85 Jahre Weltkunst: „Manche Artikel könnte man heute noch drucken“

Weltkunst-Führungsduo Natalie Senden (l.) und Lisa Zeitz: „Geschichten, die man bei einer dampfenden Tasse Tee auf dem Sofa lesen kann“
Weltkunst-Führungsduo Natalie Senden (l.) und Lisa Zeitz: "Geschichten, die man bei einer dampfenden Tasse Tee auf dem Sofa lesen kann"

Vor 85 Jahren wurde Weltkunst gegründet, das Kunstmagazin des Zeit-Verlags. Im MEEDIA-Interview sprechen Chefredakteurin Lisa Zeitz und Geschäftsführerin Nathalie Senden über die Jubiläumsausgabe, die strategische Weiterentwicklung der Marke und redaktionelle Credo "Ohne Arroganz und mit viel Hingabe".

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MEEDIA: Frau Zeitz, was muss ein Kunstmagazin 2015 leisten, um Bestand zu haben?

Zeitz: Die Kunst ist voller Geschichten und diese Geschichten muss man gut erzählen können. Es gibt neben den vielen Kunstinteressierten auch ästhetisch interessierte Menschen, die den Zugang zur Kunst noch suchen. Auch für diese Leute müssen wir ein gutes Medium sein. Ohne Arroganz und mit viel Hingabe. Und natürlich mit Fachkenntnis.

MEEDIA: Und auf geschäftlicher Ebene, Frau Senden?

Senden: Ein hochqualitatives, redaktionelles Umfeld bieten, das Premium-Marken anspricht – besonders die Luxusbranche entdeckt immer mehr den Kultur- und Kunst-Bereich für sich. Wir bieten mit unserer anspruchsvollen Leserschaft aber nicht nur für Luxusmarken, sondern auch für den Kunsthandel und Auktionshäuser die perfekte Zielgruppe.

MEEDIA: Verdienen Sie nur mit Anzeigen?

Senden: Wir verfolgen ein Drei-Säulen-Konzept: Neben den Anzeigen haben wir noch die Lesermarkterlöse und Corporate-Publishing-Produkte, die wir vor allem für internationale Museen und Ausstellungen realisieren. Im Holtzbrinck-Verbund haben wir den Vorteil, dass wir eine besonders hohe Reichweite anbieten können. Die Beilagen, die wir produzieren, können nicht nur in der Zeit, sondern auch dem Handelsblatt oder dem Tagesspiegel beiliegen.

MEEDIA: Wie viele Leser erreichen Sie so maximal?

Senden: Wenn ein Kunde alles belegt, knapp drei Millionen. Das ist natürlich eine Kraft, die kein anderer Verlag im Kunstsegment realisieren kann.

MEEDIA: Die Weltkunst fährt in letzter Zeit zweigleisig: Einerseits wird durch Sonderausgaben, wie aktuell die Jubiläumsausgabe, der Sammlerwert erhöht, andererseits wird mit Akquisitionen wie der des Kunstkompass‘ auch das Service-Angebot erweitert.

Zeitz: Ich sehe da keinen Widerspruch. Wir bemühen uns, in jedem Heft Service zu bieten. Zum Beispiel mit unserer Rubrik Sammlerseminar. Damit sollen sich auch Anfänger im Kunsthandel weiterbilden können.

Senden: Die Strategie, die dahinter steckt, ist keine zweigleisige, sondern eine eindeutige: Ein breites Spektrum abbilden.

Zeitz: Ich habe immer gerne Geschichten im Heft, die man bei einer dampfenden Tasse Tee auf dem Sofa lesen kann. Und andere Elemente im Heft haben dann eben Nutzwert-Charakter. Ein Magazin ist ja geradezu dafür gemacht, diese unterschiedlichen Bedürfnisse abzudecken.

MEEDIA: Was kommt denn besser beim Leser an?

Zeitz: Wozu es mehr Feedback gibt, könnte ich gar nicht sagen. Wir machen gerade eine Serie zu den schönsten Liebesgeschichten in der Kunst. Da gab es unglaublich gutes Feedback: „Das ist doch schön, die Kunstgeschichte mal so zu sehen“. Auf der anderen Seite fand auch der Kunstkompass, den wir dieses Jahr veröffentlicht haben, ein sehr großes Echo.

MEEDIA: Und was kommt besser bei den Anzeigen-Kunden an?

Senden: Die Anzeigenvermarktung verläuft nicht so inhaltegetrieben. Wir geben unseren Kunden das Versprechen, dass sie zwölfmal im Jahr und in den Sonderheften ein hochwertiges redaktionelles Umfeld bekommen. Uns kommt es auf die qualitative Kontinuität an, anstatt themengetrieben Anzeigen zu verkaufen.

weltkunst_20150924_coverMEEDIA: Wenn Sie Sonderausgaben machen wie zuletzt über die Kunststadt Hamburg: Merken Sie das bei den Verkaufszahlen, bei den Abos?

