Keine reine Sparnummer: Zu Besuch in der Funke-Zentralredaktion

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Thomas Kloß und Jörg Quoos im Newsroom in der Zentralredaktion (Foto: Amin Akhtar)

Publishing Seit Anfang September läuft der Betrieb in Funkes neuer Zentralredaktion in Berlin, für zwölf Titel (Morgenpost, Abendblatt, WAZ etc.) wird produziert. Beim Besuch zeigt sich: Vieles machen Chefredakteur Jörg Quoos und seine Mannschaft schon richtig routiniert, an eingigen Stellen holpert es noch.

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Die Sache mit dem Sparen mag Jörg Quoos nicht mehr hören. Noch bevor die erste Frage zu dem leidigen Thema gestellt ist, lässt er wissen: „Wenn es Funke nur ums Sparen ginge, hätte ich meinen Job nicht angetreten.“ Dem Chefredakteur der Zentralredaktion der Funke Mediengruppe ist im Gespräch deutlich anzumerken, dass er große Lust auf inhaltliche Arbeit hat, von den ganzen Störgeräuschen aber genervt ist.

Und ganz unrecht hat er nicht: Die neue Zentralredaktion in Berlin ist keine reine Sparnummer. Alleine der Standort: Mitten auf der Friedrichstraße im teuren Einkaufszentrum The Q untergebracht – Quoos spricht von der „zentralsten Redaktion der Stadt“. Und auch bei der Ausstattung der Redaktion wurde nicht gespart. Zwar sind die Visitenkarten noch nicht da, die Technik läuft aber schon auf Hochtouren. Einzig die vielen komplett leeren Schreibtische deuten darauf hin, dass hier erst seit kurzem gearbeitet wird und wohl auch mehr als die aktuellen 51 Mitarbeiter Platz hätten.

Funkes Zentralredaktion in Berlin ist der Neuling in der Branche – und das merkt man. Viele der Probleme, die wir in anderen Zentralredaktionen beobachtet haben, scheinen beim Aufbau der Funke-Redaktion bedacht worden zu sein – ob man sie trotzdem beseitigen kann, steht nochmal auf einem anderen Blatt. Jörg Quoos jedenfalls ist nur voll des Lobes für die Kollegen von Madsack, denen er vor Antritt einen Besuch abgestattet hat: „Ich war zu Besuch bei der Madsack-Mediengruppe in Hannover und habe mich sehr darüber gefreut, wie offen ich dort empfangen wurde. Wir pflegen zu ihnen ein freundschaftliches Verhältnis.“

Ein Vorteil beim Aufbau der Zentralredaktion ist, dass Funke die Herausforderungen einer zentralen Anlaufstelle in kleinerem Rahmen schon aus NRW kennt. Hier profitiert der neue Standort vor allem von den Erfahrungen von Thomas Kloß – Chefredakteur Digital in der Zentralredaktion –, der die alltäglichen Probleme gut aus seiner Zeit am Essener Content Desk der WAZ-Gruppe kennt.

Der Zeitplan

Den richtigen Betrieb hat die Zentralredaktion Anfang September aufgenommen – zuvor lief schon ein Testbetrieb – seitdem wird das Hamburger Abendblatt und die Berliner Morgenpost mit fertigen Seiten aus den Bereichen Politik, Vermischtes, Wirtschaft und Ratgeber beliefert, über 150 druckreife Seiten sind so in den ersten zwei Wochen entstanden.

Auch die zehn weiteren Titel der Mediengruppe (u.a. WAZ, Braunschweiger Zeitung, Thüringer Allgemeine) greifen schon auf die Inhalte zu, über 100 Geschichten sind übernommen worden, besonders beliebt sind große Interviews wie jenes mit Angela Merkel und die Ratgeber-Themen.

Im Oktober geht es weiter mit der Seiten-Produktion für die NRW-Titel (WAZ, NRZ, WP, WR), parallel nimmt auch die Online-Redaktion ihre Arbeit auf. Als übernächster Schritt ist die Produktion für die Braunschweiger Zeitung geplant, die im ersten Quartal 2016 losgehen soll. Für das kommende Jahr ist außerdem eine engere Zusammenarbeit mit Funke Digital vorgesehen. Gemeinsam mit der Digital-Abteilung des Verlages – die ebenfalls in The Q sitzt – sollen Apps entwickelt und das bestehende Online-Angebot weiterentwickelt werden.

Das sind die Probleme

Die größte Herausforderung bei der Arbeit in der Zentralredaktion für Quoos und seine Leute ist es, die richtige Balance zwischen individueller Betreuung der einzelnen Titel und dem Schaffen von Synergien zu finden. Quoos sieht die Arbeit hier noch am Anfang: „Noch betreiben wir wegen der Unterschiedlichkeit der Systeme einen zu hohen Aufwand bei der Produktion. Da müssen wir effektiver werden.“ Wichtig sei in der Anfangszeit vor allem ein guter Austausch und eine gute Abstimmung mit den Redaktionen. Denn nur so lassen sich die zwölf Titel, unter denen sich so gut wie jedes klassische Zeitungsformat (Nordisches, Rheinisches etc.) findet, auch unter einen Hut bringen.

Erste Maßnahmen wurden bereits ergriffen, so müssen zum Beispiel Autoren ihre Texte inzwischen in zwei unterschiedlichen Längen abliefern, damit in den einzelnen Redaktionen nicht mehr die Texte gekürzt werden müssen. Der Aufwand ließe sich zudem durch eine Vereinheitlichung von Standards noch verringern, wie zum Beispiel der Platzierung der Ortsmarke oder der Autorenkürzel, wie Quoos erklärt.

