Zeit Online-Boss Jochen Wegner: „Wir hatten zwei Leitmotive für den Relaunch: Tempo und Tiefe“

Zeit Online-Chefredakteur Jochen Wegner
Zeit Online-Chefredakteur Jochen Wegner

Publishing Schon lange war nicht mehr so viel Bewegung im deutschen Online-Journalismus: Die Bild startete ein junges Angebot und experimentiert mit neuen Erzählformen. Spiegel Online will mit Bento wieder Innovationsführer werden und Zeit Online? Die Berliner präsentieren einen Relaunch, der auf den ersten Blick fast schon altmodisch wirkt: Er rückt die Homepage wieder stärker in den Mittelpunkt. Auf den zweiten Blick zeigt sich aber, er ist vor allem eine smarte Antwort auf die mobile Revolution.

Werbeanzeige

Bereits beim ersten Aufrufen von Zeit Online fallen die ersten Umbauten direkt ins Auge. Der Aufmacher ist nun breiter, opulenter und bildgewaltiger. „Die Homepage ist nicht tot, jedenfalls nicht bei uns“, sagt Chefredakteur Jochen Wegner gegenüber MEEDIA. „Da sind wir retro. Tatsächlich wachsen wir gegen den Trend noch immer zweistellig bei Homepage und Desktop-Nutzern. Deshalb war es nur konsequent, auch viel Energie auf die Homepage zu verwenden.“

Der Online-Boss der Zeit muss selbst zugeben, dass es fast schon „höchst altmodisch“ sei, „so viel Kraft in eine exzellente Desktop-Homepage zu investieren“. Dieser Entschluss basiert jedoch nicht auf einem konservativen Bauchgefühl der Macher, sondern auf einem langen Evaluierungs-Prozess, bei dem die Berliner versucht haben, sehr genau zu erfahren, was ihre Nutzer wirklich wollen.

„Wir hatten zwei Leitmotive für den Relaunch: Tempo und Tiefe“

Diese Erkenntnisse wurden dann in einer langen und aufwendig geschlossenen Beta-Phase mit A/B-Tests einem Realitätscheck unterzogen. Nicht ohne einen gewissen Stolz weisen Wegner und sein Vize Martin Kotynek immer wieder darauf hin, dass der gesamte Relaunch auf den Wünschen und dem Nutzerverhalten der Leser basiert.

„Wir hatten zwei Leitmotive für den Relaunch: einerseits unser massives Mobil- und Social-Wachstum, andererseits den Wunsch unserer Leser nicht nur nach Tempo, sondern nach Tiefe“, erklärte Wegner. „Das stellte uns einerseits vor die Frage, wie wir unsere Site besser darauf abstimmen können, und andererseits, ob wir einen völlig neuen Journalismus brauchen.“ Die Konsequenz daraus ist, dass die Berliner einige neue Formate – wie zum Beispiel das Live-Dossier – entwickelten, die genau auf dieser Erkenntnis aufsetzen.

„Das Live-Dossier ist entstanden aus einer Art Phantomschmerz: Es tat uns weh, dass wir etwas nicht hatten, nämlich eine Art langsames Liveblog. Im Laufe der vielen kleinen Meldungen zum NSA-Skandal oder zu Griechenland verlieren nicht nur die Leser, sondern auch wir irgendwann den Überblick über die wesentlichen Meilensteine. Das Live-Dossier bietet auf wenigen Smartphone-Bildschirmen einen stets aktuellen Überblick über komplexe Themen“, erklärt Wegner.

Inspiriert ist die Neuerung von der US-Plattform Vox.com, die bereits ein ähnliches Tool bei großen Nachrichtenlagen und langsamen Themen-Entwicklungen einsetzt.

