Wie peinlich ist das denn: Jung von Matt schickt „Lügenpresse-Mobil“ für Springer zur Pegida-Demo

Das LitoMobil von Jung von Matt bei der Pegida-Demo in Dresden: Schnappschuss für den Kunden
Das LitoMobil von Jung von Matt bei der Pegida-Demo in Dresden: Schnappschuss für den Kunden

Marketing Seine Agentur sei "nah am Shitstorm gebaut", hat Jung von Matt-Chef Jean-Remy von Matt einmal in einem Interview bekannt. Stimmt: Für ihre jüngste Guerilla-Kampagne bei der Pegida-Demonstration in Dresden hätten die Werber nichts anderes verdient als einen Shitstorm. Die hohle Nummer mit dem "Lügenpresse"-Laster ist zum Fremdschämen.

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Ausgerechnet für den Kunden Axel Springer hatten die Kreativen des Berliner Agentur-Stützpunkts Jung von Matt/Spree eine – ihrer Meinung nach – mutige Idee:  Mitten in einer Pegida-Demonstration sollte Werbung für den digitalen iKiosk-Shop des Medienhauses gemacht werden, mit dem provozierenden Slogan „Die ganze Lügenpresse aus einer Hand“ plus iKiosk-Claim: „Die neue Pressefreiheit“.

Die Umsetzung beim „Abendspaziergang“ der Pegida-Aktivisten war dann etwas weniger mutig: Verschanzt in einem Lkw mit Reklametafeln (einem sogenannten LitoMobil) fuhren Mitarbeiter der Agentur (vielleicht eher: für ein paar Euro angeheuerte Studenten?) am Rande der Demo vorbei und schalteten die Beleuchtung hinter dem Plakatmotiv an – aber nur ganz kurz, „aus Sicherheitsgründen“, wie es aus der Agentur verlautet. Auch den Werbern war nicht verborgen geblieben, dass Pegida-Anhänger gegen Journalisten mehrfach gewalttätig geworden waren.

Ein paar Sekunden war der mega-freche Slogan dann „on“, vermutlich gerade so lange, bis der in sicherer Entfernung wartende Agentur-Fotograf sein Beweisfoto für den Kunden im Kasten hatte. Und schon konnte der Schnappschuss in die Verwertungskette. Dem Branchendienst Horizont war die peinliche Einlage sogar eine Top-Story wert. Headline: „Die ‚Lügenpresse‘ wehrt sich. Wie Jung von Matt eine Pegida-Demo crashte.“ Im Hinblick auf die Werbewahrnehmung vor Ort heißt es: „Der eine oder andere ‚Abendspaziergänger‘ dürfte das Plakat (…) wahrgenommen haben.“ Na ja.

Dass nun ausgerechnet eine Kampagne im Auftrag von Axel Springer den von Pegida geprägten Begriff – und Unwort des Jahres 2014 – selbst verwendet, ist laut Horizont „feine Ironie“. Dass die „Zielgruppe“ in Dresden dafür kaum empfänglich sein dürfte und die Hass-Bewegung durch die Aktion eher verharmlost wird, scheint bei Jung von Matt niemanden gestört zu haben. Aber was bei der (ebenfalls von JvM gestalteten) offiziellen Sixt-Werbung elegant und witzig wirkt, erscheint in der Guerilla-Kampagne fürs iKiosk deplatziert und verkrampft. Es ist nicht das erste Mal, dass Jung von Matt mit einem solchen Versuch ein Eigentor geschossen hat. Diesmal allerdings gibt es im Gegensatz zum missglückten Auftritt bei einer Castor-Demo der Atomkraftgegner nicht einmal ein YouTube-Video – es hätte wohl auch nur Sekunden gedauert.

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Alle Kommentare

  1. HUIII, das hat gesessen !!!

    Da werden die Pegidisten aber „betroffen und ein Stück weit traurig“ sein…

  2. Die Älteren erinnern sich das Experiment des Kabarettisten Dietrich Kittner vor mehr als 30 Jahren, der an mehreren Kiosken „Einmal das Lügenblatt, bitte“ sagte und jedes Mal kommentarlos eine Bildzeitung erhielt.
    Ich vermute, dass das heute noch genauso funktionieren würde. Und das wohl kaum aus dem Grund, dass alle Kioskbesitzer samt und sonders Pegida-Sympathisanten sind.

  3. Freut mich sehr, hier bei MEEDIA auch mal einen bissigen Artikel zu finden, wo ihr mich in letzter Zeit eher mit Nachlaberei gelangweilt habt. Und das ihr dann noch so schön gegen die Lobhudelei (hier personifiziert von der HORIZONT) über jede noch so vorgeschoben ‚freche‘ PR-Aktion bürstet, hat mich erst recht beeindruckt.
    Weiter so (:

  4. „und die Hass-Bewegung“

    Wie formulierte es „Walulis sieht fern“ noch: „heul, heul, heul“.

  5. Am 07.10.2015 erschien diese Lobhudelei im http://www.horizont.net. Da ging es um den vergangenen Montag, aber da war niemand von Pegida auf dem Theaterplatz. Das Bild zeigt im Hintergrund die Sempergalerie und rechts den Eingang der Semperoper.
    Die Demo fand auf dem Neumarkt statt. Also doch Lügenpresse!

  6. Euch ist aber schon klar, dass man als Agentur bzw. Kunde so ne Aktion nicht für die Menschen vor Ort macht, sondern eben genau für das eine Foto, was dann (im besten Fall) viral die Runde macht. Ich verstehe die Aufregung nicht, dass das Fahrzeug nur kurz angeschaltet war. Der „Gag“ (ob man das jetzt lustig, ironisch, peinlich oder wie auch immer findet) ist eben für die Leute zuhause vorm Bildschirm und nicht für die Pegida-Anhänger vorort konzipiert.

  7. Also, ich als Teilnehmer und viele Andere auch, haben das Plakat ernst genommen und gestaunt, denn es ist ja richtig, daß sich die MSM praktisch in einer Hand befindet… O.K… eigentlich sind es zwei große Medienkonzerne, welche für die eine Regierung werben.
    Ich verstehe nicht, weshalb sollten sie Angst haben – viele haben gedacht, die fahren für PEGIDA.

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