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Die verlorene Ehre des Jörg Kachelmann – und welche Rolle die Medien dabei (nicht) spielten

Kachelmann gegen Bild: Der Moderator hatte im Prozess zunächst 2,25 Millionen Euro Entschädigung gefordert
Kachelmann gegen Bild: Der Moderator hatte im Prozess zunächst 2,25 Millionen Euro Entschädigung gefordert

Bild und Bild.de wurden vom Landgericht Köln zu einem Rekord-Schmerzensgeld für Jörg Kachelmann verurteilt. Für dessen Anwalt ist die hohe Summe der neue "Maßstab für Medienopfer". Das Verfahren zeigt aber vor allem, dass bei der Bewertung der Rolle der Medien im Fall Kachelmann oft jeglicher Maßstab verloren geht.

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635.000 Euro Schmerzensgeld. Die höchste je von einem Prominenten auf dem Klageweg erstrittene Summe. Der Fall Kachelmann schreibt ein weiteres Kapitel Mediengeschichte mit einem Superlativ. Fast mag man denken, darunter geht es auch nicht in der erbittert geführten Fehde des früheren ARD-Wettermoderators gegen Zeitungen und Zeitschriften. Vor allem den Medienhäusern Springer mit seiner übermächtigen Bild und Burda (Bunte, Focus) wirft der Meteorologe vor, seine berufliche Existenz mit Hetzkampagnen rund um seinem Strafprozess systematisch vernichtet zu haben. Burda hat sich den Justizmarathon erspart und außergerichtlich eine (vermutlich deutlich sechsstellige) Summe an Kachelmann gezahlt. Axel Springer war dazu nicht bereit und kassierte nun in erster Instanz ein Urteil, dessen Höhe Medienbeobachter noch vor wenigen Jahren für aberwitzig gehalten hätten.

Nach Sichtweise Kachelmanns dürfte die (vorläufig) erstrittene Geldentschädigung noch zu niedrig ausfallen. Sein Anwalt Ralf Höcker hatte von Bild und Bild.de 2,25 Millionen Euro gefordert. In der Tat sind die Folgen des Vergewaltigungsverfahrens für den Moderator trotz des Freispruchs katastrophal: Kachelmann scheint für einen TV-Job im deutschsprachigen Raum auf Lebenszeit nicht mehr vermittelbar zu sein, verbunden mit einem Verdienstausfall, der die Höhe der ihm jetzt zugesprochenen und (z.B. von Burda) bereits bezahlten Summen deutlich übersteigen dürfte. Sein ehemaliger Arbeitgeber ARD hat ihn noch vor Prozessbeginn fallen lassen und ihn nie rehabilitiert. Kachelmann arbeitet sich seit dem Ende seines Prozesses an den Medien ab, die früher seine Bühne waren und von denen er sich verraten und verkauft fühlt. Und er hört nicht auf, im Gegenteil: Aus seinen Tweets spricht heute noch ungebremste Wut. Das Justizopfer scheint im Endlos-Rache-Modus verfangen. Das ist nicht gut, auch nicht für ihn selbst.

Die Wahrheit ist: Im Fall Kachelmann gibt es keine Gewinner. So spektakulär das Verfahren war, so sehr hat es selbst die besten Journalisten zermürbt und an ihre Grenzen geführt. Von der überraschenden Verhaftung Kachelmanns am Frankfurter Flughafen im März 2010 bis zum überfälligen Freispruch Ende Mai 2011 vergingen 14 Monate. Und wenn in diesem Zusammenhang das Versagen von Institutionen thematisiert werden soll, so ist dieses Versagen nicht in erster Linie den Medien, sondern der Justiz anzulasten. Die Staatsanwaltschaft Mannheim hatte die öffentliche Aufmerksamkeit mit einer höchst fragwürdigen Pressemitteilung, in der von der Verhaftung eines „51-jährigen Schweizer Journalisten und Moderators“ die Rede war, unmittelbar nach der Festnahme verschickt. Den Klarnamen zu recherchieren, war für die Redaktionen eine Sache von zwei Minuten; der Fall war in der Welt. Dass Kachelmann als bekanntes Fernsehgesicht keinen Anspruch darauf hatte, gegen Fotos und Namensnennung vorzugehen, kam hinzu. Genau so wie der konträr zum öffentlichen Image stehende Tatvorwurf. Die Medien (nicht einmal die ARD, der das Ganze hochnotpeinlich war) hatten gar keine Möglichkeit, den Fall zu ignorieren.

