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„Der kreative Kreislauf wird gestört“ – RTL-Group-Chefin Anke Schäferkordts Appell an die Medienregulierung

Anke Schäferkordt war Co-CEO der RTL Group und leitet die Mediengruppe RTL Deutschland
Anke Schäferkordt war Co-CEO der RTL Group und leitet die Mediengruppe RTL Deutschland

In einem Gastkommentar für das Handelsblatt appelliert RTL-Group-Chefin Anke Schäferkordt an die Medienregulierung, das Urheberrecht besser durchzusetzen. Die TV-Managerin fürchtet gravierende Nachteile für die heimische Medienindustrie gegenüber illegalen Piraterie-Plattformen und transatlantischen Internetriesen. MEEDIA dokumentiert den Kommentar mit freundlicher Genehmigung des Handelsblatts.

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ein Gast-Kommentar von Anke Schäferkordt

Zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein können. Die eine Ägyptens bekannteste Bauchtänzerin, aufreizend und selbstbewusst. Die andere eine strenge Salafistin, stets verschleiert, schüchtern, ja misstrauisch. Die eine führt ein Leben im Rampenlicht. Jeder Auftritt wird gefilmt von zahllosen Handys. Unter den Fans auch viele Frauen mit Kopftüchern. Die andere lebt zurückgezogen, beinahe verschanzt in ihrer Wohnung. Ein nonnenartiges Schattenleben.

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Fast ein Jahr hatte RTL-Chefreporterin Antonia Rados die Schwestern begleitet, in Zeiten schwerer politischer Unruhen. Ihr Resümee: „Im Schicksal der Schwestern spiegelt sich das Schicksal von Ägypten – eines ganzen Landes.“ Das Beispiel zeigt: Wer über Politik und Zeitgeschichte jenseits der täglichen Nachrichten berichten will, muss vor Ort sein, mit den Menschen reden, ihre Geschichten erzählen. Und das bedeutet, Geld und Zeit zu investieren.

Ob private TV- und Radiosender, öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Zeitungen oder Magazine: Es sind vor allem die „klassischen“ Medienunternehmen, die journalistische und kreative Wertschöpfung finanzieren und damit erst möglich machen – auch in der digitalen Medienwelt.

Medienunternehmen sind seit jeher die wichtigsten Partner der Kreativen, Produzenten, Autoren und Journalisten. Sie bündeln die Inhalte von Urhebern, schaffen Marken, monetarisieren die Nachfrage nach diesen Inhalten und reinvestieren dann wiederum in Kreativität, Journalismus, neue Talente. So auch die Mediengruppe RTL Deutschland, die heute ihr neues Hauptstadtbüro mit mehr als 150 Mitarbeitern eröffnet. Nur so kann ein gesunder Kreislauf funktionieren.

Was aber, wenn dieser Kreislauf nachhaltig gestört wird?

Nichts anderes geschieht, wenn Inhalte ungefragt kopiert, zu einem neuen Angebot gebündelt und über das Netz verbreitet werden. In der digitalen Welt geht es nicht mehr um CD- oder VHS-Kopien für den privaten Gebrauch. Es geht um professionelle Piraterie, die den wichtigsten Rohstoff unserer Industrie, das geistige Eigentum, schnell und nachhaltig entwertet. Ein starker Urheberrechtsschutz ist daher unverzichtbare Voraussetzung für eine funktionierende deutsche Kreativwirtschaft – immerhin die viertgrößte Branche Deutschlands.

Der kreative Kreislauf wird aber auch gestört, wenn anderen Marktteilnehmern erlaubt wird, was den Rundfunkunternehmen untersagt ist. Und dies, obwohl die Inhalte von TV-Sendern, Online-Video-Diensten, Printverlagen und sozialen Netzwerken heute gemeinsam auf demselben Bildschirm desselben Empfängers erscheinen.

