„Drehbücher werden durchgeskripted und kaputtgemacht“: Dominik Graf über den deutschen Film

Regisseur Dominik Graf.
Regisseur Dominik Graf.

Fernsehen Zum 25. Mal findet diese Woche in Köln das internationale Film- und Fernsehfestival „Cologne Conference“ statt. Mit dabei war auch Regisseur Dominik Graf, der Ausschnitte seiner neuen Dokumentation „Verfluchte Liebe Deutscher Film“ vorstellte und betonte: Genrefilme sind vom Kino ins Fernsehen gewandert.

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Über den deutschen Film wird seit Jahren leidenschaftlich gemeckert: zu stromlinienförmig soll er sein, zu glanzlos und ohne eigene Identität. Woher kommt das – und vor allem wie kann es geändert werden? Mit diesen Fragen setzten sich Filmemacher während einer Veranstaltung des Verbands für Film- und Fernsehdramaturgie und des Verbands der Drehbuchautoren im Rahmen der Cologne Conference auseinander. Unter dem Titel „Wir können auch anders! Erzähltraditionen im deutschen Film zwischen gestern und morgen“ wollten unter anderem die Regisseure Dominik Graf und Adolf Winkelmann, Filmdramaturg Roland Zarg sowie Gebhard Henke, Programmbereichsleiter Fernsehfilm, Kino und Serie beim WDR, einen hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft werfen und gleichzeitig herausfinden, was das deutsche Erzählen im Film ausmacht. Denn der ständige Vergleich mit US-Serien und Arthouse-Filmen würde den Blick auf das eigene Potenzial verklären. Oder wie Regisseur Dominik Graf (u.a. „Tatort: Frau Bu lacht“, „Im Angesicht des „Verbrechens“) es ausdrückte: „Der deutsche Film ist seit den 60er Jahren geprägt von der ewigen Sehnsucht nach Weltruhm.“

„Unsere Gesellschaft schämt sich für Genrefilme“

In seinem neuesten Dokumentarfilm „Verfluchte Liebe Deutscher Film“ beschäftigt sich Dominik Graf mit den deutschen Genrefilmen der vergangenen 50 Jahre. Er will die Traditionslinie des deutschen Films wiederentdecken – und daraus Potenzial für neue und vielseitigere Produktionen schöpfen. „In unserer Political-Correctness-Gesellschaft schämt man sich für schrille, böse oder brutale Genrefilme“, so Graf. Und als Regisseur auf einem bestimmten Genre zu verharren, sei außerdem schwierig. Denn dann würde man abgestempelt, nur das eine zu können, erklärte er. Deshalb seien nicht mehr viele Genres übrig geblieben – und in den 1990er Jahren außerdem vom Kino ins Fernsehen gewandert. Das bekannteste und am meisten vertretene fiktionale Fernsehgenre ist dabei natürlich der Kriminalfilm. Dominik Graf liebt sie, hat bei viele „Tatorten“ Regie geführt und kann nicht verstehen, dass die Zuschauer darüber meckern. „Für mich persönlich könnte es noch viel mehr Krimis geben.“

„Drehbücher werden durchgeskripted und kaputtgemacht“

Dennoch wünscht er sich eine größere Diversität der Genres. So sei zum Beispiel auch das Melodram nahezu ausgestorben. „Da bleiben dann Schauspieler übrig, die sich in britischen Landschaften treffen, verlieben und verlieren.“ Als Grund dafür nennt er auch Produktionen und Redaktionen: Diese würden Drehbücher „durchskripten und damit kaputtgemachen“ – ein typisches Schicksal vieler Filmstudenten, die „versuchen, mal trivialere Genrefilme durchzusetzen“.

Regisseur Adolf Winkelmann („Die Abfahrer, „Nordkurve“ und aktuell „Junges Licht“) sieht dies ähnlich: „Junge Filmemacher sind eingeschlossen in Formaten und gefangen in Regeln.“ Dabei hätten sie rein technologisch durch sehr gute Smartphone-Kameras und Social Media Kanäle viel mehr Möglichkeiten, sowohl frei zu produzieren als auch zu veröffentlichen. „Aber wenn sie es machen, entstehen meist nur noch mehr Bilder für den digitalen Bildersumpf, der unter uns wabert.“ Auch Filmdramaturg Roland Zarg wünscht sich mehr „lustvolles Ausprobieren“ beim filmischen Erzählen – und denkt dabei an die Autorenfilme der 60er Jahre zurück. „Damals gab es unbedarftere Dramaturgie, es herrschte ein Gefühl des Aufbruchs“, sagte Zarg. Heute hingegen würden Drehbücher begradigt, strukturiert und in ein Format gepresst. Ein „Wir machen mal“ sei deshalb nicht mehr möglich.

„Es gibt schon viel Gutes im Fernsehen“

Gebhard Henke, der WDR-Programmbereichsleiter für Fernsehfilm, Kino und Serie hielt dagegen: „Es gibt auch schon sehr viel Gutes.“ Außerdem sei das Fernsehen vor allem durch immer hochkarätiger produzierte und besetzte Serien in seinem Ansehen deutlich gestiegen. „Deshalb wäre es absurd, wenn sich Redakteure aus den Produktionen komplett raushalten müssten“, so Henke. Es entstünden in Deutschland schließlich tausende fiktionale Filme jedes Jahr – und zwar auch dank einer Finanzierung durch öffentlich-rechtliche Sendeanstalten. „Und deswegen finde ich das Klagen über staatliche Förderer und Redakteure schwierig.“ Auch sei am Mittwochabend im WDR viel Platz für Themenfilme – ein „Bekenntnis zum Genre“, wie er betonte. Im „Tatort“ sieht er außerdem „die größte Kreativschmiede im deutschen Fernsehen. Hier kann sich jeder austoben!“

Zwar habe die Wanderung der Filme ins Fernsehen „ein schwarzes Loch“ im deutschen Kino hinterlassen, betonte Dominik Graf. Doch er sieht in der immer wichtiger werdenden Rolle der Fernsehsender vor allem eine Chance: „Wir sind froh, dass wir unsere Träume und Kinofantasien im Fernsehen verwirklichen können.“

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