Dass in den Monaten nach der Verhaftung immer neue Einzelheiten publiziert wurden, die den inhaftierten Angeklagten schwer belasteten und seinen Ruf aufgrund etlicher intimer Details ruinierten, geht im Wesentlichen auf eine einzige Quelle zurück: die Anklageschrift aus der Feder zweier offensichtlich fehlgeleiteter und getriebener Staatsanwälte, die – wie der Prozess zeigen sollte – eine ihnen vom Gesetz vorgegebene Pflicht grob verletzten: nämlich neben belastenden auch entlastende Umstände gründlich zu ermitteln. Oder die einzige Belastungszeugin, die Ex-Geliebte, aufgrund etlicher Widersprüche und Ungereimtheiten gründlich zu überprüfen. Wäre die Staatsanwaltschaft ihren Aufgaben nachgekommen, hätte es das Vergewaltigungsverfahren gegen Jörg Kachelmann nach Ansicht vieler Strafrechtsexperten nie gegeben. Hier liegt der Kern des Problems. Als die öffentliche Hauptverhandlung vor dem Landgericht Mannheim begann, war Kachelmann bereits wieder auf freiem Fuß, acht Monate später dann der Freispruch, der „mieseste aller Zeiten“, wie der Angeklagte befand. Nicht die Medien, sondern Ankläger und Prozess haben ihm das Leben genommen, das er vorher führte.

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Vieles in der Argumentation von Kachelmann und seinem Anwalt Ralf Höcker erzeugt ein falsches Bild. So spricht der Jurist von einer „furchtbaren Kampagne“ der Bild-Zeitung, obwohl die Kölner Pressekammer dies ausdrücklich verneint und lediglich „Fahrlässigkeit“ unterstellt. Das Boulevardblatt hat zunächst – man muss es nicht mögen oder lesen – das getan, was es immer tut, wenn es um Ermittlungsverfahren gegen Prominente geht. Wer den Spiegel in jener Zeit aufmerksam verfolgt hat, weiß, dass auch das Nachrichtenmagazin in seiner Berichterstattung nicht an klebrigen Details gespart hat. Allerdings hat der Spiegel auch früh Skepsis an der Überzeugung der Staatsanwaltschaft angemeldet und die Glaubwürdigkeit der Zeugin angezweifelt. In den allermeisten anspruchsvollen Medien unterschied sich die Berichterstattung eher in Nuancen. Den Vorwurf einer gezielten Kampagne gegen den Angeklagten muss sich allenfalls Burdas Bunte machen lassen. Dort wurden einseitig Kachelmanns „Lausemädchen“ schon vor der Aussage im Prozess gegen entsprechendes Honorar präsentiert, und die windige Ex-Geliebte durfte via Titelstory noch Politik in eigener Sache betreiben, als ihren Tatschilderungen längst kaum einer mehr glaubte.

Aber selbst wenn alle Medien in größter Zurückhaltung berichtet hätten, wenn nur Anklage und der grobe Verlauf der achtmonatigen Verhandlung öffentlich geworden wäre: Hätte das Kachelmann nach dem Freispruch bei der ARD wieder auf seinen Stammplatz nach der Tagesschau befördert? Wohl kaum, und dass dies so ist, ist doch ein gesellschaftliches Thema und keine direkte Folge von Berichterstattung. Sobald man versucht, Lehren aus dem Publizierten zu verallgemeinern, wird klar, wie wenig der Fall Kachelmann für Grundsatzdebatten geeignet ist. Hier kommen das eklatante Versagen einer Staatsanwaltschaft, das Informationsmonopol der Ermittler und die Tatsache zusammen, dass es hinsichtlich des Tatvorwurfs bis heute nur zwei Menschen gibt, die die Wahrheit kennen: die Belastungszeugin und Kachelmann selbst. Bei solchen Konstellationen sind die Medien überfordert; sie berichten über beide Seiten und richten schon damit Schaden an.

