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Angela Merkel bei Anne Will: Einblicke ins Innenleben der Kanzlerin

60 hochkonzentrierte TV-Minuten: Angela Merkel bei Anne Will
60 hochkonzentrierte TV-Minuten: Angela Merkel bei Anne Will

Anne Will hat Angela Merkel interviewt und es war ein gutes Interview. Für Will und für Merkel. Es gelang der Moderatorin in 60 hochkonzentrierten TV-Minuten, den Zuschauern ein Bild der inneren Angela Merkel offenzulegen. Dies war Anne Wills Leistung. Die Leistung von Angela Merkel war, dies zuzulassen.

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Ja, sie habe einen Plan. Selbstverständlich glaube sie immer noch, dass “wir” das schaffen mit der Flüchtlingskrise. Und es sei ihre “verdammte Pflicht”, mit der Türkei über Lösungsmöglichkeiten für den Zustrom zu verhandeln. “Natürlich” halte sie an Thomas de Maizière als Innenminister fest, sie brauche ihn dringender denn je. Das waren einige der Knaller-Zitate aus Anne Wills Merkel-Interview, die am Tag danach in den Medien rauf und runter zitiert werden.

Es ist aber etwas anderes, das hängen bleibt von diesen faszinierenden 60 TV-Minuten. Es ist das Gefühl, dass wir, die Zuschauer, vielleicht zum ersten Mal weitgehend unverstellt einen Blick auf die innere Verfasstheit unserer Kanzlerin werfen konnten.

Anne Will eröffnete das Gespräch scheinbar harmlos mit der Frage, ob Merkel immer noch zu ihrem Ausspruch stehe, dass “wir” das schaffen mit der Flüchtlingskrise. Natürlich wird die Moderatorin damit gerechnet haben, dass sich Angela Merkel zu dem Ausspruch bekennt. Sie gab der Kanzlerin damit Gelegenheit, noch einmal alles an Bekenntnis und Bekanntem abzuspulen.

Fast eine Viertelstunde konnte Merkel sich weitgehend ungebremst freireden. Erst dadurch wurde der Weg frei für das echte Gespräch. Anne Will kam dabei zu Gute, dass sie lange 60 Minuten solo mit der Kanzlerin hatte und nur ein Thema beackern musste. Das ist ganz selten. Normalerweise müssen die üblichen Runden der üblichen Diskutanten mit leider oft üblichen Meinungen durchgefragt werden. Oder es ist Wahlkampf und dann wird ein Thema nach dem anderen in Phrasen abgehakt.

Dafür war an diesem Abend kein Platz. Angela Merkel wählte den Vergleich, dass Deutschland in der Flüchtlingsfrage vermutlich vor der größten Herausforderung seit der Wiedervereinigung stehe. Damit hat sie wohl recht. Und damit wird auch plötzlich klar, dass es nicht die Griechenland- und Euro-Krise ist, die zum definierenden Thema Merkels Kanzlerschaft werden wird, es wird die Flüchtlingsfrage sein.

Die Euro-Krise ist wichtig aber abstrakt und kaum begreifbar. Die Flüchtlinge landen bei den Deutschen vor der Haustür. Das ist erschreckend konkret. Und die Flüchtlingsfrage bringt bei der ostdeutschen Pfarrerstochter Angela Merkel eine Saite zum Schwingen, die wir so bei ihr noch nicht hörten. Sie hat sich glasklar positioniert, hat in einer mutigen Entscheidung ganz Deutschland ein menschliches, hilfsbereites Antlitz gegeben.

