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„Ich hätte keine Sekunde gezögert, es zu drucken. Es ist das Bild des Jahres“

Entlassener SPON-Macher Florian Harms (li.) und Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer: „Nein, es gab keinen Eklat“
Entlassener SPON-Macher Florian Harms (li.) und Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer: "Nein, es gab keinen Eklat"

Bei der seit Wochen schwelenden Mediendebatte um die Veröffentlichung von Schock-Fotos legt der Spiegel in seinem aktuellen Heft nach. In einem Interview mit dem langjährigen Fotochef und Art Director des stern, Wolfgang Behnken, thematisiert das Nachrichtenmagazin die heiß diskutierte Frage: Zeigen oder nicht? Behnkens Antwort ist ein unmissverständliches Ja. Die interne Haltung des Spiegel bleibt dagegen höchst kontrovers.

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Der Behnken-Beitrag im neuen Spiegel hat eine Vorgeschichte, die zum Verständnis erzählt werden muss. Er ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil man sich beim Spiegel selbst uneinig ist. Während Der Spiegel sowie Spiegel TV das Foto des am türkischen Strand angespülten ertrunkenen Flüchtlingsjungen im Heft und dem „Spiegel TV Magazin“ mehrfach gezeigt haben, weigerte sich der Chefredakteur von Spiegel Online, Florian Harms, das Bild zu zeigen. Harms wies seine Redaktion entsprechend an, äußerte sich jedoch bislang nicht zu seinen Motiven. Statt dessen retweetete er bei Twitter zustimmend einen Kommentar eines Zeitungsjournalisten, der Medien, die das Foto publizierten, u.a. „Verlogenheit“ vorwarf.

Erstaunlicher Weise unterschlägt Der Spiegel beim Interview mit Behnken diesen Fakt und weist lediglich darauf hin, dass „sehr unterschiedliche Medien“ anders entschieden hätten und nennt in diesem Zusammenhang nur die Süddeutsche Zeitung und „Onlinemedien“. Warum eigentlich? Schließlich ist doch klar, wie Wolfgang Behnken, der Jahrzehnte in verschiedenen führenden Funktionen beim stern die Fotosprache maßgeblich bestimmte und für den legendären Abdruck des toten Uwe Barschel mitverantwortlich war, sich positionieren würde. Behnken ist heute 70 Jahre alt. Allein, dass Der Spiegel jemand wie ihn befragte, der keinerlei operative Verantwortung mehr trägt, zeigt, wo die Print-Chefredaktion in der Frage der „Neuen Befindlichkeit“ (Behnken) der Medien steht. Für alle, die den Spiegel über die Jahre regelmäßig lesen, ist dies keine Überraschung. Das Nachrichtenmagazin Nummer eins bringt stets, was es für relevant und richtig hält, im Zweifel ohne Rücksicht auf Verluste. Das ist das Selbstverständnis einer Alpha-Redaktion. So hat Rudolf Augstein das „Sturmgeschütz der Demokratie“ ausgerichtet, gemäß seinem Credo „Sagen, was ist“.

Dieser Leitspruch ist heute noch im Foyer des Spiegel-Neubaus in der Hamburger Hafencity zu lesen, doch die Interpretation scheint in den einzelnen Abteilungen extrem unterschiedlich zu sein. Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, zugleich Herausgeber des hauseigenen Online-Mediums, lässt den SpOn-Chef in der Foto-Frage vorerst gewähren. Es ist nicht der erste Fall von redaktioneller Dissonanz zwischen Print und Online. Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine im März druckte Brinkbäumer im Spiegel Fotos und Klarnamen des Co-Piloten, der die Katastrophe bewusst herbeigeführt hatte. Harms dagegen zensierte beides und gab nach Informationen von MEEDIA nur auf Druck von oben und bockig nach: Als das Heft erschien, erfuhren SpOn-Leser den Namen des Co-Piloten; ein Foto ist auf dem Portal bis heute nicht veröffentlicht worden, obwohl der Presserat dies ausdrücklich gebilligt hatte.

Dies wohl wissend, wird man die Interview-Aussagen von Wolfgang Behnken an der Ericusspitze sehr genau zur Kenntnis nehmen. MEEDIA dokumentiert nachfolgend die hierzu maßgeblichen Fragen und Antworten:

 

Spiegel: Was denken Sie? Musste man, durfte man dieses Bild (Anmerk.: des toten Jungen am Strand von Bodrum) veröffentlichen?
Behnken: Ich hätte keine Sekunde gezögert, es zu drucken. Es ist das Bild des Jahres.

Spiegel: Viele Kollegen haben anders entschieden. Warum, denken Sie?
Behnken: Es gibt einen neuen Mainstream, ich würde es die Neue Befindlichkeit nennen. (…) Was mir auf die Nerven geht, das ist, wenn diese Moral, diese Befindlichkeit, wie eine Monstranz herumgetragen wird. Als Journalist muss ich dieses Foto veröffentlichen. Andernfalls habe ich meinen Beruf verfehlt.

