„Gefunkte Zeitung als Vision“: Stefan Aust über die TV-Pläne des Verlegers Axel Springer

Sonntags kam der Chef auch mal ohne Anzug und Krawatte: Axel Springer in seinem Büro in Berlin (etwa 1970)
Sonntags kam der Chef auch mal ohne Anzug und Krawatte: Axel Springer in seinem Büro in Berlin (etwa 1970) Copyright: Axel Springer SE, Unternehmensarchiv

Anlässlich des 30. Todestages von Axel Springer veröffentlicht Springer-CEO Mathias Döpfner einen besonderen Sammelband über den Verleger. Für "Axel Springer und seine Stadt" haben, so Döpfner im Vorwort, "einige der besten Autoren der Welt-(Gruppe)" geschrieben. MEEDIA veröffentlicht Auszüge aus dem am Dienstag erscheinenden Buch.

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Das Buch über Axel Springer soll eine „Leistungsschau“ der Journalisten sein, so Döpfner. Das Werk soll dabei weder „Berlin-Verherrlichung noch Axel-Springer-Hagiografie“ sein, sondern „Klischeezertrümmerung.“

MEEDIA veröffentlicht vorab einen Auszug aus einem Text von Stefan Aust über Axel Springers Vision eines von Pressehäusern organisierten Privatfernsehens:

Gefunkte Zeitung als Vision

Von Stefan Aust

Wie wichtig das Fernsehen war, wusste schon Goethe, 200 Jahre bevor es überhaupt erfunden wurde:

Dummes Zeug kann man viel reden,
Kann es auch schreiben,
Wird weder Leib noch Seele töten,
Es wird alles beim alten bleiben.
Dummes aber vors Auge gestellt Hat ein magisches Recht:
Weil es die Sinne gefesselt hält, Bleibt der Geist ein Knecht.

So zitierte der Großmeister des gedruckten Wortes den Großmeister des gedichteten Wortes anlässlich eines Kongresses der internationalen Vertriebsorganisation Distripress am 20. Oktober 1975 in Hamburg. Axel Springer wusste, wovon er redete. Denn seine Erfindung Bild hatte gleichsam in gedruckter Form das Fernsehen vorweggenommen.

Schon wenige Jahre nach der Einführung des ersten TV-Programms in Deutschland strebten viele Zeitungsverleger die Vision einer „gefunkten Zeitung“ an, die direkt auf den Bildschirmen in deutschen Haushalten ausgestrahlt werden sollte. Dass eine solche Kommunikationsform, genannt Internet, ein knappes halbes Jahrhundert später die Welt umkrempeln würde, konnte damals niemand erahnen.
Dafür sah man die heraufziehenden Gefahren für das Printgewerbe sehr ähnlich wie heute auch. Nur der Gegner hieß damals nicht Google, sondern ARD. Das Erste Deutsche Fernsehen war auch das einzige deutsche Fernsehen. Das konnte aus der Sicht der Politiker, aber ebenso aus Sicht der Verleger auf Dauer nicht so bleiben. So begannen sich Allianzen zu bilden. Zunächst dachte man an ein Modell, wie es in Großbritannien entstanden war: Als Konkurrent zum BBC-Fernsehen war dort ein zweiter Kanal in einer Art Public Private Partnership entstanden, ITV. So standen sich ein durch Gebüren und ein durch Werbeeinnahmen finanziertes Programm gegenüber. Der private Kanal war zwar auch ein öffentlich-rechtlicher Sender, dessen Programm wurde allerdings von privaten Produzenten zugeliefert.

Während hierzulande kleine Verlage im kommerziellen Fernsehen vor allem einen Konkurrenten auf dem Anzeigenmarkt sahen, begannen die großen züig, beim geplanten „Deutschland-Fernsehen“ ihre Claims abzustecken. Der Versuch des Stern-Verlegers Gerd Bucerius, des Druckereibesitzers und Verlegers Richard Gruner, des Verlegers von Frauenzeitschriften John Jahr, der auch am Magazin Spiegel beteiligt war und an anderen großen Zei- tungshäusern, einen werbefinanzierten Sender als Alternative zum öffentlich-rechtlichen Programm durchzusetzen, scheiterte jedoch am Widerstand einiger Ministerpräsidenten.

Grundsteinlegung-mit-altem-Modell

Foto von der Grundsteinlegung des Berliner Axel-Springer-Hauses an der damaligen Sektorengrenze am 25.5.1959 (Foto: Axel Springer SE, Unternehmensarchiv)

Der alte Fuchs Konrad Adenauer hatte aber plötzlich sein Interesse am Fernsehen entdeckt, und das hatte vor allem machtpolitische Gründe. Umfrageergebnisse gaben der SPD für die im Herbst 1961 anstehenden Bundestagswahlen gute Chancen. Adenauer wusste warum. Bei einem Gespräch mit den christlich-demokratischen Ministerpräsidenten klagte der Bundeskanzler im Juli 1960 über „die Dummheit der Befragten“, die einfach „grenzenlos“ sei, und über „die“ Presse, „den“ Rundfunk und „das“ Fernsehen, die alle in den Händen der Sozialdemokraten seien. „Deswegen ist für mich“, so Adenauer im O-Ton, „das sage ich in aller Offenheit – das Entscheidende, dass wir endlich dazu kommen, dass dieses zweite Fernsehen am 1. Januar läuft“; da frage er nicht nach Föderalismus oder Zentralismus, „das ist mir total schnuppe; ich möchte, dass wir die Wahlen gewinnen“.