Im Gespräch mit Anne Will bekannte Merkel, nachdem die Polit-Rhetorik weggeredet war, dass sie auf vieles keine Antwort habe, dass sie vieles nicht wisse. Dass sie keine Versprechen geben will, die sie nicht halten kann. Von welchem Spitzenpolitiker hört man solche Sätze noch? Gewiss nicht von Horst Seehofer. Zurecht wies Merkel darauf hin, dass man sie für ihre Aussagen gegenüber dem Flüchtlingsmädchen Reem viel gescholten habe. Der stern machte sie daraufhin zur “Eiskönigin”. Nun war sie vor kurzem für den Spiegel “Mutter Merkel” im Mutter Teresa-Look und die ARD zog ihr via Fotomontage einen Hijab über. Die Kanzlerin hat es schon nicht leicht mit den Medien.

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Merkel erklärte bei Anne Will geduldig ihre Herangehensweise: Anpassen der Gesetze im Inland, Beschleunigen der Verfahren, Sicherstellen der Ausreise von abgelehnten Asylbewerbern, Unterstützung für die Türkei beim Bewältigen der Flüchtlingsströme.

Stichwort Türkei. Da hebt die Realpolitik ihr hässliches Haupt. Anne Will fragte, ob es denn notwendig sei, dass sich Deutschland nun an den autokratischen türkischen Staatschef “ranschmeiße”, weil man ihn nun eben mal brauche, um die Zuwanderung einzudämmen. Merkel stutzte kurz und erklärte in verblüffender Offenheit, dass sie Erdogan selbstverständlich brauche. Ja, man müsse der Türkei vermutlich Geld geben, damit diese ihre Lager ausbauen kann und die Grenze besser schützt und man müsse darüber nachdenken, die Türkei als sicheren Drittstaat zu klassifizieren und türkischen Staatsbürgern Visa-Erleichterungen zu verschaffen, so wie Erdogan es sich wünscht. So läuft das, in der Realpolitik.

Will man Anne Will einen kleinen Vorwurf an ihrer Gesprächsführung machen, dann den, dass sie es Angela Merkel erspart hat, auf den neuen Goodwill-Kurs gegenüber dem syrischen Diktator Assad einzugehen. Auch dies gehört zum Kapitel Realpolitik, ist aber noch viel hässlicher als das Bedienen türkischer Interessen. Hier zeigte sich die Pragmatikerin Merkel. Um Flüchtlingsursachen in Syrien zu bekämpfen hat man im Prinzip nur zwei Möglichkeiten: Druck auf das Assad-Regime ausüben und eine Flugverbotszone sowie Sicherheitszonen in Syrien durchsetzen. Das geht nur mit Militär und es ist weit und breit niemand zu sehen, der bereit wäre dies durchzuziehen. Auch nicht die Amerikaner. Möglichkeit zwei ist eine Annäherung an Assad. Da Möglichkeit eins wegfällt, nimmt sich Merkel Möglichkeit zwei an. So einfach ist das und gleichzeitig so schwierig.

Natürlich “verrät” sie damit in gewisser Weise Werte. Die bittere Wahrheit aber ist, dass immer Werte verraten werden. Die Politik kann oft nur wählen, welchen Wert man aktuell zum Opfer-Altar tragen möchte. Die Wahl des geringeren Übel ist leider politischer Dauerzustand. Es wäre aber ungerecht, Merkel auf diesen immanenten Verrat an Werten zu reduzieren, das zeigte sich im Will-Interview deutlich. Anne Will hakte nach, war hochkonzentriert immer bei der Sache und jede Sekunde souverän. So souverän, um auch einmal zu bekennen, dass sie eine Frage missverständlich gestellt hat.

