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Der Netflix-Effekt: Wie Video on Demand-Dienste den persönlichen TV-Konsum verändern

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Vor einem Jahr startete der Video-on-Demand-Dienst (VoD) Netflix sein deutsches Angebot. Die kritischen Stimmen zum Start waren vielfältig. Die persönliche Bilanz nach einem Jahr Netflix fällt ausgesprochen positiv aus. Der US-Service setzt in Sachen Streaming die Referenz. Und verändert die eigenen TV-Nutzungsgewohnheiten.

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Das Angebot sei zu klein, es gebe zu wenige deutsche Inhalte, die Top-Serie “House of Cards” laufe gar nicht bei Netflix. Es hagelte reichlich Kritik an dem US-VoD-Dienst bevor das deutsche Angebot überhaupt startete. Der Tenor vieler Berichte: Die Enttäuschung sei programmiert. Nach einem Jahr muss ich feststellen: Ich habe noch nie so viel gutes Fernsehen innerhalb eines Jahres gesehen wie bei Netflix.

Zwar läuft Netflix’ Vorzeigeserie “House of Cards” mit Kevin Spacey als Politik-Monster in Washington noch immer zuerst bei Sky – aber was soll’s? Mit Zeitverzögerung sieht man die Folgen auch bei Netflix in Deutschland und letztlich ist es nur eine Serie von vielen. “House of Cards” mag noch eine vierte und vielleicht eine fünfte Staffel erleben – allerspätestens dann dürfte Schluss sein. Die Serie hat schon in Staffel 3 dramaturgisch zu kämpfen, ihr Niveau zu halten.

Dafür überschüttet Netflix seine Kundschaft geradezu mit exklusivem, hochklassigem,  neuen Material. Die Historien-Serie “Marco Polo” bot in erster Linie Schauwerte. “Daredevil” definierte das Genre der Superhelden-Verfilmungen neu. Das Familiendrama “Bloodline” ist anspruchsvolle Erwachsenenunterhaltung. Das “Breaking Bad”-Spin-off “Better call Saul” und die schwarzhumorige Reihe “Fargo” waren beste Unterhaltung. “Unbreakable Kimmy Schmidt” ist vielleicht die originellste neue Sitcom seit Jahren. Und bevor man Luft holen konnte, schickt Netflix mit der weltweit gedrehten Mystery-Reihe “Sense8” und dem Drogen-Epos “Narcos” schon die nächsten Kracher ins Rennen.

Nicht jedem Zuschauer wird dabei alles gleich gut gefallen. Den einen ist “Kimmy Schmidt” vielleicht zu schräg oder “Sense8” mit der ausufernden Transgender-Thematik zu  speziell. Und – ja – “Marco Polo” litt in der ersten Staffel an unübersehbaren Drehbuchproblemen. Trotzdem ist die Fülle an Qualitäts-Fernsehen, die Netflix innerhalb von nur einem Jahr rausgehauen haut, überaus beeindruckend.

Die Amerikaner lassen keinen Zweifel daran, dass die Welt ihr Markt ist und dass sie sich in allererster Linie als Inhalte-Produzenten verstehen. Vom DVD-Versender zum weltumspannenden TV-Filmstudio und -Vertrieb der neuen Generation. Die deutsche Konkurrenz wie Maxdome kann da auf Dauer vermutlich nicht mithalten. Allenfalls noch Amazon Prime Video. Netflix sieht die eigenen Exklusiv-Inhalte klar als strategisch entscheidend an. So wurde der Abopreis für das Standardabo jüngst moderat um einen Euro erhöht, weil man noch mehr Geld in die Produktion investieren will.

Die Inhalte sind entscheidend, der gute Service, Kundenfreundlichkeit (Abo jederzeit kündbar!) und die erstklassige technische Plattform sind selbstverständlich. Im Regelfall ruckelt nix bei Netflix. Die Verbindung ist sofort da. Jeder Inhalt wird mit deutscher Synchronisation und wahlweise Untertiteln angeboten. Man merkt, dass Netflix schon länger in dem Geschäft unterwegs ist. Amazon Prime müht sich, aufzuholen, hat den Netflix-Standard in Sachen Usability aber noch nicht erreicht.