Hieraus zu folgern, sie sollten es gar nicht tun, wäre grundfalsch. Wo verliefe die Grenze? Würde das auch für das Verfahren wegen Bestechlichkeit gegen einen Spitzenpolitiker gelten? Für die Stasi-Ermittlungen gegen einen ranghohen Staatsbeamten? Für den Prozess gegen einen Profifußballclub-Präsidenten wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe? Die Frage ist nicht ob, sondern wie berichtet wird, und da müssen Redaktionen täglich Entscheidungen treffen. Bild und Bild.de haben nach Überzeugung des Landgerichts Köln im Fall Kachelmann oftmals falsch entschieden. Nachdem Axel Springer Berufung angekündigt hat, geht der Rechtsstreit weiter.

Die über den inzwischen jahrelangen Rechtsstreit befeuerte Fehde zwischen dem Moderator und Bild wird durch den Gerichtsentscheid neu entfacht. „Keine Millionen für Kachelmann“, titelte Bild.de gekonnt unangemessen nach der Verhängung der Rekord-Strafe in eigener Sache. Der Moderator keilte via Twitter zurück: „Abwarten, schmierige Schmierlappoiden aus dem Ekel-Koben von #fiesefriede Bekomm ich noch einen Wagner heute Abend?“ So geht es in die nächste Instanz. Und danach in nächste. Irgendwie wünscht man sich, dass alles schon vorbei wäre.

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Alle Kommentare

  1. Die Verlautbarungen von Alice Schwarzer in ‚Bild‘ (und vermutlich auch in ‚Emma‘) waren vor der Urteilsverkündigungen eindeutig. Tenor: Kachelmann ist schuldig. Basta! Mich haben die damaligen Meinungsäusserungen von Frau Schwarzer mehr als verwundert. Zeitweilig hatte ich den Eindruck, daß Frau Schwarzer beim Tathergang zugegen war. Wir können froh sein, daß Vorverurteilungen, wenn auch mit erheblicher Zeitverzögerungen ihren Preis haben. Für den Verlag Axel Springer sind die ‚Vergnügungs-Sekunden‘ abgelaufen – bitte zahlen sie den fälligen Betrag an der Kasse oder verzögern sie die Überweisung mit den Gang zur nächsten Instanz.

  2. Wenn Medien nur Informationen der (bösen, bösen!) Staatsanwaltschaft wiedergeben, welche Funktion füllen sie dann in unserer Gesellschaft (noch) aus? Das Kernproblem in dem Kachelmann-Fall und ähnlichen ist doch gerade die „Haftungsbeschränkung“: Wenn man eifrig daran mitverdienen kann, einem Menschen Schaden zuzufügen, und dann bei Gegenwehr den Verletzten auf die kaum antastbare Staatsanwaltschaft bzw. nicht hinreichend solvente „Zeugin“ verweist, kann man sich nur auf die Ehre /der Medien/ verlassen, dass sie dieses Geschäftsmodell nicht verfolgen, und die Erfahrung zeigt, dass es da zumindest keinen branchenweiten Konsens gibt.

  3. Also, ich glaube nach wie vor nicht, dass jene Frauen, die Herrn Kachelmann bis zum bitteren Ende dieser Affäre näher kannten – und davon gab es einige „berühmte“, soweit mir bekannt ist, wenngleich die sich nicht geoutet haben – die Anklageschrift als so „fehlgeleitet“ empfunden haben… Es ist nur so: Was sich zwischen zwei Menschen abspielt, lässt sich manchmal schlecht beweisen… Im Fall Karl Dall ist das Ganze gut ausgegangen – und zu recht, wie ich persönlich finde, weil ich diesen Herrn selbst schon interviewte, und er nicht zu missverstehen ist – im Fall Kachelmann bleibt der ewige „Zweifel“. Und der lässt sich auch mit hohen Schadenersatzsummen eben nicht mehr beseitigen…

  4. „Die Medien (nicht einmal die ARD, der das Ganze hochnotpeinlich war) hatten gar keine Möglichkeit, den Fall zu ignorieren.“

    Was Sie zum Ausdruck bringen möchte, geht so natürlich keinesfalls. 😉

    Die Verneinung der Möglichkeit hat ja noch gar nicht stattgefunden, als bereits die negierende Betonung in Klammern erfolgt. Streichen Sie zum Test „Die Medien“, sehen sie die doppelte Verneinung. Richtig könnte es lauten „Die Medien (einschließlich der ARD, der das ganze …) hatten gar keine Möglichkeit …“.

    Herzliche Grüße

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