„Wenn Welterklärung gefragt ist, gewinnen wir Marktanteile“

Die Entwicklung des langsamen und hintergründigen Live-Dossiers ist gleichzeitig auch eine klare Absage an zu viele bunte und schnelle News. „Boulevard haben uns unsere Leser verboten, ihre Abneigung gegen alles Vermischte bringen sie sehr deutlich zum Ausdruck“, gibt Wegner einen weiteren Einblick in die genaue Evaluierung der Leser-Wünsche.

Zudem soll das Live-Dossier noch auf eine weitere Stärke von Zeit Online einzahlen. „Wenn Welterklärung gefragt ist, also bei den großen Nachrichtenlagen, dann gewinnen wir Marktanteile“, verrät Wegner. Diesen Vorteil soll die neue Übersichtsfunktion also noch stärken. „Wenn aber Weltmeisterschaft ist, ist das eher schlecht für uns“.

Die Zeit-Online-Macher beobachten schon länger, dass die Zeiten, in denen die Leute bei wichtigen Nachrichten automatisch zu Spiegel Online klickten, vorbei sind. „Viele sind auch online auf der Suche nach weiterführenden, einordnenden Stücken, sie wollen die Zusammenhänge verstehen, die oft künstliche Atemlosigkeit und das Boulevardeske des alten Online-Journalismus stört sie eher. Dazu können wir eine Alternative bieten. Wir sehen, dass sich der Markt der Nachrichten-Angebote immer mehr differenziert. Die kleineren können dabei stark gewinnen. Von dieser Differenzierung wollen wir mit unserem Relaunch noch mehr profitieren.“

Deshalb haben sich die Berliner entschlossen, weitere Nischen zu besetzen. Eine davon ist eine neue Quiz-Community, die ein wichtiger Teil der Renovierung ist. Darüber können alle Zeit-Online-Nutzer, aber auch die Redaktion Quizze bauen. Die besten schaffen es auf die Startseite.

Alle Ratespiele sind dabei so programmiert, dass sie über die großen sozialen Netzwerke geteilt werden können. Zudem lassen sie sich über einen Code-Schnipsel, ähnlich wie ein YouTube-Video überall einbinden. So sollen die Quizze einen maximalen Viral-Sog erzeugen.

Das erfolgreiche israelische Startups Playbuzz macht es schon länger vor, wie man mit pfiffigen Abfrage-Spielchen vor allem bei Facebook höchst erfolgreich sein kann.

„Ze.tt ist auch der Versuch, Experimente und Unsinn zu machen, die wir bei Zeit Online nicht machen würden“

Ebenfalls eine neue Nische, die Zeit Online erkannt und besetzt hat, ist die Zielgruppe der jungen, Social-Media-affinen Nutzer. Für sie gründete der Verlag etwa die neue Plattform Ze.tt. Mit der Entwicklung der ersten vier Wochen scheint Wegner erst einmal zufrieden zu sein: „Die ersten Zahlen sind sehr erfreulich. Das Angebot ist natürlich auch der Versuch, Experimente und Unsinn zu machen, die wir bei Zeit Online nicht machen würden.“

Ein anderes neues neues Format, mit dem Wegner und sein Team nach dem Relaunch punkten wollen, sind Mulitmedia-Carts. Mit Hilfe von kleinen Karten sollen komplexe Zusammenhänge in wenigen Bildern erklärt werden. Dieses Feature ist natürlich wie geschaffen für die Mobile-Nutzung.

Überhaupt ist die Mobile-Revolution das wohl wichtigste Leitmotiv dieses Relaunches. Immerhin geht es im Online-Journalismus längst überwiegend um die Frage, wie gut etwas auf den kleineren Smartphone-Bildschirmen funktioniert.

Deshalb war es für die Macher auch so essentiell, dass sie nach der Renovierung die erste komplett responsive Nachrichtenseite im deutschen Web präsentieren können. Eine direkte Folge dieses Umbaus: Die Berliner verzichten in ihren Artikelseiten auf Randspalten und zeigen unter jeder Story nur noch ein weiteres relevantes Stück zum Thema an, statt einer satten Auswahl „weitere interessanter Artikel“, die längst bei vielen News-Portalen zum Standard-Ende vieler Detailseiten gehören.

