Im PR-Dunst von Dieselgate: VW und die hohle Phrase vom “Vertrauen”

Vertrauen verspielt: VW-Chef Martin Winterkorn
Vertrauen verspielt: VW-Chef Martin Winterkorn

Mitten im Dunst des Dieselgate-Skandals präsentierte Volkswagen in New York das neue 2016er Modell des Passat mit Rockstar Lenny Kravitz. Die Produktpräsentation muss für die Beteiligten die Hölle gewesen sein. Auch dort fiel wieder das V-Wort (Vertrauen), mit dem die PR-Strategen von VW den jahrelangen, systematischen und kriminellen Betrug an Kundschaft und Öffentlichkeit offenbar schönreden wollen. Ein PR-Fiasko vom kaum vorstellbaren Ausmaßen nimmt seinen Lauf.

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Lenny Kravitz trällerte “I want to get away, I wanna fly away” und dürfte damit das vorherrschende Gefühl bei der VW-Präsentation des neuen US-Passat in New York gut getroffen haben. Die Veranstaltung fand auch noch im Duggal Greenhouse statt, einer neuen Veranstaltungshalle, die besonderen Wert auf ihre Öko-Bilanz und Energie-Effizienz legt. Volkswagen (Noch)-US-Chef Michael Horn gab ein komplettes Schuldeingeständnis ab:  “Wir haben völlig versagt.“ Die USA seien „sehr wichtig für uns“, Volkswagen wolle „das Vertrauen der Amerikaner wieder gewinnen“ und man wolle „zahlen, was zu zahlen ist“. So wird Horn vom Handelsblatt zitiert.

Die Worte des US-Chefs sind ähnlich wie jene des großen Vorstandschefs aus Germany, Martin Winterkorn. Der “bedauerte persönlich”, dass die von ihm geführte Firma Kunden und Öffentlichkeit über Jahre hinweg mit großer krimineller Energie betrogen hat. Auch Winterkorn sprach vom “Vertrauen”, das es wiederherzustellen gelte. Das V-Wort ist in der Krisenkommunikation von VW nun offenbar der Begriff der Stunde.

Auch der niedersächsische Verkehrsminister Olaf Lies (SPD) redete im Interview mit dem Deutschlandfunk mehrfach vom “Vertrauen”, das es wieder zu gewinnen gelte. Der Interviewer des Deutschlandfunks hielt dem Politiker nicht zu Unrecht vor, er klinge wie eine Mischung aus Betriebsrat und PR-Mitarbeiter von Volkswagen. Man darf ja nie vergessen, dass das Land Niedersachsen mit 20 Prozent wichtigster Aktionär von Volkswagen ist. Der Konzern hat in Niedersachsen sogar ein eigenes Gesetz, das unfreundliche Firmenübernahmen praktisch unmöglich macht: das so genannte VW-Gesetz. Eine ziemlich einmalige Sache in einem Land, in dem angeblich die Marktwirtschaft gilt.

VW-Betriebsratchef und Aufsichtsrat Bernd Osterloh ist auch bemüht, dass man das “Vertrauen” ganz schnell wieder zurückgewinnt. Was auch sonst? Noch im Juli 2015 war VW in einer Studie von MDR-Werbung und dem IMK Institut für angewandte Marketing- und Kommunikationsforschung als vertrauenswürdigste Automarke in Deutschland identifiziert worden, vor Mercedes und BMW. Damit dürfte es erstmal vorbei sein.

Es ist ohnehin recht bemerkenswert, wie schnell die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft von Vertrauen faseln, das doch gerade so spektakulär an die Wand gefahren wurde. Da betrügt eine Firma über Jahre hinweg mit großem technischen Aufwand systematisch ihre Kunden und die Öffentlichkeit und wird dabei erwischt. Zur Erinnerung: Niemand bei Volkswagen war auf die Idee gekommen, dass die Sache mit dem Abgas-Schwindel keine gute Idee sein könnte. Hätten us-amerikanische Behörden den Betrug nicht aufgedeckt, hätte VW im Greenhouse in New York den neuen Passat Diesel als umweltfreundliches Wundermobil präsentiert und davon schwadroniert, dass man bis 2018 das umweltfreundlichste Autohaus der Welt werden wolle.

