RTL-Programmchef Frank Hoffmann: „Den Finger in Wunden zu legen, zählt zu unserem journalistischen Selbstverständnis“

RTL-Geschäftsführer Frank Hoffmann
RTL-Geschäftsführer Frank Hoffmann

Am Donnerstagabend hat RTL in Hamburg seine Programmhighlights der kommenden Monate vorgestellt. Mit MEEDIA sprach Programmgeschäftsführer Frank Hoffmann über die Erwartungen an den großen Serien-Event "Deutschland 83", über die Strategie der Eventisierung und über die Bedeutung investigativer Formate für den Privatsender.

Anzeige

Man hat gemunkelt, Sie könnten die ersten beiden Folgen „Deutschland 83“ nahezu mitsprechen.
Noch nicht ganz. Zwar habe ich „Deutschland 83“ tatsächlich schon mehrfach gesehen, aber ich finde immer wieder neue Details, die mir sehr gefallen. Ganz sicher werde ich mir alle Folgen noch einmal anschauen, wenn sie bei RTL laufen. Denn das heimische Sofa und gute Programme sind immer noch die beste Kombination.

Wie wichtig ist die Serie als Event für RTL?
Deutschland 83 ist für RTL genauso wichtig wie auch andere Programmevents. Wir möchten zusätzliche Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit gewinnen, um ideale Voraussetzungen zu schaffen für weitere fiktionale Produktionen. Das primäre Ziel ist natürlich, möglichst viele Menschen vor den Fernsehern zu versammeln.

Wie wird denn der Event „Deutschland 83“ aussehen, senden Sie am Stück?
Wir strahlen über vier Wochen hinweg immer donnerstags eine Doppelfolge um 20.15 Uhr aus. Damit tragen wir dem Trend von Binge-Watching zumindest im Ansatz Rechnung.

Wie wird „Deutschland 83“ im Netz stattfinden, gilt online first?
Wir haben uns gegen online first entschieden und werden die Folgen Woche für Woche nach Ausstrahlung ins Netz stellen. Alles andere würde nicht dem Wunsch entsprechen, ein TV-Event zu setzen, was bei Live-Programmen natürlich viel einfacher ist. Bei einem großen Fußballspiel stellt sich viel leichter das Gefühl ein, heute einschalten zu müssen, um morgen mitreden zu können. Wir werden die Folgen jedoch im Netz nach Ausstrahlung über die gesamte Staffel hinweg stehen lassen, damit auch ein späterer Einstieg jederzeit möglich ist. Bei anderen Programmen werden wir vielleicht experimentierfreudiger sein.

Wieso bei diesem nicht?
Auf „Deutschland 83“ lasten schon jetzt besonders hohe Erwartungen, weil die Serie durch unsere Kollegen von FremantleMedia bereits in die USA verkauft wurde, wo sie auch schon gelaufen ist. Das war Kalkül, weil wir sehr von der Serie überzeugt sind und uns erhoffen, dass die Begeisterung von Übersee nach Deutschland schwappt. Die Ausstrahlung bei RTL darf aber nicht ihre Exklusivität verlieren. Deshalb haben wir anderen Ländern nicht erlaubt, vor uns zu starten.

Wird das lineare Fernsehen in Zeiten von Video on demand immer mehr auf die Eventisierung angewiesen sein?
Hinter Events steckt immer die Idee, das viel zitierte Lagerfeuer anzuzünden, um das sich dann möglichst viele Menschen versammeln. Wir möchten so RTL über das ganze Jahr hinweg ins Gespräch bringen. Eine wichtige Zutat sind die Fußball-Übertragungen. Mit mehr als zwölf Millionen Zuschauern sind sie unsere größten Live-Programme.

Hat RTL hier vom Sport gelernt?
Fiction und Sport sind zwei unterschiedliche Genres mit eigenen Gesetzmäßigkeiten. Und auch beim Sport lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Nur wenige Sportarten haben das Potential, Massen zu begeistern. Boxen per se ist zum Beispiel kein Reichweitengarant. Allein Wladimir Klitschko schafft es, zehn Millionen Zuschauer zu begeistern.

