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Geteiltes Echo zur Kanzlerin bei Anne Will: „Vereinnahmungsfernsehen“ fürs Merkel-Mantra oder das „Ende der Entfremdung“?

Pressestimmen zu Angela Merkels Auftritt bei Anne Will in der ARD
Pressestimmen zu Angela Merkels Auftritt bei Anne Will in der ARD

Am Dienstagabend war Angela Merkel zu Gast in der ARD-Talkshow von Anne Will, um als einziger Gast für 60 Minuten über die Herausforderungen der Flüchtlingskrise zu sprechen. Ihr Auftritt polarisiert: Während Focus Online voll des Lobes für die "neue Angela Merkel" und die "schonungslosen Fragen von Anne Will" ist, kritisert die FAZ die "Merkel-Show" der ARD.

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Bei Focus Online lobt Linda Hinz ARD-Moderatorin Anne Will in höchsten Tönen, sie habe es mit „ihren oft schonungslosen Fragen“ geschafft, zur Bundeskanzlerin durchzudringen und „erstaunlich offene und persönliche Antworten zu bekommen“. Freundlich, aber hartnäckig habe sie die deutsche Flüchtlingspolitik seziert und Merkel durch ihre Nachfragen gezwungen, die eigenen Grenzen zu benennen. „Immer wieder hält Will ihr einen Spiegel vor, wie ihre Politik der letzten Wochen wahrgenommen wurde“, so Hinz. „Manch einem mag nicht gefallen, was er am Mittwochabend im ARD-Studio sah. Eine etwas nervöse, oft persönlich und moralisch argumentierende Bundeskanzlerin, die die Grenzen ihrer eigenen Weitsicht einräumte. Und manch anderer mag erleichtert gewesen sein, dass die Regierungschefin ihren Trotz abgelegt hat und wieder nahbar geworden ist. Es könnte der Anfang vom Ende der Entfremdung sein – auch wenn die Deutschen es nun mit einer neuen Kanzlerin zu tun haben. Der Abend bei Will war nur Therapiesitzung Nummer eins.“

Auch Thorsten Denkler betont in der Süddeutsche Zeitung das überraschend menschliche Auftreten der Kanzlerin: „Es ist eben nicht die nüchterne Physikerin, die alles vom Ende her denkt. Diese Krise lässt sich wohl nicht vom Ende her denken. Es ist eine Kanzlerin, die sagt: ‚Das ist nicht mehr mein Land‘, wenn sie den Flüchtlingen nicht mehr freundlich begegnen dürfte. Sie hat ihn gesagt, als sie vor einigen Wochen den österreichischen Kanzler in Berlin zu Gast hatte. Der Satz hat viele aufhorchen lassen. War er wohlüberlegt? Nein, sagt Merkel jetzt. Aber, und das ist vielleicht das Wundersamste an dieser neuen Kanzlerin: ‚Ich habe aus meinem Herzen gesprochen.'“

Bei Zeit Online beurteilt Christian Bangel die Reaktionen der Kanzlerin hingegen als „stoisch“: „Von Anne Will danach befragt, ob man nicht die Grenze schließen könne, fragt Merkel nüchtern zurück, ob man also einen Zaun um die 3.000 Kilometer deutscher Landgrenze ziehen solle. Ihre harte Wahrheit ist: Wir können da kurzfristig wenig tun. Nach den bundesdeutschen politischen Gesetzen ein klarer Fall von politischem Autismus.“ Merkel erkläre sich gegenüber Will auf eine Art, die „manche als human bezeichnen würden, andere als weitsichtig und wieder andere als gefährlich naiv“.

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Annett Meiritz beschreibt das Interview zwischen Anne Will und Angela Merkel für Spiegel Online als „eine Art Realitätscheck für diejenigen, die die Schutzsuchenden aus Kriegs- und Krisengebieten für vorübergehend oder gar für eine Gefahr halten.“ Angela Merkels ehrliche und demonstrative Ungewissheit sei geschickt; damit stelle sie sämtliche Kritiker bloß, die behaupten, man könne mit Millionenzahlen zu Flüchtlingen um sich werfen. „In gewisser Weise hat Merkel aber auch keine andere Wahl, als um Geduld und Vertrauen zu werben“, so Meiritz. Doch ihre Offenheit habe Grenzen, bei vielen interessanten Fragen von Anne Will machte die Kanzlerin dicht. „Ihr Auftritt ist auch als Motivation gedacht in einer Zeit, in der viele Helfer und Behörden an ihre Grenzen stoßen.“