Ein Beispiel: Im Markt für Online-Videowerbung konkurrieren die europäischen TV-Unternehmen mit weltweit agierenden Giganten. Einerseits ermahnt uns die Politik beständig, wir mögen unsere Geschäftsmodelle weiterentwickeln, um mit den US-Internetriesen Schritt zu halten. Andererseits wurde in Deutschland eine gemeinsame, senderübergreifende Technikplattform für Fernsehen auf Abruf schon vor dem Start untersagt.

Die Gewinner dieser Überregulierung unseres Sektors haben ihre Wertschöpfung überwiegend auf der anderen Seite des Atlantiks. Vielen von ihnen ist übrigens das Kreativgeschäft zu aufwendig und risikoreich. Anstatt in neue Inhalte zu reinvestieren, setzen sie überwiegend auf „Skalierung“ ihrer Geschäftsmodelle, mit den Inhalten anderer. Ihr Ziel ist es, ihre datengetriebenen und zweifellos technisch führenden Plattformen in möglichst viele Märkte auszurollen – um dann immer mehr Marktteilnehmer an ihre Plattform und die damit verbundenen Software- und Vermarktungslösungen zu binden.

Eine bislang wenig hilfreiche Anwendung des Kartellrechts, Schwächen bei der Durchsetzung von Urheberrechten und ein geradezu absurdes Geflecht wenig zeitgemäßer Werbevorschriften – diese Faktoren behindern die deutsche und europäische Kreativindustrie und machen damit andere stark.

Bei allem Verständnis für die Komplexität fairer Regulierung in sich rasant ändernden Märkten: Wir als Unternehmen nehmen die Herausforderungen an. Jetzt ist es Zeit, auch die Medienregulierung komplett neu zu denken, strukturelle Ungleichheiten abzubauen. Diese große Aufgabe gehört im Interesse einer starken europäischen Kreativindustrie nach oben auf jede digitale Agenda.

Die Autorin ist Co-CEO der RTL Group und Geschäftsführerin der Mediengruppe RTL Deutschland. Dieser Text erschien ursprünglich in der Handelsblatt-Print-Ausgabe vom 9.9.2015. MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt.

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Alle Kommentare

  1. Bertelsmann gehört zu den wenigen Medienunternehmen, die schon immer erfolgreich waren und auch für die Zukunft gut gerüstet sind. Immerhin hat man den Scharlatan Middelhoff ohne Schaden überstanden, ganz im Gegensatz zu Karstadt. Umso erstaunlicher und umso unverständlicher finde ich dieses Statement der RTL-CEO. Ein Hilferuf an den Staat und die unverblümte Forderung nach einem Schutzzaun passt überhaupt nicht zu Bertelsmann. Der Wettbewerb und nicht der Schutzzaun sind der Kreativ-Motor. Die Zukunft ist weltweit vernetzt und die Medieninstrumente nicht mehr Sache weniger Meinungsmacher. Die Kommunikation und mediale Vernetzung werden zu einem reagiblem Massenphänomen, dem man nicht mit einem stärkeren Copyright begegnen kann. Die Dame möge sich selbst auf kreative Vorschläge konzentrieren, denn Beides müsste möglich sein: Schutz von wirklich kreativen Werken (da ist das Beispiel der Reportage in Ägypten richtig gewählt) und die ungehinderte Nutzung von Informationen, die global zur Verfügung stehen. Im heutigen globalen Web ist das Copyright nur dann zu retten, wenn es sich nicht als nationale Bremse im internationalen Wettbewerb, sondern modifiziert präsentiert. Also liebe RTL-CEO, seien Sie kreativ!

  2. Das sich RTL sich selbst zur Kreativindustrie zu zählen scheint, ist schon witzig.
    Wenn man denn das schlechte Programm des Senders bedenkt, ist es auch nicht verwunderlich, wenn man Sündenböcke sucht, die natürlich eher Schuld haben. Anstatt mal das eigene Produkt auf den Prüfstand zu schicken und auf Markttauglichkeit zu pürfen… Andere Produkte, gerade im Streaming, haben wirklich kreativen Output und heulen nicht über Urheberrechtsverletzungen!

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