Chance und Risiken für Verlage: Blendle startet in Deutschland mit über 100 Titeln

Blendle-Gründer : Alexander Klöpping, Marten Blankensteijn (r.)
Blendle-Gründer : Alexander Klöpping, Marten Blankensteijn (r.)

Am heutigen Montag feiert das Online-Kiosk Blendle in Deutschland seinen ersten Start außerhalb der Niederlande, wo das Startup gegründet wurde. Zur Premiere in Deutschland sind u.a. Handelsblatt, Wired Vogue und Focus neu dazugekommen. Gefeiert wird am Abend in Berlin.

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Bei der Launch-Party hat sich auch Springer-CEO Mathias Döpfner angekündigt, der eine Rede halten will. Axel Springer gehört zu den Investoren in Blendle. Das Online-Kiosk funktioniert wie eine Art iTunes für journalistische Texte. Man kann – meistens für einige Cent – einzelne Artikel aus verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften kaufen. Bei Nichtgefallen kann man die Artikel sogar zurückgeben und erhält sein Geld zurück.

Nicht wenige hiesige Verlage haben die Hoffnung, über Blendle zusätzliche Online-Erlöse zu erhalten aber vor allem auch ihre Medien bei einer neuen Zielgruppe bekannt zu machen. Das Kalkül: Wenn der eine oder andere junge Hipster erstmal sieht, wie toll die Artikel aus meiner Zeitung/Zeitschrift sind, schließt er/sie vielleicht auch ein Abo ab. Verlage sehen in Blendle die Chance, verlorenen Boden in Sachen Paid Content gut zu machen. Ob dieses Kalkül aufgeht, vermag derzeit noch niemand zu sagen.

Mit dabei beim Blendle-Start in Deutschland sind die meisten großen Namen, u.a. Der Spiegel, die FAZ, die Süddeutsche Zeitung, die Zeit, der Stern und internationale Titel wie das Wall Street Journal, der Economist und die New York Times und viele, viele mehr. Blendle setzt konsequent auf Micropayment und unterscheidet sich damit von Mitbewerbern wie Readly, das auf ein All-You-Can-Read-Konzept setzt. Bei Readly (und anderen) zahlt man eine fixe monatliche Gebühr und kann dafür alle Zeitschriften und Zeitungen lesen, die dabei sind. Bei Blendle zahlt man für einzelne Artikel. Man könnte auch sagen: Readly ist wie Netflix oder Spotify, Blendle ist wie iTunes.

Für die Leser haben die neuen Dienste im Prinzip nur Vorteile. Viel-Leser können sich ein Flatrate-Abo bei Readly holen. Wer sich gezielt für Inhalte interessiert, kann bei Blendle stöbern. Eine Redaktion gibt dort auch Lese-Empfehlungen und man kann Leuten “folgen”, die einem Artikel empfehlen. Mit dabei als “prominente Kuratoren” sind u.a. Wolfgang Blau, Digital-Chef des Guardian, WirtschaftsWoche-Chefredakteurin Miriam Meckel, Tilo Jung von „Jung + Naiv“ und Simon Hurtz von der Süddeutschen.

Ob die neuen Online-Kioske für die Medienanbieter genauso vorteilhaft sind wie für die Leser, muss sich zeigen. Neben den Chancen birgt Blendle für Verlage nämlich auch Risiken. Bislang beruhte der Verkauf von Zeitungen und Zeitschriften auf einer Mischkalkulation. Man kaufte die Zeitschrift für relativ schmales Geld, nahm dafür hin, dass darin auch Werbung abgedruckt wird und neben den Artikeln, die einen interessieren, auch ein Haufen Zeugs drinsteht, das einen nicht interessiert. Das alte Prinzip Wundertüte.

Blendle sorgt nun für das “Unbundeling”. Das “Paket” Zeitschrift wird in seine Einzelteile zerlegt. Der Leser kann nur noch das kaufen, was ihn wirklich interessiert und – shocking! – es gibt sogar eine Geld-zurück-Garantie. Bei iTunes von Apple sorgte das Unbundeling des klassischen Musik-Albums dafür, dass die Umsätze der Musik-Industrie deutlich zurückgingen und das Album als Geschäftsmodell drastisch an Bedeutung verlor. In der Folge bekamen Live-Konzerte eine viel größere Bedeutung im Erlös-Mix der Musik-Industrie.

Hierin steckt eine Gefahr für die Verlage: Je erfolgreicher Dienste wie Blendle werden, desto wahrscheinlicher ist es, das das Geschäftsprinzip Zeitung/Zeitschrift an Bedeutung verliert. Ob das den Medienmanagern so bewusst ist?

Einen ausführlichen Praxis-Test von Blendle gibt es hier.

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Alle Kommentare

  1. Blende ist konzeptionell ohne Frage super gelöst und eine tolle Plattform. Das Problem besteht nur darin, dass die Verlage ja mit Ihren Contents überall präsent sind. Der User kann ja gar nicht erkennen, ob der Artikel woanders nicht „kostenlos“ verfügbar ist. Diese „alte“ Denke, dass es im Internet auch Distributionskanäle gibt ist völlig überholt. Würden die Verlage tatsächlich mal eine konsequente Strategie fahren, würde es auch klappen, aber dieses „hier ein bisschen, da ein bisschen“ und „hier mal Reichweite, da mal Paid Content“ verwirrt den User und verhindert so eine zielgerichtete und wirtschaftlich relevante Wirkung der digitalen Maßnahmen der Zeitungen und Magazine.
    Für Blende kan man nur hoffen, dass es klappt, weil im Gegensatz zu den meisten anderen Paid Content Angeboten Blendle zeigt, wie man so etwas technisch und Usability-seitig umsetzen muss.

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