Kultur in der Primetime: Der Trend geht zur Kunst als Castingshow

Matthias Kremin ist Kultur-Chef beim WDR Fernsehen.
Matthias Kremin ist Kultur-Chef beim WDR Fernsehen.

Wie können sich Kulturprogramme gegen große Shows, Sport oder Serien durchsetzen – auch in der Primetime? Matthias Kremin, Leiter Programmbereich Kultur beim WDR, ist sicher: Die Vermengung von Informationen und Emotionen ist der Schlüssel. International geht der Trend bei Kulturprogrammen währenddessen in Richtung einer alten Bekannten: der Castingshow.

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Was können Zukunftsstrategien für Kultur im Fernsehen sein? Was ist hochwertig und erfolgreich? Muss Kultur fürs Massenmedium immer leicht und seicht sein, und gibt es für Relevanz nur einen Platz in der Nische? Wie ermöglichen digitale Plattformen und soziale Netzwerke zusätzliche Verwertungsoptionen für das Genre und die Ansprache neuer und vor allem auch jüngerer Zielgruppen? Mit diesen Fragen setzten sich am Dienstag in Köln Medienmacher beim „Großen Culture Day“ auseinander. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Cologne Conference, dem internationalen Film- und Fernsehfestival Köln, und in Kooperation mit dem Westdeutschen Rundfunk statt.

Orientierung, Involvierung und Emotionalisierung

„Man muss ja schon froh sein, wenn ein Kulturprogramm vor Mitternacht startet“, sagte Matthias Kremin, der Leiter des Programmbereichs Kultur und Wissenschaft beim WDR in Köln, und stellte fest: „Um auch in der Primetime zu funktionieren, braucht Kultur im Fernsehen vor allem das Involvment der Zuschauer.“ Ansonsten folge die Berichterstattung nur dem Mainstream: zum Beispiel mit Dokumentation über die teuersten Kunstwerke oder die berühmtesten Maler. Zwar seien diese Service-Formate auch wichtig. „Natürlich liefern wir auch Orientierung“, betonte Kremin. Doch oftmals fehle der emotionale Zugang. „Ohne Emotionalität wird ein Film die Zuschauer niemals derart begeistern, dass sie auch nach 23.00 Uhr noch wach bleiben.“ Emotionalisierung, Orientierung – allerdings mit dem Zusatz-Gebot „Du sollst nicht langweilen“ – und Involvierung sind für ihn die drei wichtigsten Zutaten für erfolgreiches Kulturfernsehen.

Internationaler Trend: Kunst in großen Talent- und Castingshows

Wie Kultur im Fernsehen – auch in der Primetime – erfolgreich funktionieren kann, zeigte Betrand Villegas, Co-Founder von The Wit, Gèneve. Er gab am Dienstag einen Überblick über internationale Formate, bei denen sich ein deutlicher Trend abzeichnete. Immer mehr Fernsehsender würden versuchen, Kunst in ihrem Programm unterzubringen, sagte Villegas. Und dabei setzen sie auf Altbewährtes: Talent- beziehungsweise Castingshows. „Das Publikum ist fasziniert von diesen Shows und deshalb wird es sie auch noch lange geben“, erklärte Villegas. So entwickelte BBC Two zum Beispiel das Format „Maestro“, in dem acht Prominente, die klassische Instrumente beherrschen, gegeneinander antreten, um den Platz in einem berühmten Orchester zu ergattern. „Diese Sendung hat jede Zutat einer Castingshow“, so Betrand Villegas. Natürlich auch den einen Satz, den jeder Castingshow-Zuschauer kennt: „Es kann nur einen Maestro geben.“ Das Format lief erstmals im August 2008 in Großbritannien und wurde mittlerweile in Norwegen, Schweden und Dänemark adaptiert. Ein anderes Beispiel ist die französische Sendung „Prodigies“, in der ausschließlich Kinder antreten und die prinzipiell genauso funktioniert wie „Das Supertalent“. Die Disziplinen sind hier jedoch klassische Musik und klassischer Gesang sowie Ballett. Die erste Staffel lief im Dezember 2014, eine zweite wurde nun von France 2 in Auftrag gegeben. „Jeder liebt es, Kindern dabei zuzusehen, wie sie Wunderbares erreichen.“

Mit „Supernerds“ von der Theaterbühne auf den Fernsehschirm

Auch der WDR kann ein erfolgreiches Kulturformat aufweisen: das Transmedia Event „Supernerds“, ein interaktiver Überwachungsabend, bei dem der WDR seine eigenen Zuschauer durchleuchten ließ – mit deren Einverständnis. Dafür wurden ein Online-Spiel, eine Theaterinszenierung, das Fernsehen und das Internet verknüpft. „Das war ein Mammut-Projekt“, sagte Christian Wesener, der verantwortliche WDR-Redakteur über den Versuch, Theater ins Fernsehen zu übertragen – und das auch noch in der Primetime. Das Ziel der transmedialen Produktion: Überwachung spürbar zu machen. Dieses Thema komme trotz seiner Aktualität einfach nicht an die Leute heran, meinte Christian Beetz, der Geschäftsführer der zuständigen Produktionsfirma gebrueder beetz. „Wir haben es emotional spürbar gemacht, indem wir in die Wohnzimmer der Leute einrückten.“ Bei einem Spiel im Vorfeld wurden die Teilnehmer vier Wochen lang überwacht und bekamen außerdem SMS, Anrufe und Postkarten von einem geheimnisvollen Whistleblower. Die Reaktionen der Mitspieler seien vor allem bei Facebook und Twitter hoch emotional gewesen, erzählten Beetz und Wesener. Viele sind regelrecht panisch geworden, eine Person drohte sogar mit der Polizei.

Kulturelle Diskurse finden nicht mehr nur im Fernsehen statt

Für Matthias Kremin ist genau dieser Dialog mit dem Publikum von besonders hohem Wert. Auch weiß er: „Kulturelle Diskurse finden eben nicht mehr nur im Medium Fernsehen statt, sondern auch bei Instagram und Facebook. Wir müssen uns von dort Input holen und unsere Inhalte gleichzeitig auch hinbringen.“

Im Rahmen der großen WDR-Programmreform wurde ein neues wöchentliches Kulturmagazin entwickelt. Viel konnte Kremin bislang nicht verraten, doch er verkündete: „Wir werden versuchen, einen Hybrid herzustellen aus Berichterstattung, Performance und langen Gesprächen.“ Dafür hat der WDR jeden Montag 80 Minuten Sendezeit – in die Primetime hat das Format es jedoch nicht geschafft. Es läuft wieder erst nach 22.00 Uhr.

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