Wichtig ist für Quoos, dass bei aller Synergie die einzelnen Titel ihre Identität behalten. So steht in der Bildunterschrift des Merkel-Interviews nicht etwa „Jörg Quoos, Chefredakteur der Funke-Zentralredaktion trifft …“, sondern „Jörg Quoos, NRZ/Morgenpost/etc.-Autor trifft …“. Selbst auf die regionalen Bedürfnisse der einzelnen Titel gehen Quoos und seine Leute ein, so wurden im Merkel-Interview auch Fragen nur für das Hamburger Abendblatt gestellt, die dann dort in einem Extra-Kasten erschienen sind.

Eine Regel wie sehr und oft auf Sonderwünsche eingegangen werden kann, gebe es nicht, erklärt Quoos, aber man wolle sich alle Wünsche anhören und versuchen, so viel wie möglich zu realisieren. Auch bei der Blattlinie der einzelnen Titel scheint man aus den Erfahrungen der anderen gelernt zu haben. Quoos lässt den einzelnen Chefredakteuren ihre Hoheit: „Ich bin nicht beleidigt, wenn ein Chefredakteur meinen Leitartikel nicht druckt.“

Anbieten würde man die Kommentare aber natürlich trotzdem. Was nicht zu realisieren sei, sind zwölf individuelle Kommentare für jeden einzelnen Titel.

So wird gearbeitet

Für die alltägliche Produktion sei der neue Standort ein großer Vorteil, findet Quoos, alle würden für die Arbeit brennen. Dabei dürfe aber nicht die Ordnung verloren gehen, das fehlerfreie Arbeit hat große Priorität: „Mir geht es vor allem darum, sauber zu arbeiten. Wenn wir einen Fehler machen, machen wir ihn am Ende zwölfmal.“ Schon jetzt würden sich die Kollegen untereinander gut verstehen und zusammenarbeiten, „sowohl die Kollegen, die in der Mediengruppe waren, als auch die neuen“. 

Wenn die Online-Produktion im Oktober startet, wird bereits ab fünf Uhr morgens gearbeitet, ganz in der Früh sollen dann schon die ersten Geschichten produziert werden. Gerade die kleineren Seiten aus dem Portfolio würden davon profitieren, erklärt Digital-Chef Kloß, weil diese erst später anfangen zu arbeiten. Die produzierten Geschichten werden von Funke direkt auf den Webseiten platziert, also ohne zeitliche Verzögerung, die online ja immer eine große Rolle spielt.

Auch die Social Media Kanäle werden bedient, hier werden allerdings nur Vorschläge für Postings gemacht, eine zentrale Steuerung der Kanäle ist nicht geplant. Mit der neuen Zentral-Redaktion wolle man online die Geschwindigkeit von allen Seiten erhöhen, gibt Kloß als Ziel aus.

Für die Print-Produktion gibt die morgendliche Konferenz den Auftakt, in der parallel alle zwölf Titel per Video zugeschaltet sind und in der über die Themen für den Tag diskutiert wird. Hier findet auch hier ein Austausch statt, welche Geschichten in den einzelnen Blättern anstehen. Dieser Austausch hat für Quoos große Bedeutung, denn er sieht es nicht nur als Aufgabe der Zentralredaktion Content zu liefern, sondern auch, die einzelnen Titel besser miteinander zu vernetzen.

Im Idealfall sollen die relevanten Artikel aus den einzelnen Redaktionen auch den anderen zur Verfügung stehen. So erinnert sich Quoos an eine Polizei-Recherche der NRZ, über die auch andere Titel berichteten, nur dass sie auf die dpa zurückgriffen, anstatt auf die ursprüngliche Recherche.

Um den Überblick über die Titel nicht zu verlieren, gibt es im Newsroom eine übergroße Videoleinwand auf der sich gleichzeitig die Füllstände aller zwölf Zeitungen anzeigen lassen. Das ist allerdings nicht die einzige Funktion der Leinwand: Neben der Übertragung von Fernsehsendungen, können auch alle Mitarbeiter direkt auf die Leinwand zugreifen und zum Beispiel Eilmeldungen unter den Kollegen verbreiten. Bis 20 Uhr sind die meisten Geschichten fertig produziert, die letzten Seiten werden noch bis 24 Uhr ausgetauscht.

Und das Sparen? Ganz kommt Quoos um das Thema nicht herum. Ob und wie viele Stellen durch die Zentralredaktion mittelfristig wegfallen, ist zwar noch nicht klar, aber bei allen Synergien und allen Vorteilen, die eine Zentralredaktion hat, geht es natürlich auch immer darum, effizienter zu werden – und das geht selbst, wenn man dabei nicht sparsam ist.

 

Übersicht

Funke

Eigene Titel: 1 Hamburger Abendblatt | 2 Bergedorfer Zeitung, Hamburg | 3 Braunschweiger Zeitung | 4 Harz Kurier, Osterode am Harz | 5 Berliner Morgenpost | 6 Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Essen | 7 Neue Ruhr Zeitung, Essen | 8 Westfällische Rundschau, Essen | 9 Westfalenpost, Hagen | 10 Ostthüringer Zeitung, Gera | 11 Thüringer Allgemeine, Erfurt | 12 Thüringische Landeszeitung, Weimar

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