Wirtschaftskrimi und Image-Totalschaden: VW erlebt sein #Dieselgate

Man under fire: VW-Chef Martin Winterkorn und die Abgas-Affäre
Man under fire: VW-Chef Martin Winterkorn und die Abgas-Affäre

Die Abgas-Affäre rund um Dieselfahrzeuge von Volkswagen in den USA hat das Potenzial für eine Image-Krise und einen Wirtschaftskrimi an dessen  Ende VW-Chef Martin Winterkorn seinen Job verlieren könnte. Erste Rücktrittsforderungen wurden bereits laut.

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Es ist ein Schlag gegen das Selbstverständnis deutscher Ingenieurskunst. Statt die besten Autos der Welt zu bauen, hat man bei Volkswagen in den USA offenbar lieber eine ausgeklügelte Betrugs-Software installiert, die die Abgaswerte bei Dieselfahrzeuge nur dann absenkt, wenn gerade eine Kontrolle stattfand. Fuhr der Golf, Passat oder Audi A3 wieder im Normalbetrieb, kam bis zu 40 mal mehr Dreck aus dem Auspuff, als es die us-amerikanischen Gesetze zuließen. So etwas ist Betrug mit hoher krimineller Energie.

Warum tut ein Konzern so etwas Dummes? Dazu muss man wissen, dass VW Schwierigkeiten hat, seine Fahrzeuge in den USA zu verkaufen, Dieselfahrzeuge zumal. Seit einiger Zeit fuhr VW darum in den USA eine großangelegte Kampagne, die die Amerikaner ironischerweise davon überzeugen sollte, wie toll und sauber (!) Diesel made in Germany ist. Dafür setzte VW u.a. auf virale Werbespots, die alte Damen zeigen, die über gängige Diesel-Vorurteile schwadronieren. In der heilen VW-Werbewelt lösten sich diese Vorurteile, etwa dass Diesel “dirty”, also “schmutzig” sei, selbstverständlich in reine Luft auf. Im Werbespot hält die alte Lady zum Beweis ihr weißes Halstuch an den Auspuff des VW-Diesel und es bleibt blütenrein. “Volkswagen TDI Clean Diesel – like really clean diesel” lautet der Werbespruch, der am Ende des Spots eingeblendet wird. Ober besser: wurde.

Wie das US-Autoblog Jalopnik berichtet, sind die Werbespots für den “wirklich sauberen” Diesel” nämlich von den YouTube-Seiten von VW USA verschwunden. Warum und wann, konnte man den Autobloggern seitens VW noch nicht mitteilen. Man kann es sich aber freilich denken. Dass der Konzern aus Germany auf der einen Seite marktschreierisch für “really clean diesel” trommelt und auf der anderen Seite betrügt, um die Abgasprüfungen zu bestehen, ist ein Image-Totalschaden.

VW wollte das miese Diesel-Image in den USA offenbar bekämpfen, indem es seine Diesel-Motoren als sowohl sauber als auch spurtstark präsentierte. Nur: Wurden die Schadstoff-Ausstöße soweit gedrosselt,dass sie gesetzeskonform waren, erreichten die Wagen offenbar nicht mehr die gewünschte, dynamische Fahrleistung. Irgendjemand bei VW entschied sich dann dafür, die Umweltbehörde in den USA und die Kunden zu betrügen.

Der Fall zeigt, unter welch enormem Druck die Marke VW stehen muss, in den USA endlich Erfolge vorzuweisen. Dass VW nun weltweit wegen betrügerischen Verhaltens Schlagzeilen macht statt wegen technischer Meisterleitungen, muss einem Autonarren wie Ferdinand Piëch in der Seele wehtun. Erinnerungen werden wach an den jüngsten Machtkampf bei VW, als VW-Patriarch Piëch mit einem Satz im Spiegel (“Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.”) eine schwere Führungskrise auslöste. Medienberichten zufolge lastete Piëch seinem früheren Schützling Winterkorn an, VW nicht fit genug für die Zukunft zu machen und Trends wie Billigautos zu verschlafen. Auch das lahmende US-Geschäft soll Piëch missfallen haben. Der Machtkampf ging zu Gunsten Winterkorns aus, sein Vertrag als Vorstandschef wurde bis 2018 verlängert, Piëch und seine Frau traten aus dem Aufsichtsrat zurück.

Später dann gab es allerdings Gerüchte, Piëch habe dafür gesorgt, dass aus einem vorzeitigen Wechsel Winterkorns in den VW-Aufsichtsrat nichts wird. Stattdessen rückte VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch an Stelle von Piëch an die Spitze des Kontrollgremiums. Für Winterkorn ist dies nun misslich, denn nun muss er als amtierender Vorstandschef für die Abgas-Affäre in den USA geradestehen.  Die erste Rücktrittsforderung kam bereits am Montag von dem renommierten Auto-Experten Ferdinand Dudenhöffer. Der sagte der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung: „Entweder Winterkorn wusste, was passiert ist. Das wäre schlecht für ihn. Oder er wusste nicht, was passiert ist. Das wäre noch schlechter. Denn dann hätte er seinen Laden nicht im Griff.“

Dies ist die klassische Formel, nach der auch Rücktritte von Politikern bei Affären gefordert werden. Entweder die Leute an der Spitze wussten Bescheid oder sie wussten nichts. Beides gilt als untragbar, wenn jemand politische Verantwortung trägt. Und das Amt des Vorstandschefs von Deutschlands größtem Autobauer, der zudem noch zu einem Großteil in Staatsbesitz ist (dem Land Niedersachsen gehören 20 Prozent von VW), ist nicht zuletzt auch ein politisches Amt.

Winterkorn versuchte am Wochenende die klassische Vorwärtsverteidigung, indem er das Fehlverhalten umfänglich zugab, erklärte, mit den Behörden zusammenzuarbeiten, eine externe Untersuchung ankündigte und sich bei Kunden und Öffentlichkeit entschuldigte: „Ich persönlich bedauere zutiefst, dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben.“ Gleichzeitig stoppte VW den Vertrieb der betroffenen Diesel-Modelle in den USA, was so das Mindeste ist, was der Konzern in dieser Situation tun kann.

Winterkorn muss nun versuchen, die Schuld an der Affäre komplett bei der US-Dependance von VW abzuladen. Ob ihm dies gelingt,ist fraglich, denn VW ist bekannt zentralistisch aufgestellt. Weltweit laufen alle Fäden in Wolfsburg zusammen – auch das war in der Vergangenheit am System Winterkorn kritisiert worden. Und: Winterkorn ist nicht nur Vorstandschef sondern auch Chef der VW-Entwicklungsabteilung, die für die Software-Steuerung der Motoren zuständig ist. Also jene Abteilung, die den Betrugsfall in den USA direkt verantworten dürfte. Womöglich steht ganz am Ende dann doch wieder der alte Piëch als Sieger da. Denn eines ist sicher: Volkswagen wird diese Affäre mit Blessuren an Image und Bilanz überstehen. Für Martin Winterkorn gilt dies nicht in jedem Fall.

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Alle Kommentare

  1. Umweltgesetze die keine nachweisbaren Resultate in der Realwelt bringen sind Betrug am Menschen. Es ist sogar schlimmer als das weil es Menschen glauben macht dass sie von Umweltgiften geschützt werden wenn das gar nicht der Fall ist. Das ist kein Kavaliersdelikt weil jeden Tag echte Menschen echt sterben von diesen Dieselabgasen. Fragt die Weltgesundheitsorganisation. http://www.lng.jetzt/filtern-funktioniert-nicht/

  2. Das Gute am VW Desaster ist, dass die Lügenpresse, die ja nun täglich versucht eine verlogene Fassade in diesem Land aufzubauen täglich von den handelnden Personen und Institutionen konterkariert wird. Sie können es nicht. Sie können keine Flüchtlingsschwemme in den Griff bekommen, sie können keinen Flughafen bauen, sie können nur mit Lügen, auf Kosten ihrer Mitarbeiter, Profite generieren, sie können die Meinungsfreiheit einschränken, sie können nicht die Einhaltung ihrer selbst gemachten Gesetze garantieren und, und, und…
    Die Realität ist schneller als Springer, Burda, Bertelsmann und Co.

    1. @Rudi Ehm

      So sieht es aus, in Deutschland gibt es ein „Elite“-Versagen auf praktisch allen Ebenen und eine Presse, die ihre Aufgabe nur noch darin sieht die Bevölkerung vom Totalversagen des Systems abzulenken.

      VW – „unser“ WELTGRÖSSTER Autobauer sollte ja nach Merkel ganz viele Flüchtlinge einstellen, eine Woche später stehen die Zeichen eher auf Massenentlassungen.

  3. Was für eine deutsche Ingenieurskunst, nur zur Erinnerung Flughafen Berlin, ganz hervorragend oder etwa nicht.

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