Apple-Keynote: Mittelmaß ist der neue Goldstandard

Apple-Boss Tim Cook, jährliche iPhone-Neuvorstellung: notorisch verkrampftes Verhältnis zu den Medien
Apple-Boss Tim Cook, jährliche iPhone-Neuvorstellung: notorisch verkrampftes Verhältnis zu den Medien

Alles wie erwartet: Gestern präsentierte Apple auf seiner Keynote in San Francisco Neuigkeiten, die längst keine mehr waren – bis ins allerletzte Detail waren die neuen iPhones, das iPad Pro und neue Apple TV bereits im Vorfeld bekannt. Apples Management spulte so uninspiriert und lustlos das Pflichtprogramm ab, dass selbst die bezahlten Claqueure im Bill Graham Auditorium das Jubeln auf Knopfdruck vergaßen. Dem iKonzern wird es egal sein: Die Strahlkraft der Marke ist weiter so groß, dass Apple aktuell auch ohne große Innovationen auskommt.

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Die „Old White Men“ waren müde. Steif wie vor vier Jahren, als er gerade die Amtsgeschäfte von Steve Jobs übernommen hatte, spulte Apple-CEO Tim Cook, das Hemd diesmal unvorteilhaft in die Hose gesteckt, der erste Bauchansatz erkennbar, das Pflichtprogramm ab. Es ist schließlich wieder September, was so sicher wie die ersten Lebkuchenherzen in den Supermärkten bedeutet: Das Weihnachtsgeschäft naht.

Neue iPhones, die haargenau so aussehen wie die alten, schickt Apple in die wichtigsten Monate des Jahres, eine überfällige Auffrischung seiner Set-Top-Box Apple TV inklusive einer Sprachsuche und des lang herbeigesehnten App Stores sowie ein großes iPad, als sollte die Erfolgsmaxime des Vorjahres „The bigger, the better“ nun auch in der schrumpfenden Tabletsparte kopiert werden – ein ziemlich fragwürdiger Ansatz.

Ein Pencil mit Symbolkraft: Apple wird zur Parodie seiner selbst

Für echtes Kopfschütteln sorgte Marketingchef Phil Schiller indes mit der 99 Dollar teuren Zugabe zum Business-iPad: dem von Steve Jobs verhöhnten Stylus, den Apple deswegen auch lieber „Pencil“ taufte.

Als Designchef Jony Ive mit sonorer Stimme und den üblichen Apple-Phrasen im Werbevideo die Vorzüge des „wirklich bemerkenswerten“ Pencil beschrieb, fühlte man sich an die „BookBook“-Persiflage von Ikea erinnert –  für einen Moment schien sich Apple selbst zu parodieren. Der Pencil stellt nicht nur einen krassen Bruch mit der Vergangenheit dar – er ist auch die eigentliche Versinnbildlichung des Apples im Jahr 2015.

Das „Only Apple can do“-Mantra wirkt weiter

Der iKonzern schert sich unter Tim Cook immer weniger um seine Vergangenheit – er könnte heute auch digitale Briefmarken oder virtuelle Stofftiere auf den Markt bringen und sie mit exakt denselben Superlativ-Phrasen anpreisen. Only Apple can do. Alles scheint denkbar, so erdrückend ist Apples Marken- und Marktmacht in diesen Tagen.

Selbst an Umarmungen mit notorischen Erzfeinden scheint Apple-Chef Tim Cook aus einer Position der Allmacht inzwischen Gefallen zu finden: Ausgerechnet Adobe und Microsoft bekamen gestern kostbare Minuten „stage time“ und wurden als „good friends“ vorgestellt. Mit dem 13 Zoll großen iPad inklusive 169 Dollar teurer Hüllentastatur lieferte Apple dann passend dazu auch gleich die Hommage an Microsofts Business-Tablet Surface Pro, das bereits vor zwei Jahren debütierte.

Copycat Apple: Liste von nachgeahmten Produkten wird länger 

So sieht Apples Innovationskraft anno 2015 aus: Nachempfundenes Mittelmaß ist der neue Goldstandard – designed in Cupertino, inspired somewhere else. Kleine Tablets? Da war was dran, wie Amazons Kindle Fire vorgemacht hatte. Also schrumpfte Apple das iPad 2012 zum iPad mini. Große Smartphones? Samsung hatte 2012 bis 2013 extrem erfolgreich vorgemacht, das Käufer Phablets wollen und Apple damit um Milliardengewinne gebracht. Erst 2014 zog der iKonzern mit dem 4,7 Zoll großen iPhone 6 und 5,5 Zoll großen 6 Plus nach, die bis Ende des Jahrzehnts den Größenstandard setzen dürften.

Ein Musik-Streaming Services? Offenbar waren die Startupper von Spotify doch keine Clowns, also wurden nach Jahren des Herumdokterns in diesem Sommer Apple Music ins Rennen geschickt. Filmsuche per Spracheingabe? Amazon bietet das mit seinem Fire TV schon länger an. Also zieht Apple mit dem neuen Apple TV nun nach, das im nächsten Jahr um einen Film-Streaming-Service à la Netflix ergänzt werden dürfte.

Immer deutlicher wird damit die Handschrift der Tim Cook-Ära: Sie ist verkniffen, ohne Schörkel, aber mit Nachdruck. Es ist die Handschrift eines Verwalters – nicht eines Künstlers.

