihrer Heimat zu verdanken haben.
    Man darf gespannt sein.

  4. endlich mal ein Artikel über die aktuelle Situation in der Medienlandschaft bei diesem Thema. Die krassen Unterscheide zwischen Bild und Welt sind mir auch aufgefallen. Dabei sitzen diese Redaktionen doch im selben Haus und nutzen sicherlich auch zum Teil die selben Nachrichten-Resourcen. Da werden doch bestimmt einige Journalisten unter Druck gesetzt nur diese eine Linie wieder zu geben. Gibt es hier jemand von der Bild Redaktion, der dazu anonym was sagen möchte?

  5. Also ich verstehe unter „zurückhaltend“ etwas anderes, als den zweiten Satz eines Spiegel-Leitartikels, der da lautete „Angela Merkel hat versagt“. Überlesen Sie so etwas, Herr Jacobsen? Mir als sonstigen Spiegel-Fan stößt es immer wieder unangenehm auf, wenn mir die herablassende Verachtung entgegenschlägt, mit der Angela Merkels Tun (oder auch Nicht-Tun) im Prinzip in allen Spiegel-Beiträgen, die mit ihr zusammenhängen, bedacht wird.

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