Spiegel: Es gibt Journalisten, die sagen, dieses Foto verletze die Würde des Kindes.
Behnken: Die Würde dieses Kindes ist viel früher verletzt worden, durch den Krieg, durch die Flucht, aber sicherlich nicht durch (…) die Redaktion, die das Bild veröffentlicht.

Spiegel: Was macht dieses stille Bild aber so welthaltig? Wann ist, wie Susan Sontag es in einem Essay formuliert hat, die ganze Welt in einem Foto gebündelt?
Behnken: Ein Kind ist immer ein großes, starkes Symbol, ein totes Kind noch mehr. (…) Das lässt uns nicht los.

Behnken: Fotografen machen einfach ihren Job…
Spiegel: … der dann im besten Fall Politiker zum Handeln, zwingt, wie man gerade sehen kann.
Behnken: Ja, zweifellos. (…) Dieses Bild hier, mit dem Jungen am Strand, wird lange bleiben. Es wird eingehen ins kollektive Gedächtnis, weil es dem Elend ein Gesicht gibt, aber ohne ein Gesicht zu zeigen.

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Spiegel: Verstehen wir Sie richtig, dass Sie sagen, es ist moralisch einwandfreier, das Bild zu zeigen, als es nicht zu tun?
Behnken: Ich sehe das so, ja.

 

Der ganze Beitrag ist im aktuellen Spiegel (kostenpflichtiger Download hier) zu lesen, bebildert mit:

– dem abermals abgedruckten Foto des toten Flüchtlingsjungen,

– einem nach den Anschlägen auf das World Trade Center vom Hochhaus in den Tod fallenden Menschen,

– eines sich beim Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch im Todeskampf umarmenden Ehepaares,

– eines Folterfotos aus dem berüchtigten US-Gefängnis Abu Ghuraib,

– eines auf den Hungertod eines Kindes im Sudan lauernden Geiers,

– dem stern-Cover des toten Uwe Barschel in der Hotelbadewanne.

Die Fotos sind unverpixelt.

All diese Bilder sind in der Welt des im Januar angetretenen Chefredakteurs von Spiegel Online tabu, doch der gedruckte Spiegel zeigt sie. Wäre die Magazinredaktion nicht seit jeher so elitär selbstbewusst, könnte man meinen, dass sie ihre publizistische Haltung hier vor der eigenen Online-Fraktion rechtfertigt. Von Florian Harms gibt es bislang keinen Tweet dazu.

 

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Alle Kommentare

  1. Die Fakten, wie mittlerweile in der angelsächsische Presse nachzulesen sind.Der Vater des ertrunkenen Kindes war selber Schlepper. Er wollte wegen einer Zahnbehandlung nach Kanada. Das arme Kind wurde an anderer Stelle angeschwemmt und von Polizisten nachträglich derart abgelegt, dass Eindrückliche Fotos gemacht werden konnten.

  2. Zitat:
    Behnken: Es gibt einen neuen Mainstream, ich würde es die Neue Befindlichkeit nennen. (…) Was mir auf die Nerven geht, das ist, wenn diese Moral, diese Befindlichkeit, wie eine Monstranz herumgetragen wird. Als Journalist muss ich dieses Foto veröffentlichen. Andernfalls habe ich meinen Beruf verfehlt.

    Spiegel: Verstehen wir Sie richtig, dass Sie sagen, es ist moralisch einwandfreier, das Bild zu zeigen, als es nicht zu tun?
    Behnken: Ich sehe das so, ja.

    Zitat Ende.

    Abartig diese Sichtweise. Respekt? Nein wozu? Auflage zählt!

  3. Solche Bilder passen halt nicht in die heile Welt von Harms und seinem Credo eines „positiven“ Journalismus. Peinlich!

  4. Lesen sie doch mal SPIEGEL Online eine Woche lang…, täglich von 6.00 Uhr bis 24.00, jeden Artikel mit den diversen Rubriken und Zeilen durch…, man glaubt es kaum…, welcher Unsinn von Artikeln sich da verfangen haben…, da frage ich mich allmählich…, wer zeichnet so etwas ab und gibt es frei…!!!
    Früher war SPON ein Info- Medium, heute mit Kraut und Rüben durch sät…!!!
    Teilweise übernommene Meldungen, Investigativ geht gegen Null, einmal in der Woche mal einsehen reicht vollkommen…!!!
    Ich bin kein BILD Freund, aber was die Schnelle der Meldungen anbelangt, unerreicht in DE, SPON ist von der BILD meilenweit weg…!!!

  5. Das Kind mußte sterben, weil der Vater
    a) wegen neuer Zähne
    b) aus der Türkei, in der er lebte,
    c) nach Deutschland wollte.
    Sagt seine kanadische Schwester im TV!

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