Adenauer trieb das Projekt mit allen Kräten voran, wollte aber auf eine bundesgesetzliche Regelung für das zweite deutsche Fernsehen nicht verzichten. Darauf wollten sich wiederum die Länder nicht einlassen. Das Vorhaben drohte endgültig zwischen Bund- und Läderinteressen zerrieben zu werden, als 1960 Axel Springer auf den Plan trat und das Projekt wieder ins Rollen brachte. In seinem Buch „Das Privatfernsehen, der Axel Springer Verlag und die deutsche Presse“ schreibt der Journalist Florian Kain: „Es war ein Hamburger Verleger, ein ‚Zeitungszar‘, der sich bis dahin aus den Aktivitäten seiner Kollegen um die Eroberung des Fernsehmark- tes auffällig zurückgehalten hatte und nun, Ende Juli 1960, mit einem Paukenschlag die Arena betrat. Es war Axel Springer.“

Auf persöliche Einladung Springers erschienen alle West-Berliner Tageszeitungsverleger und gründeten die Fernsehgemeinschaft der Berliner Ta- geszeitungen (FBT). Ihr erster Geschätsführer wurde Horst Schnare, der ehemalige Leiter von Ullsteins Radio- und Fernsehrevue, die wenig später mit der Hörzu zusammengelegt wurde. Schnare war darauf bedacht, die Vormachtstellung Springers in der neu gegründeten Gesellschaft zu sichern. So schrieb er in der Vorbereitungsphase am 6. Mai 1960 in einem Brief an den Verleger: „Von vornherein muss gewährleistet werden, dass die kaufmännische und redaktionelle Durchführung des Senders allein in unseren Händen bleibt. Den anderen Berliner Verlegern wird bei unserem Plan selbstverstädlich zugesagt, dass geeignete Herren ihrer Verlage mit eingespannt werden; vor allem aber, dass sie aus den späteren Werbeeinnahmen des Senders prozentual entschädigt werden sollen.“

Springer wollte für die FBT eine Sendelizenz vom SPD-geführten Berliner Senat erhalten. Der Sender sollte laut Gesellschaftervertrag alles das ausstrahlen, „was zur Meinungsbildung der Bevölkerung im politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Raum beiträt, um damit einen wichtigen Beitrag zum Kampf der Berliner Bevölkerung um ein freiheitliches, demokratisches Leben zu leisten“. Für Springer sollte der Sender ein Leuchtturm der Freiheit auf der Insel West-Berlin sein, mitten im roten Meer des Sozialismus, wo der Osten in jeder Himmelsrichtung lag. Es ging für Springer nicht nur um Werbeerloöse, sondern auch um sein politisches Sendungsbewusstsein im Kampf gegen den Kommunismus und fü die Wiedervereinigung. Der ideologische Krieg wurde ohnehin bereits täglich üer die Sektorengrenze hinweg durch Plakate und Lautsprecher ausgetragen, und nun sollte ein Berliner Sender vom Funkturm aus hinüber in den Osten strahlen, gestützt von der geballten Informationsmacht der West-Berliner Presse, allen voran der Springer-Zeitungen. (…)

Der hier gekürzt wiedergegebene Beitrag von Stefan Aust ist ganzer Länge in dem am Dienstag vorgestellten Buch zu lesen.

Entwurf_Bezug_alles_neues_Logo2.indd„‚Berlin ist das Herz Europas, ich kenne kein anderes‘. Axel Springer und seine Stadt“
Hrsg. Mathias Döpfner
Edition Braus
29,25 Euro
ISBN 9783862281350

 Autoren, die ebenfalls im Buch erscheinen: Henryk M. Broder, Wolfgang Büscher, Thomas Delekat, Mara Delius, Leeor Engländer, Eckhard Fuhr, Rainer Haubrich, Richard Herzinger, Matthias Kamann, Lars-Broder Keil, Sven Felix Kellerhoff, Torsten Krauel, Holger Kreitling, Hannah Lühmann, Alan Posener, Annette Prosinger, Andreas Rosenfelder, Thomas Schmid, Jacques Schuster, Dirk Schümer, Andrea Seibel, Tim Tolsdorff, Ronja Larissa von Rönne und Benjamin von Stuckrad-Barre. Redaktion: Lars-Broder Keil (Leitung), Sven Felix Kellerhoff und Rainer Laabs.

 

Lesen Sie hier ein weiteres Stück von Henryk M. Broder über Springers Liebe zum Automobil.

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