Mangelnde journalistische Sorgfalt: Bildblog löscht Artikel und entschuldigt sich bei Ex-Bild-Chef

Ex-Bild-Chef Udo Röbel und die falsche Privatjetpiloten-Story im Bildblog
Ex-Bild-Chef Udo Röbel und die falsche Privatjetpiloten-Story im Bildblog

Die Meldung des Bildblog vom vergangenen Montag entbehrte nicht einer bizarren Komik: Udo Röbel, früher mal Chefredakteur der Bild-Zeitung, sollte auf seiner Seite Fairpress.biz in fragwürdigem Deutsch Brettspiele und Simulationsgames für Privatjetpiloten promoten. Das Problem an der lustigen Story: Röbel hat mit der Website nichts zu tun. Das Bildblog teilte ihm mit, dass man bei "Bild-Leuten" vor Veröffentlichung prinzipiell nicht nachfrage.

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„Nutzen Sie die Möglichkeit der binären Optionen mit unseren neuesten Board Games nicht nur wer ein Privatflugzeug mieten möchte.“ So beginnt ein Text auf der Website Fairpress.biz unter der Überschrift „Binäre Optionen mit unseren neuesten Board Games“. Die Seite ist voll mit Texten in schrägem Deutsch, die Spiele „für Privatjetpiloten“ promoten und auf Seiten wie www.meinprivatjet.com verlinken.

Nun muss man wissen, dass Fairpress.biz vor Jahren mal ein Projekt des früheren Bild-Chefredakteurs Udo Röbel war. Röbel wollte mit Fairpress.biz eine Plattform für Gegenrede im Internet etablieren. Leute, die das Gefühl hatten, über sie sei in Medien falsch berichtet worden, sollten dort Gehör und Öffentlichkeit finden. Nach kurzer Zeit schlief das Projekt jedoch ein. Die Firma Fairpress.biz wurde aufgelöst und im Handelsregister gelöscht. Röbel widmete sich wieder anderen Dingen. Aktuell baut er für die Verlagsgruppe Madsack eine zentrale Redaktion in Berlin auf.

Nun ist Bildblog-Autor Moritz Tschermak offenbar auf die Seite Fairpress.biz aufmerksam geworden, die es im Netz immer noch gibt. Statt einer Hilfsseite für Medienopfer finden sich dort nun aber die genannten wirren Spam-Beiträge für Privatjetpiloten-Games. Betrieben wird die Seite offenbar aus Indien. Fragmente der Original Fairpress-Seite sind dort aber noch zu finden und auch der Name Udo Röbel taucht als Herausgeber auf. Für das Bildblog war dies Anlass, genüsslich den Unfug auszubreiten, der dort über Privatjetpiloten-Games fabriziert wird und mit dem ursprünglichen Ansatz von Röbels Fairpress-Seite zu kontrastieren. „Laut whois-Abfrage sitzt der Eigentümer der Seite in Indien. Herausgeber ist nach wie vor: Udo Röbel“, schrieb das Bildblog.

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Ein ehemaliger Bild-Chef, der sich erfolglos als Helfer für Medienopfer versuchte und mit seiner Seite jetzt Gaga-Spam für Jetpiloten-Games betreibt – so der Eindruck nach der Lektüre. Eine lustige Story fürs Bildblog auf Kosten von Röbel. Das Problem dabei: Die Story stimmt nicht. Röbel hat mit der Seite tatsächlich nichts zu tun, die Firma Fairpress.biz existiert seit Jahren nicht mehr. Die indischen Spammer haben offenbar Fragmente der alten Fairpress-Seite und die freigewordene Internet-Adresse für ihre Zwecke genutzt.

