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Flüchtling Oury Jalloh in Polizeizelle verbrannt: die wahre Geschichte zum „Tatort“

 Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) im „Tatort“
Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) im "Tatort"

Januar 2005, Polizeirevier Dessau: Beamte schließen die Tür von Zelle Nummer 5 auf, in der sie den Asylbewerber Oury Jalloh in Gewahrsam halten. Feuer schießt ihnen entgegen. Der Insasse steht in Flammen, verbrennt bei lebendigem Leibe. Er soll sich selbst angezündet haben, heißt es später – doch war der Schwarzafrikaner mit Händen und Füßen an der Pritsche gefesselt. Der Fall Oury Jalloh war Vorbild für den am Sonntag gesendeten "Tatort" mit Wotan Wilke Möhring. Der wahre Fall lieferte die Vorlage für den Krimi, und in beiden Geschichten bleiben viele Fragen offen.

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Mit dem Fall intensiv beschäftigt hat sich Journalistin Margot Overath. In einem Feature für den MDR hat sie den Fall Jalloh recherchiert, mit Zeugen und Experten gesprochen und von die offenen Fragen und zahlreichen Widersprüchen in den Ermittlungen erklärt. Sie beschreibt von einem Verfahren gegen den Dienstgruppenleiter Andreas S., der das Oper gemeinsam mit einem Kollegen gefunden hat. S., der die Schlüssel für die Hand- und Fußfesseln hatte, verschwand aber, anstatt zu helfen. Auch der Kollege griff nicht zum Wasserschlauch im Raum hinter ihm. S. wurde lediglich wegen fahrlässiger Tötung zu der Geldstrafe verurteilt, weil er nicht half. Im Verfahren ging es auch nicht um die wesentlichen Fragen, wie Overath berichtet. Es ging nicht um die Umstände der Festnahme, und auch die Frage, wie sich das Feuer so schnell ausbreiten konnte, blieb unbeantwortet. Auffällig war zudem, dass die Verbrennungen im Schambereich viel stärker waren als am Rest des Körpers.

Was ist in der Januar-Nacht in Zelle 5 der Dessauer Wache wirklich geschehen?

Es riecht nach Skandal, und zwar allerorten. Der Fall Oury Jalloh ist ein Alptraum, ein Fall, der das Vertrauen in die Polizei und die Justiz schwer erschüttert und den es – wie am Sonntag im „Tatort“ gesehen – sonst nur im Fernsehen gibt (oder geben sollte). Oury Jalloh wurde am 7. Januar 2005 vom Beamten des Polizeireviers Dessau festgenommen, weil er im alkoholisierten Zustand Frauen belästigt haben soll. Die Polizisten brachten Jalloh aufs Revier, sperrten ihn nicht nur in eine Zelle, sondern fixierten ihn mit Armen und Beinen an der Pritsche. Der Gefangene konnte sich nicht bewegen. Viereinhalb Stunden später bricht in der Zelle Feuer aus, Jalloh steht in Flammen, er verbrennt in wenigen Minuten. Die Beamten haben – wie sich später herausgestellt hat – nicht einmal den Versuch gestartet, den Häftling zu retten. Es ist unklar, wie der Schwarzafrikaner sterben konnte. Er habe sich selbst angezündet, heißt es offiziell. Mit einem Feuerzeug, dass bei der Leibesvisitation übersehen worden sei. Eine mehr als unglaubwürdige Version.

Und eine Version, die so auch in der am Sonntag ausgestrahlten „Tatort“-Episode „Verbrannt“ zu sehen war. Dort ereignete sich der Vorfall allerdings in Salzgitter, das Opfer hieß Gibril Bali und wurde nicht wegen Belästigung, sondern wegen mutmaßlichen Handels mit gefälschten Dokumenten festgenommen (tatsächlich enthielt das Kuvert aber lediglich Fußball-Sammelkarten). Doch auch in dem Fall, den die Kommissare Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) ermittelten, soll sich das Opfer, dessen Unschuld sich hinterher herausstellte, selbst mit einem Feuerzeug angezündet haben – behaupten jedenfalls die Beamten der Wache.

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In der Fiktion haben sich die Beamten des Reviers verschworen. Sie haben einen jungen Kollegen angestiftet, die Tat zu begehen – eine Mutprobe also, um sich als Mitglied der Gemeinschaft zu beweisen. Es war der Chef des Reviers, der den ausführenden Täter letztlich verriet, um sich selbst aus der Affäre zu ziehen. Der junge Kollege beging Selbstmord, der Fall war gelöst. Der Tathergang wurde für den Film abgeändert, damit sich die Beamten der Bundespolizei (Film-Kommissar Falke gehört zu dieser Einheit) in die Ermittlungen einschalten konnten.

Im Fall Jalloh ermittelten Beamte des LKA Sachsen-Anhalts. Viele Fragen sind nach wie vor ungelöst. Bis heute ist unklar, wie der Schwarzafrikaner überhaupt festgehalten werden konnte. Es gab keinen notwendigen richterlichen Beschluss. Die Staatsanwaltschaft Dessau erhob am 6. Mai 2005 Anklage gegen zwei Polizeibeamte wegen fahrlässiger Tötung. Nach zwischenzeitlichem Freispruch wurde der zuständige Dienstgruppenleiter wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe in Höhe von 10.800 Euro verurteilt, weil er die angebliche „Selbstanzündung“ nicht verhindert habe. Dass Jalloh gar nicht in der Lage gewesen sein könnte, sich selbst anzuzünden, hat die Staatsanwaltschaft bis heute unbeeindruckt gelassen.

Experten sind sich inzwischen sicher, dass etwas vertuscht wurde. Offen ist nur, weshalb. Nach wie vor sind viele Fragen unbeantwortet. Beispielsweise, wieso nach dem Brand kein Staatsanwalt vor Ort war, wieso keine Brandexperten hinzugezogen worden sind, wieso es kaum bis gar kein Foto- und Videomaterial vom Tatort gibt oder weshalb die Proben des Brandschutzes erst einige Tage nach dem Vorfall im Labor landeten.

Seit April 2014 läuft ein neues Ermittlungsverfahren zur Klärung der Todesursache. Dieses wurde von der Staatsanwaltschaft aufgrund eines neuen Gutachtens eingeleitet, das von Unterstützern Jallohs gefertigt wurde. Es legt nahe, dass sich ein oder mehrere Unbekannte Zugang zur Zelle verschafft und die Matratze in Brand gesetzt haben.

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