Merkel war umgekehrt gelöst genug, die Grenzen ihrer Handlungsmacht zu benennen und gegen Ende auch einmal zu sagen, dass sie eine Frage nicht verstanden hat. Irgendwann im Mittelteil fragte Anne Will, ob diese Frage nach den Flüchtlingen Merkels “Agenda-Moment” sei und ob sie bereit wäre, hierfür ihre Kanzlerschaft zu opfern. Da dachte die Kanzlerin einen kurzen Moment nach, bevor sie antwortete. Sie sagte schließlich, dass sie alles in ihrer Kraft stehende tun wird, um das Problem zu lösen. Angela Merkel ist zu unprätentiös für eine Basta-Ansage. Aber in dieser Flüchtlingsfrage erleben wir eine Politikerin, deren Sagen und Handeln absolut deckungsgleich ist. Merkel meint ganz offensichtlich ehrlich, was sie sagt. Und sie sagt, was sie tut. Das war in diesem Interview so deutlich zu spüren wie selten zuvor in den Medien. Und dies ist etwas, das man nur über sehr wenige Politiker in diesen Tagen sagen kann. Vielleicht ist es ja diese Eigenschaft, die die Wähler bei ihr instinktiv erkennen ihr darum so oft ihre Stimme gegeben haben. Merkel erweckte den Eindruck, dass sie an ihrer Haltung festhält, auch wenn sie dafür nicht mehr gewählt würde. Sie musste das nicht aussprechen.

Die Flüchtlingskrise stellt Deutschland, stellt die Deutschen ohne Zweifel vor große Probleme. In dieser historischen Herausforderung könnte man wahrlich schlechtere Kanzler haben als Angela Merkel.

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Alle Kommentare

  1. Mit etwas gemischten Gefühlen habe ich die Aussagen von Angela Merkel verfolgt. Doch zuletzt ist mir geblieben, dass sie eine ehrliche, mutige Politikerin ist, für die Menschlichkeit mehr als nur ein Wort ist.
    Vielleicht hat sie aber etwas die Ängste der Bürger unterschätzt: Es kommen ja Menschen in ungeahnter Zahl: Wie wird die Bevölkerung dann reagieren, gibt es einen Stimmungsumschwung. Auch die Angst vor einer anderen Religion wird den vorwiegend christlich-geprägten Deutschen nicht einfach so wegzureden sein. Mir persönlich machen auch die Schicksale der Frauen aus den Fluchländern Sorge, die ja oft mit Kindern unterwegs sind – Männer sieht man oft alleine. Bei allem good will und humanen Hoffnungen sollte man nicht „einfach so“ Ängste zerstreuen. In der Zukunft wird sich zeigen, wie sich das Miteinander oder Nebeneinander entwickelt.

  2. Frau Merkel wirkt entschlossen und glaubwürdig. Die neuen gesetzlichen Regelungen klingen alle vielversprechend, doch sie laufen gegen die Zeit. Warum geht Deutschland diesen Sonderweg? Es ist eine EU-Krise, doch die EU wird Merkel ohne Druck nicht beispringen. Ich verstehe, dass sie schlecht sagen kann „Wir schaffen es nicht“. Aber gibt es nicht einen Mittelweg? Was wäre falsch daran, zuzugeben, dass die Kommunen am Limit sind und eine Pause brauchen. Ständig zu wiederholen „Wir schaffen das“ kann nur als weiterhin geltende Einladung verstanden werden. Die Flüchtlinge, die hier in einer Turnhalle oder einem Baumarkt gestrandet sind, werden hoffentlich nach Hause berichten, wie das vermeintliche Paradies Deutschland für sie wirklich aussieht. Vielleicht zeigt das ja Wirkung, ehe im Winter die Stimmung komplett kippt. Wollen wir wirklich das Land der Flüchtlingslager werden? Da wird darüber diskutiert, dass Asylanten den Mindestlohn bekommen müssen, ehe überhaupt ein breit angelegtes Konzept besteht, wie man diese Menschen für den Arbeitsmarkt fit bekommen will. Wie schön, dass es immerhin schon einen Nigerianer gibt, der in einem Tegernseer Männerchor singt – das lässt doch hoffen ……………..
    Im Ernst, ich hoffe für Frau Merkel und für unser Land, dass die EU-Länder an einem Strang ziehen werden, freiwillig oder gezwungenermaßen, weil es letztendlich im Interesse aller ist.

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