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Alle Kommentare

  1. Na dann warten wir doch einfach mal ab, bis in 3 Monaten die normative Kraft des Faktischen diesen schwachen Artikel komplett widerlegt hat. Herr Jacobsen sei es verziehen, er ist ja auch noch etwas zu jung für eine „weise“ Marktsicht und Analyse von Trends…

    1. Es wäre jedenfalls nicht das erste mal, dass sich Hr. Jacobsen irrt. Ich finde es verdammt schade, dass derart subjektive Artikel veröffentlicht werden. Ich dachte MEEDIA dient der Information und nicht der Beeinflussung der Leser. Da lag ich wohl falsch…

  2. Zunächst einmal fand die Produktpräsentation im BILL Graham Auditorium statt und nicht im PHIL Graham Auditorium…

    Des Weiteren ist der Pencil kein Bruch mit der Vergangenheit… Steve Jobs verschmähte einen Stylus damals lediglich im Zusammenhang mit dem iPhone… Und der Apple Pencil arbeitet mit Sicherheit genauer als ein Finger, weshalb er bei einem großen Tablet sicherlich sinnig sein kann…

    Und was bitte ist denn das für eine Äußerung, dass Apples Liste der Kopien länger wird? Nur weil ähnliche Funktionalitäten implementiert oder Konkurrenzprodukte hergestellt werden? Wo bleibt denn der Wettbewerb, wenn andere Hersteller nicht auch kleine Tablets, große Smartphones oder Sprachsuche etc. entwickeln dürften? Nennt man alle anderen Hersteller auch „Copycats“ nur weil sie seit Apple 2010 auch mit der Produktion von Tablets begonnen haben? Seit wann wurden Smartphones denn populär? Seit dem iPhone 2007 – andere Hersteller bringen seitdem auch ihre Smartphones an den Markt – kaum beginnt Apple mal etwas später als die anderen zu umzusetzen (bspw. größere Smartphone-Displays), spricht man von Nachahmung.

    Wie immer ein ganz schwacher, unseriöser und vor mangelnder Information strotzender Artikel vom Hrn. Jacobsen – habe nichts anderes erwartet…

  3. „…das Hemd diesmal unvorteilhaft in die Hose gesteckt, der erste Bauchansatz erkennbar…“

    Also bitte……!

  4. Ich war vom iPhone 3gs bis zum iPhone 6 treuer Apple Kunde, und immer zufrieden damit mehr zu bezahlen, und dafür eine Top Leistung zu bekommen.

    Leider passt das was ich in diesem Jahr an Softwareproblemen mit iPhone und iPad hatte absolut nicht mehr zum „wir sind die besten“ Versprechen.

    Ein Beispiel: Apple spart seit jeher beim Arbeitsspeicher. Nur 1 GB, während die viel billigere Konkurrenz 2-4GB verbaut. Dieses technische Detail wäre für Apple Kunden völlig unwichtig – wenn die Geräte trotzdem schnell und problemlos funktionieren würden.

    Aber wenn Webseiten beim TAB Wechsel JEDES Mal komplett neu laden, weil das Gerät „gerade so“ eine Seite im Speicher halten kann dann ist es nicht mehr egal. Oder wenn ich zu Apple Music wechsle um die Musik wieder zu starten – und der App mal 15-30 Sekunden beim neu Laden zusehen darf – bevor ich Play drücken kann. Und das wenn ich nur zwischen 3 Apps wechsle.

    Es passt einfach nicht mehr, wenn man ständig hört wieviel Gewinn Apple bei jedem Gerät abschöpft, und trotzdem so sehr am Speicher spart dass die Nutzung grob beeinträchtigt wird (bei einem knapp 1 Jahr alten Gerät).

    Es passt nicht wenn Geräte mit einer absurden 16GB Ausstattung verkauft werden während 4k Video Funktionen gepriesen werden.

    Nach vielen Jahren im Apple Ökosystem habe ich nun den Sprung zu Android gewagt, und ein LG G4 gekauft (statt dem iPhone 6s plus). Es ist leichter, kleiner (ca. 1 cm kürzer bei gleich großem Schirm), in der Mitte etwas dicker, aber dank Wölbung angenehmer zu halten. Mit Leder bezogen – griffiger und wärmer als Alu oder gar Glas. Extrem schnell in der Bedienung. Zum halben Preis.

    Schade, dass Apple sich in eine Richtung entwickelt wo eher der Schein zählt, während die Leistung und der Nutzen der Produkte in den Hintergrund gedrängt werden.

  5. Ist ja alles recht, aber den Pencil von gestern mit dem Stylus von 2007 zu vergleich, ist Nonsens.

    Der Stylus, den SJ meinte, war ein dummes Ding. Man konnte damit auf den Bildschirm tippen und das OS steuern. Er tat nichts, was ein Finger nicht auch kann. Er war überflüssig.

    Beim Pencil ist es genau andersrum: Er tut all das, was man mit einem Finger *nie* erreichen könnte. Er ergänzt den Finger. Ihn nicht einzuführen, wäre auf Dauer Quatsch gewesen, ganz egal ob das 2015 noch innovativ ist oder nicht.

    1. Vielen Dank für diesen Kommentar. Hätte eigentlich der Autor drauf kommen können, aber gut. Abschreiben geht halt schneller als nachdenken.

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