Spiegel-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen bezeichnet Bild als „Lügenpresse“

Gisela Friedrichsen hat den gerichtlichen Erfolg von Jörg Kachelmann kommentiert.
Gisela Friedrichsen hat den gerichtlichen Erfolg von Jörg Kachelmann kommentiert.

Gisela Friedrichsen, die Bild und das Pegida-Unwort: Am Mittwoch hat die hochdekorierte Gerichtsreporterin des Spiegel das Boulevardblatt als "Lügenpresse" bezeichnet. Anlass war die Verurteilung von Bild und Bild.de zu einem Rekord-Schmerzensgeld für Jörg Kachelmann. Um Wahrheit oder Lüge ging es im Prozess aber nur am Rande.

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Gisela Friedrichsen ist eine Reporterin von Format und eine Journalistin, die weiß, was sie schreibt. Seit Jahren begleitet sie für das Nachrichtenmagazin Spiegel deutschlandweit die wichtigsten Gerichtsprozesse und saß – selbstverständlich – auch im Mannheimer Gerichtssaal, als Jörg Kachelmann dort wegen „besonders schwerer Vergewaltigung“ verantworten musste. In dieser Woche kommentierte Friedrichsen für Spiegel Online den Gerichtserfolg des freigesprochenen Kachelmann gegen Bild und Bild.de und griff die Boulevardmedien im gleichen Zug an:

Es sind nicht nur die 635.000 Euro, die Springer – vielleicht – einmal an Kachelmann zahlen muss, die bisher höchste Entschädigungssumme in einem derartigen Verfahren, in dem es um die Verletzung von Persönlichkeitsrechten und vor allem um unwahre Berichterstattung ging. Wenn jemals das Wort „Lügenpresse“ einen gewissen Wahrheitsgehalt gehabt haben sollte, dann wohl hier.

Die Andeutung, Bild wäre die „Lügenpresse“, wenn es sie denn gäbe, ist nicht nur ein scharfer Angriff in Richtung Axel Springer, sondern auch eine Äußerung, die Fragen aufwirft. Denn anders als Friedrichsen in ihrem Kommentar behauptet, ging es im Verfahren Kachelmann gegen Axel Springer  nicht „vor allem“ um Unwahrheiten, sondern um die Persönlichkeitsrechtsverletzungen. MEEDIA hat die Liste der beanstandeten Passagen gesichtet:

Kachelmann und sein Anwalt Ralf Höcker brachten insgesamt 150 Fälle vor das Landgericht Köln, von denen das Gericht 47 als möglicherweise relevant einstufte und letztlich 38 als geldentschädigend klassifizierte. In nur sechs Fällen gab es eine Geldentschädigung aufgrund von Unwahrheiten, also in etwa 15 Prozent der mit Strafzahlungen sanktionierten Fälle. Anwalt Höcker hatte ursprünglich in 23 der 150 Fälle (ebenfalls 15 Prozent) Falschbehauptungen gesehen. In 17 Fällen, in denen der Kläger Falschbehauptungen sah, widersprachen jedoch die Kölner Richter. Drei Fälle seien vergleichsweise harmlos gewesen, alle anderen 14 wurden hingegen nicht gewürdigt. In diesen Fällen sah das Gericht das Genugtuungsbedürfnis von vornherein als widerlegt an, weil der Kläger keine Unterlassungsansprüche geltend gemacht hatte. Diese hatten Kachelmanns Anwälte nicht gestellt, um auch das Prozessrisiko zu minimieren.

Sechs von 38 Fällen – das ist schon numerisch nur ein kleiner Teil der vom Gericht negativ gewürdigten Fälle. Es rechtfertigt auch nicht die Behauptung Friedrichsens, dass es im Verfahren „vor allem“ um unwahre Berichterstattung gegangen sei. Das Gericht verurteilte die Bild-Medien wegen folgender Auszüge:

– „Er soll im Knast getobt und geschrien haben, als er vom Interview erfuhr.“

– „Er hatte zur angeblichen Tatzeit schließlich fünf Frauen gleichzeitig Ehe und Kinder versprochen und soll von jeder erwartet haben, dass sie ‚treu‘ ist.“

– „Dieses Leben mit mindestens sechs Frauen gleichzeitig, denen er allen die Ehe versprochen hat.“

Auf sechs Fälle kam das Gericht, weil die Passagen sowohl gedruckt als auch online erschienen sind. Vor Gericht stand Bild in der Beweispflicht und hatte nachzuweisen, dass jede einzelne Aussage zutraf. Dass ist in den genannten Fällen offenbar nicht erfolgt. Doch ist es angemessen, ein derart politisch aufgeladenes Wort wie „Lügenpresse“ zu verwenden? Und das in Fällen, die sich nicht auf den damaligen Tatvorwurf, sondern auf moralische Verhaltensweisen bezogen haben?

Das Urteil gegen Bild Online und Bild wurde am Mittwoch in dieser Woche gesprochen und ist noch nichts rechtskräftig. So schnell wird dies auch nicht der Fall sein. Beide Parteien, Axel Springer wie auch Kachelmann-Anwalt Höcker, haben Berufung angekündigt.

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Alle Kommentare

  1. Wäre denn ‚Werbevehikelpresse‘ angemessener‘? Immerhin haben die Springer Anwälte das Kerngeschäft der Axel Springer SE im Adbock Prozess in Köln ausgeplaudert:
    „Das Kerngeschäft der Klägerin ist die Vermarktung von Werbung. Journalistische Inhalte sind das Vehikel, um die Aufmerksamkeit des Publikums für die werblichen Inhalte zu erreichen.“
    http://www.golem.de/news/adblock-plus-axel-springer-sieht-journalismus-nur-als-vehikel-fuer-werbung-1509-116587.html

  2. Wo ist das Problem? Im Bildblog kann man seit Jahren nachlesen, wie BLÖD lügt und peinliche Kampagnen führt. Schlimm genug, daß das Käseblatt immer noch viel zu oft von anderen Medien zitiert wird.

  3. Tja, ein harter Schlag ins Kontor. So langsam scheint es „altgedienten“ Journalisten zu dämmern, mit was und wem sie sich da einlassen.
    Frau Friedrichsen hat alles schon hinter sich und einen untadeligen Ruf. Der Herr Schade muss noch ein paar Jahre buckeln. Das Bewerbungsschreiben für Springer liegt vor. Pech ist nur, dass die Lügenpresse, nicht nur Bild, immer weniger Kundschaft findet, weil das Geschreibsel immer substanzloser wird und man den Schreibern noch nicht mal mehr das Datum abnimmt.

  4. Marvin Schade, der Schreiber des obrigen Beitrags, ist noch jung. Wenn er fleißig so weiterschreibt, bekommt er bestimmt noch ein lukratives Job-Angebot aus dem Hause Springer..

  5. Hat aber lange gedauert bis zum obligatorischen Bild-Verteidigungsschreiben von Meedia. Könnt ihr eigentlich noch morgens in den Spiegel schauen?

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