Die neue Karriere des ehemaligen Papst-Reporters der Bild-Zeitung als Rom-Reiseführer

Unser Digital-Oettl, Rom-Reiseführer Englisch, Blendle, arme Schweizer Kuh
Unser Digital-Oettl, Rom-Reiseführer Englisch, Blendle, arme Schweizer Kuh

Diese Woche startete die neue Verleger-Hoffnung Blendle in Deutschland. Die B.Z. startete eine Nackt-Kampagne gegen Facebook. Günther Oettinger wurde mit dem “Scheiß-Internet-Preis” ausgezeichnet und Andreas Englisch führt Touristen in die Totenstadt unter dem Petersdom. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Alles Blendle, oder was? Diese Woche startete das niederländische Online-Kiosk offiziell in Deutschland und die hiesige Verlegerschaft ist ganz wuschig. Schon richtig: Die Blendle-Leute sind sympathisch, der Service zum Kauf einzelner Artikel ist durchdacht, die App schaut gut aus und mit der Geld-zurück-Garantie ist das Ganze auch ganz Verlags-untypisch kundenfreundlich. Sie ahnen schon, jetzt kommt das aber: Aber erschreckend viele der bei Blendle offerierten Artikel lassen sich auch völlig gratis im Web lesen. Warum soll ich 25 Cent für ein Stück von Ansgar Graw aus der Welt ausgeben, wenn es nebenan gratis zu haben ist? Das (und die Geld-zurück-Garantie) könnte meiner Meinung nach ein größeres Problem für einen dauerhaften Erfolg von Blendle darstellen.

Die B.Z. hat am Montag ihren Provo-Kurs gegen das weltgrößte Netzwerk Facebook fortgesetzt und “aus Protest” alle B.Z.-Postings bei Facebook 24 Stunden lang mit Nackt-Gemälden aus der Kunstgeschichte illustriert. “Rigoros geht der Konzern allein gegen Inhalte im sexuellen Kontext vor. Begründung: User könnten sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt sehen. Übersetzt heißt das: Man kann Muslimen den Anblick eines Aktes (beispielsweise die „Geburt der Venus“) nicht zumuten, durchaus aber Hass, Hetze und kollektive Morddrohungen“, schrieb Chefredakteur Peter Huth zu der PR-Aktion in eigener Sache. Aber das große, blaue F ließ sich nicht so leicht provozieren und ließ die Nackerten, die von der B.Z. gepostet wurden, alle online. Na sowas! Huth bilanzierte die Folgenlosigkeit seiner Aktion recht vollmundig: “Ein kleiner Sieg für die Freiheit, ein großer Triumph für die Kunst!“ Naja. Hätte Facebook die Löschtaste gedrückt, hätte die B.Z. dies sicher zum Anlass genommen, nochmal gepflegt draufzuhauen. Für die Zeitung war die Aktion also eine Win-Win-Situation. Aber immerhin sorgte die Nackt-Offensive für einige der schönsten Text-Bild-Scheren bei Facebook:

Bildschirmfoto 2015-09-14 um 16.10.46

Wobei die Bilder manchmal auch erstaunlich gut passten:

Bildschirmfoto 2015-09-14 um 16.11.24

Es ist halt nicht ganz leicht mit diesem Internetz und der Nacktheit. Wer wüsste das besser als unser Holzkaschperle-hafter EU-Digital-Kommissario Günther Oettinger? Vergangenes Jahr, als der Skandal um geleakte Promi-Nacktfotos die Runde macht, erklärte der Oettl kurzerhand, wer von sich Nacktfotos ins Netz stelle, sei “blöd” bzw. selber schuld. Dumm halt nur, dass die betroffenen Prominenten die Fotos nicht treudoof selbst ins Netz gestellt hatten. Die Bilder wurden automatisch von Apples iCloud-gespeichert und wären normalerweise nicht öffentlich zugänglich gewesen. Die intimen Bilder wurde schlicht von Kriminellen geklaut und illegal veröffentlicht. Statt dass Oettinger sich für eine bessere Verfolgung von solchen Cyberverbrechen stark machte, verhöhnte er also die Opfer. Für diese “Leistung” erhielt der Oettl nun den “Wolfgang Lorenz Gedenkpreis für internetfreie Minuten” aus dem schönen Austria. Der Preis geht zurück auf ORF-Programmdirektor  Wolfgang Lorenz, der 2008 schimpfte, dass sich “die jungen Leute in diesem Scheiß-Internet verkriechen” würden und es ihm “scheißegal sei, was sie dort trieben. Der Preis firmiert in Ösiland darum auch unter dem Begriff “Scheiß-Internet-Preis”. Glückwunsch, Herr Oettinger!

Warum nicht mal nach Rom juckeln, statt sich immer nur in diesem Scheiß-Internet zu verkriechen? Da trifft es sich, dass der frühere Vatikan-Sonderkorrespondent der Bild-Zeitung, Andreas Englisch, sich mittlerweile als Rom-Reiseführer verdingt: “Rom mit Englisch”. Vier Tage, inklusive Flug, Hotel sowie zwei mehrgängigen Abendessen mit Andreas Englisch, kosten zum Beispiel schlappe 1.590 Euro. Dafür zeigt Englisch einem dann u.a.  – grusel, grusel – die Totenstadt unter dem Petersdom und man erkundet  “am frühen Abend alleine mit Andreas Englisch in völliger Ruhe und Stille den vatikanischen Palast und die Sixtinische Kapelle.” Natürlich ist das Erlebnis nur ruhig und still, wenn Andreas Englisch dabei die Klappe hält. Wie man aus diversen Talkshows weiß, neigt er dazu, schon mal eher laut zu werden. Pro-Tipp: Bei den Schnurren, die Andreas Englisch aus dem Vatikan berichtet, hinterher lieber zur Sicherheit nochmal im Reiseführer nachschlagen.

Beschließen wir diesen internationalen Wochenrückblick mit einem Wahlplakat, das die wunderbare Sibylle Berg ganz ohne Angst vor Lösch-Task-Forces bei Twitter und Facebook verbreitet hat und das beweist: Auch in der Schweiz ist nicht immer alles supertoll.

Beschauliches Wochenende!

 

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