Auch wenn Wegner und sein Team den Journalismus immer wieder „neu denken“ wollen, bleibt etwas anderes ihre „größte Sorge“. Sie haben Angst „durch einen zu radikalen Relaunch unser hervorragendes Wachstum versehentlich zu drosseln“, sagt Wegner.

Im Juni erreichte die Netz-Ausgabe der Zeit 47,8 Millionen Visits. Vor zwei Jahren lag dieser Wert noch bei 29,1 Visits.

Aus der Sorge, den Traffic zu verlangsamen, wurde auch die Entscheidung getroffen, dass das neue Zeit Online nicht völlig anders als das alte aussehen solle. „Wir wissen mittlerweile sehr genau, dass die Leser zwei im Grunde widersprüchliche Tugenden von uns erwarten: Tempo und Tiefe. Diese Gegenpole versuchen wir, mit dem neuen Design und mit neuen Formaten noch besser zusammenzubringen. Unsere Homepage hat jetzt einen noch stärkeren Live-Charakter, zugleich gibt es dort besonders gestaltete Inseln mit Dossiers und Hintergrund-Beiträgen, die länger stehen bleiben.“

Bei aller Freude am Design und ausgefeilten technischen Raffinessen, geht es auch bei Zeit Online noch immer um die beste Vermittlung von Nachrichten. Deshalb sagt Wegner auch klipp und klar: „Wenn etwas wirklich Wichtiges geschieht, dann müssen auch wir die ersten sein, die es pushen.“

Die Erwartungen an den Relaunch können kaum größer sein. So ist Wegner nach den ersten Erfahrungen aus dem Beta-Test höchst optimistisch: „Die Zahlen sind so gut, dass wir die Hoffnung haben, unsere Werte langfristig verbessern zu können.“

Werbeanzeige

Mehr zum Thema

Alle Kommentare

  1. Weder Tempo noch Tiefe wurde erreicht:

    Mit dem Relaunch ist der Zeit Online Schritt in die Beliebigkeit konsequent vollzogen worden, man rennt aktuellen Trends hinterher, kann sie aber nicht einholen.
    Die Boulevardisierung und Weg in die Beliebigkeit stehen als signifikantes Signal. entstanden ist ein:

    » Boulevardblatt für Besserverdienende «

    Die Vorgehensweise der Zeit-Organe, die Einführung der neuen Seiten sind weiter fatale Signale an die Leser, denen wenig Respekt gezollt wird.

    Der Einführungstext und Verlautbarungen der Chefredaktion, siehe oben trieft vor Eigenlob und Selbstgefälligkeit und dokumentiert das Alleinstellungsmerkmal der Zeit Online:

    Deutungsarroganz, der Reflektion fehlt.

    Zeit Online hat sich nicht verändert, allenfalls die Verpackung, was sekundär ist. Den „profunden Journalismus“ von dem die Chefredaktion spricht, sucht man auf Zeit Online vergeblich, stattdessen tendenziöse wenig sorgfältige Berichterstattung und Zensur im Leserforum, in dem der Nachrichtenwert von ZEIT ONLINE steckt. Ein Nutzer hat sich gestern, 13.09.2015, treffend so ausgedrückt:

    » Ich ergötze mich an jedem gelöschten Kommentar weil es ein Eingeständnis des argumentativen Versagens ist.«

    Ergebnis: Beitrag und Account gelöscht.

  2. Danke für diesen guten Einblick und Gratulation an die Kollegen in Hamburg, das ist wirklich toll geworden. Zur Einordnung „erste komplett responsive Nachrichtenseite im deutschen Web“ möchte ich allerdings bescheiden anmerken, dass seit Ende Juli mit http://www.hessenschau.de bereits eine solche existiert 😉

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige