Anzeige

Weniger Kosten, mehr Qualität: Madsacks RND und die neue Zauberformel der Regional-Verleger

Matthias Koch (l.) und Uwe Dulias sind die Chefs des RND bei Madsack
Matthias Koch (l.) und Uwe Dulias sind die Chefs des RND bei Madsack

Das Redaktionsnetzwerk Deutschland war u.a. Vorbild für Funkes neue Zentralredaktion in Berlin. Seit 2013 existiert Madsacks zentraler Newsroom in Hannover, für dessen Renovierung der Verlag einiges an Mitteln freigemacht hat. Von hier aus werden alle Madsack-Titel und zahlreiche Kunden mit Überregionalem beliefert. Ein Besuch zeigt: Die Herausforderungen sind genauso groß wie die Kostenvorteile.

Anzeige
Anzeige

Jörg Kallmeyer steckt fest. Er steht mit dem Rücken zur Wand, vor ihm haben sich zwei seiner Redakteurinnen aufgebaut. Die Frauen sind verwirrt. Sie sitzen an einem Stück über die Apple-Keynote, die am Vorabend in den USA stattfand und haben soeben aus einer Regional-Zeitungsredaktion Feedback bekommen, dass dort ein Stück zum selben Thema vorbereitet wird. Offenbar ein Missverständnis. Kallmeyer, News-Chef in der Zentralredaktion der Madsack Mediengruppe, muss vermitteln. Seine Redakteurinnen produzieren für alle Madsack-Zeitungen. Tanzt einer der Titel aus der Madsack-hannover_mediengruppeReihe und geht ein geplantes Thema unabgesprochen selbst an, steht es am nächsten Tag womöglich doppelt in der Zeitung. Kallmeyer, trotz der aufgeregten Kolleginnen die Ruhe selbst, interveniert. Kurze Verwirrungen kommen ab und an mal vor. RND-Chefredakteur Matthias Koch und sein News-Chef organisieren täglich die Mantelproduktion für alle 18 Madsack-Titel und stehen im ständigen Austausch mit den Chefredakteuren. Missverständnisse kommen vor und sind kein Problem, solange sie sich am kommenden Tag nicht negativ aufs Blatt niederschlagen.

„Ich kann nicht behaupten, dass es gegen die neue Struktur intern keinerlei Bedenken gegeben hätte“, erklärte Madsack-Vorstand Thomas Düffert zwei Monate nachdem sein Verlag das Redaktionsnetzwerk Deutschland offiziell eröffnet hat. Seit Ende vergangenen Jahres produziert die 2013 gegründete Zentralredaktion aus ihrem neuen Newsroom heraus. Alles, was über die regionale Berichterstattung der Tageszeitungen hinausgeht, findet im achten Stock der Verlagszentrale in Hannover, direkt unterhalb der Verlagsgeschäftsführung, statt. Zwischen 30 und 40 Journalisten recherchieren hier täglich Politik-, Wirtschafts-, Sport-, Gesellschafts- und Panoramathemen, produzieren für die Madsack-Zeitungen komplette Seiten sowie ihre Online-Auftritte.

Zentralisierung bedeutet Stellenabbau

rnd_text2

Das Zentrum des Newsrooms: die mehrere Quadratmeter große Multimedia-Wand zeigt den Redaktionen die Füllstände der Titel

Zentralredaktionen für Zeitungsgruppen sind keine ganz neue Idee. Die bekannteste dürfte die Zentralredaktion der Funke Mediengruppe in Essen gewesen sein, die drei ihrer Zeitungen mit überregionalen Inhalten versorgt hatte und nun durch ein größeres Büro in Berlin ersetzt wurde. Auch DuMont hatte für Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau einst eine gemeinsame Mantelredaktion in Berlin aufgebaut, die mittlerweile alle Tageszeitungstitel der Gruppe beliefert. Die Zahl der Vollredaktionen, die für eine Zeitung einen Mantel produzieren, nimmt seit Jahren ab. Das spart Doppelstrukturen, die vor allem aus betriebswirtschaftlicher Sicht überflüssig erscheinen, es spart aber auch erheblich Personal ein. Erst vergangene Woche wurde bekannt, dass der Einsatz der Zentralredaktion bei Madsack, die eines von Düfferts Hauptprojekten unter dem Restrukturierungsprogramm ‚Madsack 2018‘ ist, bei den Lübecker Nachrichten rund ein Drittel der Stellen kosten wird. Von einem Stellenaufbau im Lokalen ist in einem Schreiben von LN-Chefredakteur Gerald Götsch, das MEEDIA vorliegt, keine Rede.

In allen Fällen wird seitens der Verlage betont, dass ein solcher Schritt den Fokus auf die eigentlichen Kompetenzen, nämlich die regionalen Inhalte richten soll. „Jede Regionalzeitung kann für ein überregionales Ressort meist nur bis zu drei Redakteure abstellen. Damit lässt sich mit Hilfe von dpa vielleicht gerade die Chronistenpflicht abdecken, jedoch keine qualifizierte, anspruchsvolle Zeitungsseite herstellen.“ Durch den Aufbau der großen Zentralredaktion sind bei den Zeitungen zwar Positionen weggefallen, in Hannover allerdings ist eine Basis entstanden, in der die Kräfte gebündelt werden.

Mehr als nur Kostenvorteile

Das habe mehr als Kostenvorteile durch Abschaffung von Doppelstrukturen, erklärt Dulias. „Wir haben das Redaktionsnetzwerk gegründet, um die Qualität unserer eigenen Regionalzeitungen zu steigern“, erklärt RND-Geschäftsführer Uwe Dulias, der das Projekt als Entwicklungs-Chefredakteur mit aufgebaut hat. rnd_text4Das drücke sich, so ergänzt sein Chefredakteur Koch, durch die Bündelung der publizistischen Kraft und der Reichweite aus. Madsack beziffert sie bei einer Auflage von einer Million Exemplare auf rund drei Millionen Leser, durch die man einerseits größere Chancen auf besondere Interviews habe. Ein weiterer Vorteil sei eine ausgeruhte Herangehensweise an Themen. Politikredakteure könnten sich bei Hintergründen tiefer in das Thema einarbeiten, ohne die Inhalte auf die regionalen Unterschiede herunterbrechen zu müssen. Ein Argument, das gleichzeitig gerne als Kritik angeführt wird: kaum noch regionaler Bezug.  Ein Vorwurf, den Koch nicht stehen lassen möchte: „Wir versuchen, das Überregionale mit dem Regionalen möglichst intelligent zu verbinden.“ Beispiel: Das Freihandelsabkommen TTIP. Während seine Redakteure an allgemeinen Stücken arbeiten, wurden die Artikel durch Beistücke von den Lokalen ergänzt: „In der Leipziger Volkszeitung war zu lesen, was kleine und mittlere Unternehmen aus Sachsen sich von TTIP versprechen, in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung las man Beispiele aus Niedersachsen. So schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Erstens stellen wir beim überregionalen Inhalt eine hohe Qualität sicher und vermeiden Mehrfacharbeit an fünf oder noch mehr Standorten.“ Man wolle so näher am Leser sein, „als es FAZ, SZ und Co. je sein können“, sagt Koch. Das Selbstverständnis wohl jeder Regionalzeitung.

Zentralisierung macht Madsack als Arbeitgeber attraktiver
Anzeige

rnd_text3

Morgendliche Konferenz: Zentralredaktion und Chefredaktionen der Regionalblätter treffen sich im Video-Chat.