Ganz andere Töne schlägt Michael Hanfeld in der FAZ an: Der Mittwoch sei ein „denkwürdiger Fernsehabend“ gewesen – und zwar nicht im Positiven. Die gesamte ARD scheine nichts anderes für ihren Auftrag zu halten, als der Bundeskanzlerin den Rücken zu stärken, kritisiert Hanfeld: „Denn nach Anne Will geht es in den ‚Tagesthemen‘ gleich weiter mit ‚Wir schaffen das, wir schaffen das, wir schaffen das.‘ Da wird der Auftritt von Merkel bei Will tatsächlich zum Nachrichtenthema Nummer eins und kommentiert die ARD die Rolle in der Merkel-Show auch noch. So nah kann ein öffentlich-rechtlicher Sender der Politik sein. Ein denkwürdiger Vorgang.“ Merkels Beschwörungsformeln seien rund eine Stunde lang variiert worden, ohne dass die offen zu Tage tretenden Probleme, um die es bei der Flüchtlingskrise eigentlich geht, jemals konkret benannt würden. „Die Widersprüche, in die sich Angela Merkel im Laufe der Therapiesitzung bei Anne Will verwickelt, sind sonder Zahl. Auf jeden Mantra-Satz folgt ein Gegen-Satz. Die Journalistin fragt das alles brav heraus und hakt es ordentlich und freundlich lächelnd ab (…). Verwöhn- und Vereinnahmungsfernsehen, wie die ARD es an einem solchen Abend produziert, hilft da auch nicht weiter.“

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Alle Kommentare

  1. Es ist eine Beleidigung für alle von Autismus betroffenen Personen, diese Form der Behinderung immer wieder für die Beschreibung negativer Handlungen und Vorgehensweisen in der Politik heranzuziehen. Autismus ist eine angeborene seelische Behinderung und ist per se neutral zu betrachten. Durch diese Art der falschen Verwendung der Wörter „Autismus“ und „autistisch“ werden autistische Menschen diskriminiert, indem diese Begriffe in einen negativen Zusammenhang gebracht werden.

    Ich bitte deshalb darum, zukünftig die Begrifflichkeiten entsprechend korrekt anzuwenden. Ich gehe mal davon aus, dass dies den Herren und Damen Redakteuren sprachlich möglich sein sollte. Andernfalls empfehle ich ein Synonym-Lexikon oder einen Wechsel des beruflichen Tätigkeitsfeldes.

  2. Die Tagesschau nenne ich schon längst „Aktuelle Kamera“. Vom Frühstücksfernsehen bis zum Nachtmagazin ständige Indoktrination zum Gutmenschentum. Wir schaffen das, wir schaffen das. Aber wer fragt uns eigentlich. Die Antwort wird uns einfach aufgezwungen – mediales Dauerfeuer aus allen Rohren. Das ZDF steht der ARD in nichts nach. Selbst der BR steht in strammen Gehorsam zu Merkel.

  3. Die Asylbewerberproblematik trägt EU-Institutions-, Staats- und Verwaltungsversagen in Bundesländer, Landkreise und Kommunen und belastet die Zivilgesellschaft in unangemessener Weise: das Demokratie- und Rechtsstaatsprinzip wird ausgehöhlt.
    Desinformierende, tendenziöse mediale Berichterstattung erhöht das Dilemma, das manipulativ auf die öffentliche Meinungsbildung einwirkt.
    Extremistische und/oder pauschalierende einseitige Fixierungen sind nicht hilfreich – egal von welcher Seite. Zur billigen diskursiven Masche gehören Versuche sachliche Debatten im Keim zu ersticken. In klaren Begründungen, Sprache und abwägender Haltung stecken per se keine Ressentiments gegenüber Fremden und Gästen.
    Mit Phrasendrescherei wird nichts gelöst. Daran ist zu erinnern:

    » „Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert!“

    sagte Kanzlerin Angela Merkel auf dem Deutschlandtag der Jungen Union (JU) in Potsdam. Man müsse Migranten nicht nur fördern,
    sondern auch fordern. Dieses Fordern sei in der Vergangenheit zu kurz gekommen.«
    Spiegel, 16.10.2010
    http://goo.gl/eg8UoX

    Das war vor fünf Jahren: Politische Handlungsweisen blieben aus. Im Gegenteil: statt den Flüchtlingstrom einzudämmen, wird er befeuert. Renomierte Wissenschaftler haben schon immer gewarnt, beispielsweise FAZ, 03. 11. 2013:
    » Eine gute Migrationspolitik muss berücksichtigen, dass Ein- und Auswanderung langfristig schwerwiegende soziale Folgen
    für eine Gesellschaft haben können. Davor dürfen wir nicht die Augen verschließen. «
    – Prof. Sir Paul Collier, britischer Wirtschaftswissenschaftler, geb. 1949 –
    http://goo.gl/dVT6hF

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