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Auch das von einigen Nutzern schmerzlich vermisste Offline-Feature ist Teil der Strategie. Netflix setzt darauf, dass die Netzabdeckung auch unterwegs immer besser wird. Eine Offline-Funktion ist für die Amerikaner als Art Brücken-Technologie überflüssig, sobald bis wir überall drahtloses, schnelles Internet haben. Mit so etwas, geben sie sich bei Netflix gar nicht erst ab. Das zeigt, wie kompromisslos auf die Zukunft gerichtet, Netflix agiert.

TV-Sender und vor allem die Pay-Plattform Sky haben sich zum Start von Netflix betont gelassen gegeben. Allerdings ist auffällig, wie vor allem bei Sky emsige Betriebsamkeit einsetzte, als Netflix den deutschen Markt betrat. Das On-Demand-Angebot wird bei Sky massiv ausgebaut, man hat den VoD-Dienst Snap als Abwehrmaßnahme gestartet und investiert plötzlich auch deutlich mehr in eigene Exklusiv-Inhalte. Sky bleibt gar nichts anderes übrig. Wäre Netflix nach wie vor nicht in Deutschland präsent, hätte der Pay-Kanal Serien wie “Marco Polo” oder “Daredevil” garantiert mit Kusshand lizensiert.

Das Mediengeschäft wird immer globaler, nicht nur im Journalismus, auch im TV-Business. Die hiesigen TV-Konzerne spüren den Netflix-Effekt zwar nicht in ihren Bilanzen, das mag aber auch daran liegen, dass Netflix & Co (noch) keine Werbung zeigen. Die werbetreibende Industrie ist somit in Sachen TV-Werbung noch immer auf die Abspielstationen der Sender angewiesen. Was aber, wenn ein VoD-Anbieter zielgruppengerechte Bewegtbildwerbung in einem Top-Qualitätsumfeld auf den großen Bildschirm in die Wohnzimmer bringt. Vor einer Serienfolge beispielsweise, so wie es bei Sky heute auch schon der Fall ist? Perspektivisch wäre dies ein höchst attraktives Umfeld für Werbekunden jenseits von Trash-TV und vollgestopften Werbe-Breaks.

Mein persönlicher TV-Konsum hat sich seit Netflix jedenfalls enorm verändert. Immer öfter wird gestreamt. Das geht soweit, dass man sich schon ein bisschen wundert, wenn ein Film im Free-TV von einer Werbepause zerhackt wird, der Abspann abgeschnitten wird und keine Original-Tonspur mit Untertiteln verfügbar ist. Ich mag das eigentlich gar nicht mehr sehen.

Und es geht weiter: Auf der jüngsten Produkt-Präsentation hat Apple eine neue TV-Box vorgestellt, die den Fernseher in einer Art Abspielstation für Apps verwandelt. Gerüchten zufolge hat Apple sogar Pläne, selbst in die Produktion von Inhalten einzusteigen. Von TV-Sendern war während dieser Präsentation keine Rede.

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Alle Kommentare

  1. Diese Entwicklung wird vor allem dem Nutzer nutzen und hoffentlich auch der Deutschen Film- und Serienlandschaft hinsichtlich Qualität und dem dazu gehörenden Mut.

    Guter Artikel, sehr gut beobachtet, ich glaube allerdings dass Netflix keine Werbung schalten wird. Das haben die gar nicht nötig und mindert den Genuss des Nutzers und ich hoffe sehr dass das weiterhin an erster Stelle steht 🙂

  2. Natürlich brauchen Amerikaner keine Offline-Funktion: Über 90 Prozent der Bevölkerung verlässt die USA kein einziges mal im Leben. Für den typischen Europäer, der künftig auch mal auf Auslands-Reise gucken möchten, bleibt sie unverzichtbar. Vergleichbar ist das Streaming übrigens mit Sky Anytime und Sky Go, die schon vor Jahren am Markt waren – mit aktuellen Filmen, die Serien-Spezialist Netflix leider nicht bietet

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