Weder Koch noch Dulias können aber bestreiten, dass eine Zentralredaktion alles einfacher macht. Das Konzept bringt eigene Herausforderungen mit sich, die täglich gemeistert werden müssen. Anders als andere Zentralredaktionen beliefert Madsack seine Zeitungen nicht nur, sondern baut gleich die Seiten dazu. Die dabei größte Herausforderung: Madsack-Titel erscheinen in allen gängigen Formaten (Berliner Format, Rheinisches Format, Nordisches Format). In einigen Fällen kommt es zu Unterschieden in den Textlängen, hinzu kommen unterschiedliche Zeiten des Andrucks, mit denen man lernen müsse umzugehen, so Dulias. „Geschichten werden auf den frühesten Andruck hin geschrieben und bei aktuellen Nachrichten aktualisiert.“ Das Denken in verschiedenen Etappen vereinfache aber die Arbeit mit dem Digitalen. Generell müsse man lernen, in zwei Geschwindigkeiten zu denken. „Hier denken wir noch zu oft in alten Mustern“, stellt der Geschäftsführer fest. Dies soll durch erfahrenes Spitzenpersonal professionalisiert werden, gerade erst fing Ex-Spiegel-Online-Chef Rüdiger Ditz im Newsroom an. Auch ein Vorteil, den Koch und Dulias erkennen: Durch eine höhere Reichweite und neue Herausforderungen werde Madsack als Arbeitgeber für Top-Leute attraktiver. Einen wie Ditz hätte man nicht bekommen, hätte Madsack ihm „eine Stelle als Newsroom-Chef einer einzelnen Regionalzeitung“ angeboten. Gleiches gelte für das Politikbüro in Berlin, das Madsack gerade erneut aufbaut. Auch hier wurde vergangene Woche bekannt: Ulrike Demmer, die neue Leiterin der Hauptstadtredaktion, wird mit einem Drittel der Journalisten auskommen müssen, die zeitweise dort gearbeitet hatten.

Die wohl größte Herausforderung einer Zentralredaktion ist und bleibt ihre eigentliche Aufgabe: das Arbeiten für verschiedene Titel mit verschiedenen Blattlinien und Gewichtungen. Trotz der überregionalen Hoheit wolle man nicht von oben herab arbeiten und setze deshalb auf einen offenen Austausch und auch darauf, auf Wünsche und Anregungen aus den Redaktionen eingehen zu können. Ist ein Chefredakteur mit dem Programm mal gar nicht zufrieden – was bisher noch nicht vorgekommen sein soll – muss seine Redaktion selbst liefern. Eher, so heißt es in der Zentralredaktion, fielen Texte aber mal heraus, weil die Blätter bereits voll seien.

Trotz der Zentralisierung wolle man, so Koch, dass die Zeitungen nicht zu einheitlich ausfallen. „Wenn einzelne Titel andere als die vom RND am jeweiligen Tag behandelten Themen in ihren Kommentar- oder Leitartikelspalten wollen, ist das gar kein Problem, sondern gelebte Praxis. VW interessiert nun mal in Niedersachsen die Leute ein bisschen mehr als anderswo, und wenn es um das Thema Ost-Renten geht, schreiben unsere Titel in Brandenburg oder Sachsen natürlich ihre eigenen Kommentare.“ Ganz zentralisiert funktioniert es dann eben doch nicht.

Übersicht

Madsack

Eigene Titel: 1 Aller Zeitung, Gifhorn | 2 Dresdner Neueste Nachrichten | 3 Gelnhäuser Neue Zeitung | 4 Göttinger Tageblatt | 5 Eichsfelder Tageblatt, Göttingen | 6 Hannoversche Allgemeine Zeitung | 7 Leipziger Volkszeitung | 8 Lübecker Nachrichten | 9 Märkische Allgemeine, Potsdam | 10 Neue Presse, Hannover | 11 Ostsee-Zeitung, Rostock | 12 Peiner Allgemeine Zeitung | 13 Schaumburger Nachrichten | 14 Wolfsburger Allgemeine

Externe Kunden: 15 Einbecker Morgenpost | 16 Alfelder Zeitung | 17 Cellesche Zeitung | 18 Deister- und Weserzeitung, Hameln | 19 Die Harke | 20 Gandersheimer Kreisblatt | 21 Hildesheimer Allgemeine | 22 Kieler Nachrichten | 23 Leine-Deister-Zeitung, Gronau | 24 Neue Deister-Zeitung, Springe | 25 Neue Westfälische, Bielefeld | 26 Niedersächsisches Tageblatt, Uelzen | 27 Schaumburg-Lippische Landeszeitung, Bückeburg | 28 Schaumburger Zeitung, Rinteln | 29 Segeberger Zeitung | 30 Seesener Beobachter | 31 Täglicher Anzeiger Holzminden | 32 Walsroder Zeitung | 33 Waldeckische Landeszeitung, Korbach | 34 Frankenberger Zeitung, Korbach

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*