Das hätte das Bildblog schnell mit einer Nachfrage bei Röbel herausfinden können. Aber nachfragen bei „Bild-Leuten“ hält man beim Bildblog interessanterweise für unnötig. Udo Röbel gegenüber MEEDIA:

Ich habe ihn (den Autoren der Bildblog-Geschichte, Anm.d.Red.) gefragt, warum er nicht vorher angerufen hat und einmal nachfrage, wie es jeder Volontär gemacht hätte. Die Antwort: Sie hätten beim Bildblog die Erfahrung gemacht, dass Bild-Leute nie antworten oder zurückrufen würden. Mal abgesehen davon, dass ich seit über zehn Jahren nicht mehr bei der Bild bin, habe ich mich immer schon mit allen Leuten unterhalten. Das gehört sich so.

Bildblog-Chefredakteur Mats Schönauer sagte dazu auf Anfrage von MEEDIA:

Die „Bild“-Redaktion ignoriert unsere Anfragen in der Regel, es sei denn, der Fehler ist besonders peinlich. Bei Twitter scheitert es meist schon daran, dass die „Bild“-Leute nicht mal unseren Vorwurf  verstehen wollen. Darum verzichten wir meist darauf, eine Stellungnahme von ihnen einzuholen. Dass wir das im Fall Röbel nicht getan haben, war ein Fehler und tut uns leid.

Nachdem sich Röbel beschwert hatte, veröffentlichte das Bildblog zunächst einen Nachtrag, dass sich Röbel gemeldet habe, erkläre „null“ mit der aktuellen Fairpress.biz-Seite zu tun zu haben und dass die Löschung der Firma im Handelsregister stimme. Der Text selbst blieb aber online.

Screenshot von Bildblog.de:

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Röbel gab sich damit nicht zufrieden und beschwerte sich erneut. Er drängte darauf, dass die Story entfernt wird. Dies geschah dann auch. Mittlerweile findet sich an Stelle von Röbels Flying Circus folgender Hinweis:

Hier befand sich zuvor ein Eintrag über die Seite fairpress.biz, die mal vom ehemaligen „Bild“-Chef Udo Röbel herausgegeben wurde (als Hilfsprojekt für Medienopfer) und heute für merkwürdige Spam-Inhalte benutzt wird. Wir hatten geschrieben, Röbel sei, wie auf der Seite behauptet, immer noch der Herausgeber, doch das stimmt nicht. Das hätten wir auch herausgefunden, wenn wir bei ihm nachgefragt hätten. Das haben wir aber nicht. Daher haben wir den Eintrag jetzt gelöscht und bitten Udo Röbel und unsere Leser um Entschuldigung.

Das ist eine klare Richtigstellung und Entschuldigung von Seiten des Bildblog im zweiten Anlauf. Bemerkenswert bleibt allerdings die Argumentation des Bildblog-Mitarbeiters gegenüber Udo Röbel, warum man ihn nicht vorher gefragt hat. Und bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass es offenbar mehrerer Beschwerden bedurfte, bis die falsche Story offline genommen wurde. Wäre das der Bild-Zeitung (oder einem anderen Medium) passiert – die entsprechende Bildblog-Story hätte wohl nicht lange auf sich warten lassen. Bleibt die Erkenntnis: Beim Bildblog arbeiten auch nur Menschen, die ab und zu Fehler machen. Hat ja auch was Beruhigendes.

(swi) 

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Alle Kommentare

  1. Bei Bildblog gibt es drei Hauptthemen:

    -Einschränkungen der Pressefreiheit, Selbstmitleid der Journalisten
    -Gegen Rechts, nur kein falsches Wort über Flüchtlinge
    -Sonstige Besserwisserei gegen BILD, scheinheiliger Moralismus.

  2. Selbstgerechtigkeit fällt jedem irgendwann auf die Füße. „Bildblog“ war mal ein tolles Projekt, ist aber längst zu einer ganz eigenen Blase geworden. Ein eng verfilztes Netzwerk mit all den Stärken und Problemen, die so was mit sich bringt.

  3. Bildblog arbeitet halt genau so unseriös wie BILD.
    Was ja auch schon auf den Multimillionär Günther Wallraff zutraf. Sonst wäre er kein Millionär geworden.

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