Senden: Im Abonnement haben wir in den letzten Jahren kontinuierlich eine sehr schöne Entwicklung realisiert mit überdurchschnittlichen Wachstumsraten. Aber der Einzelverkauf ist natürlich die Währung, an der wir erkennen können, ob das Thema funktioniert hat. Da erzielen wir unterschiedliche Ergebnisse, aber speziell unsere Regionalausgaben wie das Berlin-Heft oder das Hamburg-Heft geben uns allen Grund, so etwas weiter auszubauen.

MEEDIA: Der Kunstmarkt ist bisher wenig von der Digitalisierung betroffen, viel weniger als die Medienbranche. Wenn man sich Ihre Website ansieht, folgen Sie eher dem Kunstmarkt …

Zeitz: Die aktuelle Website ist ein Platzhalter, ja.

Senden: Da haben wir gar keine Scham zu sagen: Das ist eine Präsenz, mehr aber auch nicht. Wir haben uns eben in den letzten Jahren auf Print konzentriert und uns in Redaktion und Verlag personell neu aufgestellt. In dieser Zeit ging es vor allem darum, uns an den beiden Standorten (Hamburg und Berlin) zu konsolidieren. Jetzt steht aber der Ausbau der Website an.

MEEDIA: Gibt es schon einen konkreten Plan?

Senden: Wir arbeiten auf Hochtouren am digitalen Auftritt, der für Januar 2016 geplant ist. Der neue Auftritt soll unsere drei publizistischen Kernmarken vereinen: die Weltkunst, die Fachpublikation „Kunst und Auktionen“ und den Ausstellungskalender „KQ“.

MEEDIA: Geht es um einen inhaltlichen Webauftritt oder soll es auch zum Beispiel ums Verkaufen von Kunst gehen?

Senden: Erstmal rein inhaltlich, vielleicht kommt das mit dem Verkaufen später noch hinzu.

MEEDIA: Hat das Internet denn auch einen Einfluss auf die Inhalte?

Zeitz: Traditionell sind sehr viele Sammler unter unseren Lesern. Im Kunstmarkt wird immer mehr digital verkauft, früher war das ein reines Handshake-Business, heute gibt es dank des Internets mehr Transparenz, man kann die Auktionsergebnisse einfach online abfragen. Diese Entwicklung muss begleitet werden und wird in der Zukunft noch eine größere Rolle spielen, auch online. Aber: Ich glaube an Print, und Print wird unser Schwerpunkt bleiben.

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MEEDIA: Am 28. September wird Weltkunst 85 Jahre alt. Was fällt an den alten Ausgaben auf?

Zeitz: Was mir besonders gefällt, ist die Internationalität damals, da steht schon oben im Titel „Art of the World“ und „Monde des Arts“, und es gab Artikel in englischer Sprache. Darum hat man das Heft damals ja auch „Weltkunst“ genannt, man wollte die Kunst aller Erdteile zeigen. Wenn man daran denkt, was nur drei Jahre später (1933) passierte, ist das besonders beeindruckend.

MEEDIA: Wie stark war die „Weltkunst“ von der Gleichschaltung betroffen?

Zeitz: Die Nazis erkannten natürlich, dass Weltkunst das wichtigste Kunstmedium war und so wurde es auch gleichgeschaltet.

MEEDIA: Wie lange bestand die Redaktion dann noch?

Zeitz: Bis 1944, da wurde sie ausgebombt und danach ist das Heft nur noch für kurze Zeit außerhalb von Berlin erschienen. Ab 1949 erschien die Weltkunst dann für einige Jahrzehnte von München aus.

MEEDIA: Wenn man die beiden Ausgaben nebeneinander legt: Was hat sich am meisten verändert?

Senden: Der offensichtlichste Unterschied ist, dass es sich von einer Zeitschrift zum Magazin weiterentwickelt hat. Früher ist die Weltkunst jede Woche erschienen, jetzt ja nur noch monatlich.

Zeitz: Auch die Inhalte sind magaziniger geworden. Größere Portraits zum Beispiel, wie wir sie heute oft im Heft haben, wurden damals nicht veröffentlicht.

MEEDIA: Gab es denn überhaupt Lesestücke?

Zeitz: Ja, die gab es. Ich habe gerade erst einen Artikel von 1931 gelesen, in dem es um die außereuropäische Kunst in der Sammlung „Von der Heydt“ in Wuppertal ging. Manche Artikel könnte man heute noch drucken. Darum legen wir der Jubiläumsausgabe (seit 24.9. am Kiosk) ja auch ein Faksimile der Erstausgabe bei.

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