Wenn das so ist, haben Sie doch sicher ein großes Interesse daran, dass die National-Elf zukünftig noch öfter bei RTL aufläuft.
Die Kollegen der Öffentlich-Rechtlichen haben gerade ja einen beeindruckenden Bedarf angekündigt – sie fordern eine gute Milliarde Euro für Sportrechte. Da wird schnell klar, dass andere mit ihren Mitteln – also ohne Gebührengelder – kaum mithalten können. Wir fokussieren erstmal das, was wir derzeit im Programm haben.

Mal abgesehen vom Geld ist auch die Akzeptanz des Zuschauers wichtig. Einige Zuschauer haben sich auch über unglückliche Werbeprogrammierung geärgert. Ist RTL bereit, sich hier zurückzunehmen?
Die Frage ist leicht zu beantworten. Sportrechte sind exorbitant teuer, es ist schon jetzt kaum möglich, Sport mit Werbung zu refinanzieren. Insofern müssen wir die Möglichkeiten, die sich bieten, auch ausschöpfen. Während eines Fußballspiels ist das nun mal die Halbzeitpause.

Nachrichten und Journalismus – auch ein interessantes Thema in Ihrem Programm. In Ihrer Pressemitteilung habe ich oft das Adjektiv „investigativ“ gelesen. Wie wichtig ist investigativer Journalismus bei RTL?
Der war für RTL schon immer wichtig. Mit Günther Wallraff oder auch Jenke von Wilmsdorff haben wir Formate im Programm, die uns zusätzliche Glaubwürdigkeit bringen. Wir finden, dass diese Programmfarbe sehr gut zu RTL passt. Den Finger in Wunden zu legen, zählt aber auch zu unserem journalistischen Selbstverständnis. RTL steht neben der Unterhaltung auch für Information, die wir werktäglich mit immerhin mehr als fünf Stunden live im Programm haben.

Für neue Formate mit investigativen Anspruch haben Sie Sendergesichter und auch Comedians verpflichtet. Inwiefern passen Mirja Boes und investigativer Journalismus zusammen?
Es geht bei Formaten wie „Der Reisechecker“ mit Joachim Llambi oder „Der nächste bitte!“ mit Mirja Boes nicht um klassischen Investigativ-Journalismus, sondern darum, Ärgernisse und Ungereimtheiten mit einem Augenzwinkern aufzugreifen. Mit dem Thema Steuerverschwendung hätten wir niemals so viele Menschen erreicht, wenn wir es nicht mit einer gewissen Leichtigkeit bei „Mario Barth deckt auf“ ins Programm gebracht hätten. Manche Themen vertragen diese Herangehensweise natürlich nicht, das steht außer Frage.

Sie wollen ihre Korrespondentennetz ausbauen, ihre Newsformate arbeiten mit dem Recherche-Netzwerk Correctiv zusammen, mit stern Crime wird es ein Dokuformat geben und auch Events werden dokumentarisch begleitet. Sie selbst haben vorher als Journalist gearbeitet. Sind Journalismus und Information Ihre Handschrift?
Es geht ja nicht um mich, sondern um die Bedürfnisse unserer Zuschauer. Wir haben das Gefühl, dass die bloße Nachricht für einen TV-Sender an Wert verloren hat, weil sie jederzeit und überall verfügbar ist. Einordnung jedoch ist wichtiger denn je, und dafür braucht man mehr Sendezeit.