Dieses Green-Image wurde als dreister Betrug entzaubert und die staunende Öffentlichkeit rätselt natürlich, ob da nicht noch viel mehr im Argen liegt im Auto-Wunderland. Bezeichnend war die erste Stellungnahme von Daimler-Chef Dieter Zetsche, der zu Protokoll gab, eine “grobe Vorstellung” davon zu haben, worum es geht und der “davon ausgeht”, dass sein Unternehmen die Gesetze “sowohl dem Buchstaben nach als auch dem Sinne nach” einhält. Für eine “finale Aussage” sei es aber freilich zu früh. Mit anderen Worten: Kann sein, dass wir auch betrügen. Kann sein, dass nicht. Man weiß es nicht so genau. Was für ein Armutszeugnis für Deutschland Vorzeige-Industrie. Es ist wohl wirklich dringend an der Zeit, dass Abgaswerte branchenweit neutral und extern geprüft werden. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) erinnert anlässlich der VW-Affäre daran, dass er schon lange kritisiert, dass Abgaswerte vieler Fahrzeuge in der Praxis deutlich überschritten werden. Das Dieselgate von VW gibt den Naturschützern Recht in ihrer Kritik.

Nun wäre wichtig, dass Medien und Politik nicht in den leidigen Reflex des Wegschauens und Schönredens verfallen, wie es Volkswagen gerade vorgibt. Die Dieselgate-Affäre von VW ist für alle Beteiligten unbequem. Es ist immer schlecht, wenn sich ein Mitglied der Familie als schwarzes Schaf entpuppt, in diesem Fall sogar rußschwarz. Die ersten Wortmeldungen aus der Politik, vom niedersächsischen Verkehrsminister und von Bundes-Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), lassen in dieser Richtung wenig Gutes erwarten. Man hockt ja selbst in den Aufsichtsräten der Autofirmen und hat verpennt, hier und da mal genauer hinzuschauen.

Die Autobranche ist außerdem die deutsche Schlüsselindustrie schlechthin. Da hängen Exporte dran, Arbeitsplätze und unser schönes Bruttosozialprodukt. Dieselgate rüttelt am Selbstverständnis der deutschen Wirtschaft und des deutschen Ingenieurwesens, gerade weil es sich nicht um Schlamperei oder “Fehler” handelt, sondern um kriminellen Betrug. Die Medien sitzen in zweiter Reihe auch mit im Boot. VW ist großer Werbekunde auf allen Kanälen, Autojournalisten jetten auf Konzernkosten gerne zu Präsentationen.

Wenn es gut läuft, hat das Dieselgate von VW einen reinigenden Effekt sowohl für die Motoren als auch für das Verhältnis zwischen Industrie, Politik und Medien. Von Vertrauen zu reden, ist jedenfalls reichlich verfrüht. Das Vertrauen erst einmal weg. Nun muss aufgeklärt werden und es müssen Konsequenzen her, auch personelle bei VW. Danach können neue Verantwortlich das V-Wort wieder in den Mund nehmen. Nicht vorher.

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Alle Kommentare

  1. Offensichtlich hat es alle PR-relevanten Mitarbeiter ziemlich kalt erwischt. Dass getrickst wurde und wird, war wohl vielen seit langem bekannt, wurde jedoch verdrängt („Machen doch alle. Wie sollen die Motoren denn noch Leistung bringen bei solchen Grenzwerten. Da muss man ja nachhelfen.“).
    Warnende Stimmen hat es gegeben; aber im Zuge der hierarchischen Abstimmungsprozeduren zerbröselte die Akzeptanz ihrer Relevanz. Angesichts des Ausmaßes des Desasters gibt es allerdings keinen Anlass für Schadenfreude. Alles sehr bedauerlich.

  2. Mein Vorschlag für VW nach diesem Desaster: Schwenkt endlich um und stürzt Euch auf E-Antriebe. Bislang wird das nur halbherzig betrieben, weil man ja mit dabei sein muss. Wenn VW aber jetzt groß verkünden würde: Wir haben Mist gebaut und deswegen richten wir unsere Strategie neu auf Elektroantriebe aus – dann würde dieser Markt den Impuls bekommen, den er verdienen würde!

    Dazu würde dann auch gehören, dass VW Geld in die Hand nimmt, um für eine Ladeinfrastruktur zu sorgen. Tesla macht es (als kleine Firma) vor, wie das geht. Mittlerweile gibt es allein in Deutschland 50 Supercharger-Standorte, an denen Tesla-Fahrer kostenlos und schnell nachladen können.

    Lieber VW-Konzern, man muss hier nicht immer nach dem Staat rufen. Ihr habt genug Geld, so dass Ihr das allein (oder besser noch in Kooperation mit anderen Herstellern) schafft. Was hatte ich gelesen? 1 Milliarde soll es kosten, an sämtlichen Autobahn-Raststellen Ladesäulen einzurichten? Eine Milliarde – aufgeteilt auf VW, BMW, Mercedes und das noch auf zwei oder drei Jahre – das merken die doch kaum in den Bilanzen. Aber man würde endlich ein Signal setzen!

    Mal sehen, was sich da tut.

    Ein äußerst zufriedener Tesla-Fahrer

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