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“Nackte Katze auf die Drei!” – das Periscope Live-Experiment der Bild als Einladung an ihre Kritiker

Bild-Babo Kai Diekmann live bei Periscope
Bild-Babo Kai Diekmann live bei Periscope

Bild und Periscope - das war Liebe auf den ersten Klick. Keine andere Redaktion in Deutschland nutzt die Live-App von Twitter derart konsequent und klug wie Springers Boulevardmarke. Höhepunkt ist der heutige Periscope-Tag, bei dem 24 Stunden lang der Redaktionsalltag bei der Bild gesendet wird. Das Experiment ist technisch und imagemäßig ein voller Erfolg.

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Zunächst zur Technik: Die verschiedenen Live-Übertragungen aus der Bild-Zentrale in Berlin und von Außenreportern klappen erstaunlich gut. Nur mit Smartphones bewaffnet lässt sich ein flüssiger 24-Stunden-Live-Marathon inszenieren. Was für eine radikale Vereinfachung der Sende-Technik! Das Bild-Experiment führt die technischen Möglichkeiten von Apps wie Periscope vor. Dass hier und da auch mal etwas nicht funktioniert: geschenkt. So brach leider die Übertragung eines Interviews von Chefreporter Paul Ronzheimer mit dem Vater des toten Flüchtlingsjungen Aylan immer wieder ab. Der Grund war schlechtes WLAN in Kurdistan, wie Bild.de-Chef Julian Reichelt zwischendurch informierte. Solche Situationen lassen sich live  nun mal nicht vermeiden.

Neben dem Technik-Aspekt geht es der Bild erklärtermaßen um Transparenz. Der Wunsch nach Transparenz dürfte auch an der jüngst immer schriller gewordenen Kritik an der Bild-Zeitung liegen. Bild-Chef Kai Diekmann hatte in einem Tweet dem FC St. Pauli unterstellt, nichts für Flüchtlinge tun zu wollen, weil der Fußballclub die Bild-Kampagne “Wir helfen” nicht unterstützen wollte.

Der Tweet löste eine beachtliche Wutwelle gegen Diekmann und die Bild im Social Web aus, zeitweise war der Hashtag #Bildnotwelcome Trending Topic bei Twitter. Der Periscope-Tag ist nun eine Einladung an Leser und, wie Reichelt auch selbst sagte, an Kritiker, hinter die Kulissen der Zeitung zu schauen. Nach dem Motto: Wer die Leute hinter der Marke Bild sieht und feststellt, dass da – huch! – gar keine Teufel, sondern ganz normale Menschen ihre Arbeit tun, der wütet vielleicht auch im Internet nicht mehr gar so arg. Die Abneigung gegen Bild mag sich zwar auf gewisse Kreise beschränken, die vor allem im Internet und im Social Web als Meinungsführer unterwegs sind. Und da Social Media längst kein Nischen-Phänomen mehr ist, sind solche Stimmungsbilder auch für eine Medienmarke wie Bild, die nicht zuletzt von der breiten Akzeptanz in der Bevölkerung lebt, sehr wichtig.

Man muss bei dem Periscope-Tag natürlich einpreisen, dass da nun eine Kamera läuft und selbstverständlich werden sich auch Bild-Mitarbeiter jenseits einer Live-Sendung anders äußern als on air. Aber das gilt prinzipiell für jeden Menschen. Man kann sich aber auch nicht komplett verstellen. Die Live-Übertragungen der Chefredaktionskonferenz und der großen Konferenz mit Blattkritik (darf immer nur sieben Minuten dauern!) wirkten jedenfalls nicht wie inszenierte Show-Veranstaltungen. Als Zuschauer sah man eine große Redaktion, die professionell durch die Themen des Tages hechelte, auch mal einen Witz machte und bemüht war, eine erste Themenmischung für die Ausgabe des kommenden Tages zusammenzustellen. Boticelli-Ausstellung in Berlin? VW auf die Eins aber mit welcher Zeile? Die nackte Katze auf die Drei!

Diekmann – ganz der Silberrücken – verteilte Arbeit in Form von rosa Klarsichtmappen und las später in seinem Büro ein paar Hass-Tweets gegen sich selbst wegen der St-Pauli-Sache vor: “Was ist der Unterschied zwischen einem Eimer Scheiße und Diekmann? Antwort: der Eimer.” Verhaltenes Lachen der Kollegen. Ja, die Bild könne auch ungerecht sein und laut und unfair und Schlagzeilen können wehtun, sagte Diekmann. Und wer austeile, der müsse auch einstecken können. Als letzte Reaktion auf den St.-Pauli-Tweet machte sich Diekmann dann den Text der Presseerklärung des VfL Bochum zu eigen, dessen Trainer Bild-Leute gerade unflätig beschimpft hatte. Für die Kraftausdrücke entschuldige er sich, in der Sache gebe es nichts zurückzunehmen.

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Es gilt als gesicherte Erkenntnis, dass Vorurteile und Ressentiments oftmals aus einem Mangel an Informationen und Kommunikation entstehen. Für den einen oder anderen Online-Nutzer mag es daher vielleicht beim Anschauen des Bild-Periscope-Experiments überraschend sein, dass die Bild-Redaktion nicht aus einem Haufen bösartiger Vollidioten besteht, wie man bei fleißiger Lektüre des Bildblog oder von Twitter manchmal den Eindruck gewinnen könnte.

Aber -ja – auch heute schlägt die Bild noch über die Stränge, veröffentlicht Falsches, ist polemisch und manchmal verletzend. Dass dies kritisiert wird, ist gut und richtig und wichtig. Man kann der Bild und ihren Machern allerdings nicht nachsagen, dass sie einer Diskussion ausweichen würden und die Kommunikation und Konfrontation scheuen.

Den Periscope-Tag der Bild kann man – neben dem allgemeinen PR-Effekt und einem tatsächlich lehrreichen Einblick in die Arbeitsweise einer so großen Redaktion – als eine Einladung der Bild an ihre Kritiker verstehen, in den Dialog zu treten. Wenn sie es ernst meinen mit ihrer Kritik, sollten sie diese Einladung annehmen.

Unter @Bild bei Twitter kann man den Periscope-Tag der Bild-Zeitung weiter verfolgen.

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Alle Kommentare

  1. Oh je, ich habe noch nicht recherchiert, aber gehört MEEDIA auch zu Springer? Das ist ja ganz furchtbar, wie hier dem Diekmann und diesem Boulevardblättchen in den Allerwertesten gekrochen wird.

  2. Schwacher Beitrag und mehr als PR für Springeraktion ist diesem nicht zu entnehmen. Beispiel: „Die Abneigung mag sich zwar auf gewisse Kreise beschränken, die vor allem im Internet und im Social Web als Meinungsführer unterwegs sind“ – Ist das eine Bewerbung oder Realitätsverweigerung? Fragt mal z.B. die ganzen Fußballfans von Nürnberg über Paderborn, zu Hamburg etc., ob sie Meinungsführer im „Social Web“ sind. Zudem hätte mal gefragt werden sollen, ob Diekmann seine eigene Hass-PR vorliest.

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