Wird RTL ernster?
Das würde ich so nicht sagen. Denn wir haben viele reine Unterhaltungsprogramme. Und das ist auch gut so. In der Fiction lassen sich mit realen Ereignissen aber schneller Themen setzen. Nehmen wir das Beispiel unseren Spielfilm „Costa Concordia“. Hier entstehen sofort Bilder im Kopf der Zuschauer. Denn wir haben alle noch die Nachrichten-Bilder vom halbgesunkenen Kreuzfahrtschiff vor Augen. Was auf dem Schiff vorher passierte, wissen wir aber nicht so genau. Das können wir mit Hilfe eines Filmes gut erzählen, und mit einer anschließenden Dokumentation zusätzlich einordnen.

Sie haben heute gar nichts zum Vormittag gesagt. Was wird bei dieser Baustelle, die auch Ihre Konkurrenten haben, passieren?
Hier müssen wir weiter ausprobieren, denn mit dem Status quo sind wir nicht zufrieden. Unsere Redaktions-Teams haben schon bei „Punkt 12“ bewiesen, dass sie es immer wieder schaffen, die Sendung für unsere Zuschauer noch interessanter zu machen. Das wird ihnen bestimmt auch mit unserer Frühschiene gelingen.

Im Vorabend haben jüngst die Kollegen von Sat.1 gelernt, dass Telenovelas oder Soaps mittlerweile vielleicht aus der Zeit gefallen sind. Bei Ihnen ist das Programm seit Jahren konstant. Wird sich daran bald etwas ändern?
Sie sprechen hier eine große Qualität von RTL an. Denn es wird immer schwieriger, neue, starke Marken zu etablieren. Deshalb werden wir unsere Vorabendserien auf keinen Fall in Frage stellen. Wir arbeiten ständig daran, sie lebendig zu halten. Soaps wie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ und „Alles was zählt“ entwickeln wir immer weiter – mit neuen Geschichten und neuen Protagonisten.

Wenn wir über Marken und Protagonisten sprechen, betrifft dies auch Gesichter, die den Sender seit Jahrzehnten begleiten – Frauke Ludowig, Birgit Schrowange, Peter Kloeppel werden nicht ewig weiter machen. Wie wichtig sind diese Protagonisten und wer macht in ein paar Jahren den Kloeppel?
Ich bin glücklich darüber, dass die von Ihnen genannten Moderatoren allesamt große Lust haben, unser Programm weiter mitzugestalten und vor der Kamera zu bereichern. Auf der einen Seite möchten wir den Zuschauern, die mit unseren Moderatoren älter geworden sind, weiterhin Vertrautheit und Verlässlichkeit bieten. Auf der anderen Seite bauen wir eine zweite Reihe auf. Bei „Exclusiv“ mit Bella Lesnik, die wir vom WDR gewinnen konnten, beim „Nachtjournal“ steht Maik Meuser vor der Kamera – ein hervorragender Journalist und Moderator. In der Fiction setzen wir ebenfalls auf junge Talente – mit Schauspielern wie Picco von Grothe oder Steve Windolf (beide „Starfighter“), Ludwig Trepte oder Jonas Nay (beide „Deutschland 83“).

Mit Blick auf die Shows werden Sie mit „500 Questions“ auch ein neues Quiz-Format ins Programm holen, für den Sie noch keinen Moderator gefunden haben. Sie haben in Ihrer Präsentation gesagt, dass Sie keine Konkurrenz zu Günther Jauch schaffen wollen. Suchen Sie trotzdem schon das neue „WWM“?
„Wer wird Millionär?“ ist nach wie vor ein wunderbarer Erfolg. Wir sind gerade mit mehr als fünf Millionen Zuschauern in die neue Season gestartet und mit den Specials holen wir regelmäßig über sechs Millionen. Deshalb spricht nichts dagegen, zwei Quiz-Shows im Programm zu haben.

Sind Sie glücklich darüber, dass Günther Jauch seinen ARD-Talk abgeben wird?
Das hat ja nicht so viel mit uns zu tun.

Wieso nicht? Sie mussten sich in den vergangenen Jahren das Sendergesicht teilen.
Ich finde es toll, dass er weiterhin bei uns im Programm bleibt.

 

 

 

 

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige