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Mal im Cadillac, mal im Benz: Verleger Axel Springer und die Liebe zum Automobil

„Lässig und mit Stil – Axel Springer Anfang der 1950er-Jahre in einem Mercedes 170 Cabrio“. Foto: Axel Springer SE
"Lässig und mit Stil – Axel Springer Anfang der 1950er-Jahre in einem Mercedes 170 Cabrio". Foto: Axel Springer SE

Anlässlich des 30. Todestages von Axel Springer veröffentlicht Springer-CEO Mathias Döpfner einen besonderen Sammelband über den Verleger. Für "Axel Springer und seine Stadt" haben, so Döpfner im Vorwort, "einige der besten Autoren der Welt-(Gruppe)" geschrieben. MEEDIA veröffentlicht exklusiv Auszüge aus dem am heutigen Dienstag in Berlin vorgestellten Buch – im Porträt von Henryk M. Broder geht es um die Liebe des Verlegers zum Automobil.

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Bei Autos liebte er die Abwechslung

Von Henryk M. Broder

Ein Lebemann, dem Guten, Schönen und Teuren zugetan: Das war Axel Springer. Der Luxus war sein täglich Brot, Frauen waren die Leidenschaft seines Lebens. Obwohl er „nicht die Frauen an sich liebte, sondern sich in den Frauen“, wie sein Biograf Michael Jürgs schreibt. „Er konnte einfach keine schöne Frau stehen lassen, ohne zumindest den Versuch gemacht zu haben, sie ins Bett zu bekommen“, egal ob es die Frau eines Freundes und Nachbarn war oder eine junge Redakteurin der Bild-Zeitung. Aber das war, seltsamerweise, zu Springers Lebzeiten kein Thema. Zumindest keines, das öffentlich behandelt wurde. Privates blieb privat, obwohl seine Freunde und Vertrauten natürlich Bescheid wussten. Und da er großzügig war, behielten auch die Frauen ihre Erfahrungen für sich.

Diese Facette in Springers Leben ist inzwischen gut dokumentiert. Seine Ehen, seine Affären.

Es gibt nur weniges, das wir über Springer noch nicht wissen. Zum Beispiel: Wie war sein Verhältnis zu Autos? Einen ersten Hinweis finden wir in Ilse Werners Memoiren „Wir machen Musik“, die mit Springer „einen heftigen Flirt“ hatte. „Ich erinnere mich noch mit Vergnügen an seinen alten Opel P4, so ein kleiner Kasten auf vier Rädern, mit dem er kühn durch die Gegend brauste. Nur hatte das originelle Vehikel eine Macke: Die rechte Tür ging nicht zu. Der Beifahrer – und das war oft ich, wenn Axel mich vom Theater abholte – musste während der Fahrt immer die Tür zuhalten.“

Hatte Springer den P4 vor der Schrottpresse gerettet, gekauft oder gegen ein paar silberne Löffel aus dem Haushalt seiner Eltern getauscht? Hatte der P4 Sitze, die man nach hinten umklappen konnte? War die Sache mit der Beifahrertür vielleicht nur ein Trick, um die Beifahrerinnen abzulenken? Wir wissen nur, dass er den P4 eines Tages stehen ließ und fortan mit einem Horch durch Hamburg rollte, den die Briten „entnazifiziert“ hatten.

Viele Jahre später, 1997, wurde im kalifornischen Pebble Beach ein Mercedes 230 SL, Baujahr 1964, entdeckt, den der italienische Autodesigner Pininfarina gestylt hatte. Aus der kantigen „Pagode“ machte er ein Coupé mit weichen, fließenden Formen. Das Auto gab es nur einmal, und Springer wollte es unbedingt haben. Dass er einer unter mindestens zwei Dutzend Kandidaten war, die ein Auge auf das Liebhaberstück geworfen hatten, entsprach bestimmt nicht seinem Selbstverständnis. Springer nahm sich, was er haben wollte; in der Schlange an einer Kasse zu stehen war unter seiner Würde. Er bekam das Auto – Pininfarina wollte es so.

Für Springer war es ein Spielzeug unter vielen: schön, aber nicht sehr praktisch. Sein damaliger Fahrer erinnerte sich: „Dem Chef war der SL zu unbequem und der Kofferraum zu klein.“ Also schenkte er den Wagen seiner Ex-Frau Rosemarie, einer bekannten Turnierreiterin, die ihn später an einen Sammler in der Schweiz verkaufte.

Axel Springer und Friede Springer, etwa um 1970

Axel Springer und Friede Springer, etwa um 1970. Foto: Axel Springer SE

Springer fühlte sich Frauen wie Autos über das Ende der Beziehung hinaus verbunden. Als er einen Mercedes 300 Roadster zum Verkauf anbot, stellte er eine Reihe von Bedingungen: Der Wagen dürfe nicht an einen Besitzer mit schlechtem Leumund verkauft werden, nicht an einen Einwohner des Vergnügungsviertels St. Pauli und nicht unter Weiterverwendung des von ihm benutzten Kennzeichens.

Der Gedanke, irgendeine Rotlicht-Größe könnte sein Auto fahren, also entweihen, war ihm unerträglich. Ebenso wie die Vorstellung, eine seiner Ex-Frauen könnte mit einem Mann anbandeln, den er sozial inakzeptabel fand. Springer war es, der die Maßstäbe setzte, der andere durch seine Präsenz oder seinen Namen adelte. Als die Hamburger Morgenpost eines Tages meldete, bei Daimler-Benz werde für ihn gerade das teuerste Auto gefertigt, das je in Deutschland in Auftrag gegeben worden sei, ein Daimler-Benz der 400er-Klasse, der mit allen Extras fast 180.000 DM kosten sollte, schickte Springer der Zeitung eine Gegendarstellung: „Diese Behauptung ist unrichtig. Bei der Firma Daimler-Benz wird für mich zurzeit weder ein derartiges noch ein anderes Auto fertiggestellt, da ich keines in Auftrag gegeben habe.“

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Es hätte Springers Ruf nicht geschadet, wenn er sich ein Auto für den damals unerhörten Preis von 180.000 DM geleistet hätte. Das war zwar viel Geld, aber kein Kauf, der seiner Kreditwürdigkeit etwas anhaben konnte. Es war wohl eine Prinzipienfrage: Wer mit Springers Namen angeben wollte, musste Springer vorher um Erlaubnis fragen.

Springer war nicht nur ein Kontrollfreak. Er war auch ein Ästhet. „Schönheit zog ihn an, alles Ordinäre war ihm zuwider, fette Männer und Kommunisten zählten dazu“, schreibt der langjährige Chefredakteur Claus Jacobi, er „legte Wert auf das Äußere, kleidete sich englisch, lässig, konservativ und hätte sich lieber den Magen verdorben, als mit einer gestreiften Krawatte zum karierten Jackett erwischt zu werden“.

Was Frauen angeht, hatte sich Springer festgelegt. Sie mussten blond und schlank sein. Bei Autos liebte er die Abwechslung. Er fuhr ein 170 S Cabriolet von Mercedes Benz, einen Ford Thunderbird, einen Cadillac Fleetwood, mit dem er die Baustelle seines neuen Verlagssitzes in West-Berlin besuchte. In den Schweizer Bergen war er mit einem Jeep unterwegs, auf Sylt mit einem Strand- Buggy, durch London ließ er sich in einem Rolls- Royce kutschieren. Bequem und standesgemäß. Ein Bentley, den er von der Vertriebsfirma „Krim-Automobile“ gekauft hatte und der „wegen unangenehmer Dröhnerscheinungen im Fond des Wagens“ in die Werkstatt musste, war allerdings eine arge Enttäuschung.

Das alles wäre heute undenkbar. Ein Unternehmer, der einen Cadillac, einen Rolls oder einen Bentley fährt und sich dabei auch noch stolz fotografieren lässt, sähe sich umgehend einem Shitstorm ausgesetzt. Wer auf seinen Ruf achtet, der nimmt auch Rücksicht auf ein Publikum, das Energiesparlampen benutzt und den Müll trennt.

Protzige Autos, etwa getunte Mercedes-Limousinen und tiefer gelegte BMW, sieht man heute öfter auf der Karl-Marx-Straße in Berlin-Neukölln als auf der Clayallee in Zehlendorf. Gas geben, bis die Reifen qualmen, das tun nur noch Fußballspieler ohne Führerschein und Rapper mit Verbindungen zur Unterwelt. Die Angehörigen der besseren Kreise pflegen Bescheidenheit auf hohem Niveau. Da darf es dann ein Tesla Model S sein, der 95.000 Euro kostet, aber garantiert umweltfreundlich ist.

Springer steht für eine Zeit, als Reichtum noch keine Schande, ein Mann ein Mann und eine Frau eine Frau war. Als niemand die Frage stellte, ob die geschlechtliche Zugehörigkeit eine biologische Konstante oder ein soziales Konstrukt sei. Als Autos noch echte Statussymbole waren und nicht nach ihrem CO2-Ausstoß beurteilt wurden. Es waren keine schlechten Zeiten.

 

Entwurf_Bezug_alles_neues_Logo2.indd„‚Berlin ist das Herz Europas, ich kenne kein anderes‘. Axel Springer und seine Stadt“
Hrsg. Mathias Döpfner
Edition Braus
29,25 Euro
ISBN 9783862281350

Autoren, die ebenfalls im Buch erscheinen:

Stefan Aust, Wolfgang Büscher, Thomas Delekat, Mara Delius, Leeor Engländer, Eckhard Fuhr, Rainer Haubrich, Richard Herzinger, Matthias Kamann, Lars-Broder Keil, Sven Felix Kellerhoff, Torsten Krauel, Holger Kreitling, Hannah Lühmann, Alan Posener, Annette Prosinger, Andreas Rosenfelder, Thomas Schmid, Jacques Schuster, Dirk Schümer, Andrea Seibel, Tim Tolsdorff, Ronja Larissa von Rönne und Benjamin von Stuckrad-Barre. Redaktion: Lars-Broder Keil (Leitung), Sven Felix Kellerhoff und Rainer Laabs.

 

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